Marie Cristen: Das flandrische Siegel

C by Gaby Schuster, vertreten durch Medienbüro München
c 2009 by Knaur Verlag
Ca. 555 Seiten / € 16,95

COVER:

Im Brügge des frühen 15. Jahrhunderts wächst im Handelshaus Contarini ein Mädchen heran, das nicht in seine Zeit passt. Anstatt nach dem familiären Willen zu handeln, ist Christina, die Enkelin von Aimée und Domenico Contarini, stolz und frei, gebraucht ihren Kopf und will um keinen preis eine Vernunftehe eingehen – schon gar nicht mit Hendrik van der Molen, einem Ehrgeizling, der ihren geliebten Bruder mit einer ungeheuerlichen Behauptung erpresst. Verzweifelt beschließt sie zu fliehen – zusammen mit ihrem Bruder, ihrem jüdischen Geliebten Daniel und ihrer besten Freundin. Venedig, wo die Familie Contarini einflussreiche Verwandte besitzt, müsste der Ort sein, wo eine Christin einen Juden lieben und ein Kaufmannssohn unbehelligt Maler werden darf!
Doch das Schiff, auf dem sie sich verstecken, havariert im Sturm. Lionel van Liewe, der junge, hochfahrende Kapitän, ordnet den sofortigen Rückzug in den Londoner Hafen an. Und in dieser Stadt, die im Gegensatz zum reichen, ruhigen Brügge vor Dreck und Brutalität aus allen Nähten platzt, tun die vier unerfahrenen jungen Flamen genau das Falsche. Im überstürzten Versuch, die Flucht fortzusetzen, gerät jeder von ihnen in seinen persönlichen Alptraum. Die in Brügge geträumten Träume sind zunichte. Aus Christina Contarini, vom Großvater stets „Feuerkopf“ genannt, wird eine nachdenkliche junge Frau werden, bevor sie ihr Schicksal wieder selbst in die Hand nehmen kann …

REZENSION:

Marie Cristen setzt mit „Das flandrische Siegel“ die Erlebnisse um die Familie Contarini fort und zeigt erneut, dass sie unwahrscheinliches, erzählerisches Talent besitzt. „Das flandrische Siegel“ kann problemlos als eigenständiger Roman betrachtet werden, da man auch ohne Kenntnis von „Die Stunde des Venezianers“ bzw. „Beginenfeuer“ einwandfrei Zugang zu dem vorliegenden Werk finden kann.
Ihre Geschichte um Christina ist durchweg spannend erzählt und sehr vielschichtig aufgebaut. Sehr positiv zu erwähnen ist auch, dass sich die Autorin nicht nur ihrer Hauptfigur widmet, sondern auch detailliert die Geschehnisse um ihre drei Begleiter nicht aus dem Auge verliert – sie geht sogar noch einen Schritt weiter und lässt regelmäßig die Vorkommnisse im heimischen Brügge vor des Lesers Augen aufleben. Während der Lektüre schlittert man förmlich von Abenteuer zu Abenteuer und man hat schier Probleme, das Buch vor der letzten Seite für eine kurze Pause wegzulegen. Viel zu stark ist der Drang nach dem Wissen, was denn nun als Nächstes geschehen wird.
Marie Cristen beschreibt auch sehr schön die historischen Gegensätze zwischen dem wohlbehüteten Brügge und dem verwahrlosten, derben London des 15. Jahrhunderts. Hinzu kommt noch der damals sehr stark vorherrschende Glaubenskonflikt zwischen Juden und Christen. Nach und nach lässt die Autorin die historischen Hintergründe etwas beiseite, ohne jedoch dadurch die Wertigkeit des Romans zu verringern.
Alles in allem ein sehr unterhaltsamer historischer Roman voller Intrigen, Politik, Abenteuer und Liebe, der sicherlich jeden Fan des historischen Romans a’la Iny Lorentz locker überzeugen kann.
Jürgen Seibold/30.05.09

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