Tanya A. Wegberg: memory error – oder Wie mein Vater über den Jordan ging

Rowohlt Tb.
ca. 320 Seiten / € 8,95

COVER:

Der 17-jährige Jordan Askani lebt seit einigen Monaten in Berlin und hat keine Ahnung, wie er dort hingekommen ist. Nach einem längeren Klinikaufenthalt und der Diagnose »Dissoziative Störung« hat er einen Platz in einem betreuten Jugendwohnprojekt bekommen. Gemeinsam mit sieben weiteren Jugendlichen und zwei Sozialpädagogen lebt er in einer Villa am Branitzer Platz und besucht ein Gymnasium.
Jordan wird von einem Traumatherapeuten psychologisch betreut, mit dem er versucht, seine Kindheit und Jugend im niederrheinischen Wallfahrtsort Kevelaer zu rekonstruieren. Mühsam und in kleinen Schritten erschließen sich ihm die verschütteten Erinnerungen an den frühen Tod seiner Mutter, an das spurlose Verschwinden seines großen Bruders, an den Missbrauch und den Selbstmord seiner älteren Schwester und schließlich auch daran, dass er selbst von seinem Vater misshandelt und sexuell missbraucht wurde.
Die Folgen dieser traumatischen Erlebnisse überschatten seinen Alltag noch immer: Er leidet unter dissoziativen Fugues, also Zeitabschnitten, in denen er meist längere Strecken zurücklegt und an die er hinterher keine Erinnerung mehr hat. Auch zahlreiche kleinere Aussetzer im Alltag, Selbstverletzungen, Alpträume, das Vergessen von wichtigen Informationen, häufige Kopfschmerzen und ein gelegentliches Gefühl der Unwirklichkeit gehören zu seinem Krankheitsbild.
Vor allem aber belastet Jordan die Frage, ob er für den Brand seines Elternhauses und dadurch auch für den Tod seines Vaters verantwortlich ist – ein Ereignis, an das er sich zwar nicht erinnern kann, das
aber seiner Reise nach Berlin unmittelbar vorausgegangen sein muss. Trotz intensiver polizeilicher Ermittlungen gibt es keine Hinweise auf eine Brandstiftung, aber auch keine eindeutige Entlastung für Jordan.
Kraftquellen sind für ihn sein selbstironischer, fatalistischer Humor, der katholische Glaube, eine überdurchschnittliche Intelligenz, verbunden mit unstillbarem Wissensdurst, sowie die hübsche, selbstbewusste Natalie und ihre Schwester Rebecca, mit denen er erste erotische Erfahrungen sammelt.
Sehr wichtig sind für Jordan auch die Freundschaften, die er mit zweien seiner Mitbewohner schließt: mit dem hyperaktiven, anstrengenden, aber gutherzigen Tim und besonders mit seinem »Seelenbruder« Robin, einem tablettenabhängigen und suizidgefährdeten Goth-Punk, der ihn die ebenso spröde wie zärtliche Verbundenheit zweier verletzter, verlorener Kinder erfahren lässt.
Immer auf dem schmalen Grat zwischen Wirklichkeit und Filmriss, unternimmt Jordan verzweifelte Versuche, die Kontrolle zu bewahren: Er setzt sein hübsches Gesicht, seine kindlich-unschuldige Ausstrahlung und eine gespielt naive Fügsamkeit ein, um andere für sich einzunehmen, was bei Erwachsenen allerdings besser funktioniert als bei Gleichaltrigen.
Mit großem Ehrgeiz arbeitet er an seiner Wirkung auf andere und bemüht sich, seine Mitmenschen unbemerkt zu manipulieren. Zu ihrer Kategorisierung vergibt er Sympathiepunkte auf einer Skala von eins bis zehn. Doch immer wieder ist er zu emotional oder zu wenig abgebrüht, um seinen eigenen Ansprüchen zu genügen, und häufig kollidieren sie auch mit seiner religiösen Grundeinstellung.
Das Wiedersehen mit seinem jahrelang verschwundenen Bruder Samuel schließlich bewirkt endlich, woran Hypnose und Gesprächstherapie bisher gescheitert sind: Jordans letzte große entscheidende Gedächtnislücke – der Tod des Vaters und die Reise nach Berlin – füllt sich mit Bildern in einer sinnvollen chronologischen Abfolge. Die Wucht der Erinnerungen ist schmerzlich, aber sie bedeutet auch die allmähliche Abkehr von Schuldgefühlen, Selbstzweifeln und Ängsten und öffnet den Weg in ein selbstbestimmtes Erwachsenenleben.

REZENSION:

Manche Dinge sind so perfekt, die bedürfen dem überhaupt nicht, dass man sie kaputt redet oder schreibt, selbst dann nicht, wenn die Sache an sich, um die es geht, kaputt ist.
Und dieses Buch ist krank! Oh nein, das ist keinesfalls abwertend gemeint, ganz im Gegenteil… !
Jordan, der 17-jährige Protagonist dieses Romans, leidet unter einer dissoziativen Störung, ausgelöst durch ein traumatisches Erlebnis, an das er sich aber nicht erinnern kann.
Überhaupt plagen ihn Gedächtnislücken, Fugues – unerwartet verschwindet er plötzlich aus seiner gewohnten Umgebung und taucht irgendwo anders wieder auf, manchmal nach wenigen Minuten, ein anderes Mal nach einigen Tagen, und kann sich nicht daran erinnern, wie er dort hin kam und was er dort machte, wenn er plötzlich wieder Herr seiner selbst wird.
Diese Aussetzer quälen ihn – aber für den Leser seiner Geschichte ist es alles andere als eine Qual ihn durch diese Kapitel seines Lebens zu begleiten.
Dieses Buch ist irre, weil der sympathische Titel-(anti)-held am Rande des Wahnsinns spaziert – und jeder, der auf etwas steht, dass verrückt und zugleich realistisch ist, wird „Memory Error“ zwangsläufig lieben.
Dieser Roman befasst sich mit so ernsten, schwerwiegenden Themen, wie amnetischen Episoden, selbst verletzendem Verhalten, Essstörungen und gar Missbrauch. Nichts, was man mit Leichtigkeit übergehen oder wegstecken würde. Und dennoch schafft es der Schreibstil der Autorin in all der Verzweiflung einen amüsanten Unterton mitschwingen zu lassen, der stets etwas tröstendes ausstrahlt.
„Memory Error“ hat zurecht den Status eines Kultbuches verdient!
Obwohl das Buch von einem Jugendlichen handelt, im jugendlichen Ton geschrieben wurde und als Jugendbuch deklariert ist, würde ich es nicht nur junggebliebenen Erwachsenen empfehlen, sondern jedem, der älter ist als 14 Jahre.
Ob nun der Vater über den Jordan ging, Jordan von seinem Vater übergangen wurde oder warum es zu dem Untertitel kam, das kann ich nur jedem anraten selbst herauszufinden.
Der sich zunehmend selbst verlierende Protagonist leitet jedenfalls jeden Leser dazu an, sich ständig auf die neue Suche nach sich selbst zu begeben und alles zu hinterfragen und Antworten nicht einfach bloß so im Raum stehen zu lassen.
Miriam Stephanie Reese (2009)

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