Jasper Fforde: Im Brunnen der Manuskripte

Originaltitel: The Well of Lost Plots
Übersetzung: Joachim Stern
Deutsche Erstausgabe Juni 2005
c 2005 der deutschsprachigen Ausgabe: Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co.KG, München
ca. 412 Seiten

COVER:

Die Welt der Literatur gegen alle möglichen Missetäter zu verteidigen, ist eine ehrenvolle, aber auch nervenaufreibende Aufgabe. Wen wundert es also, dass Thursday Next sich zu ihrem Mutterschaftsurlaub in die tiefsten Tiefen des Brunnens der Manuskripte zurückzieht. Genauer gesagt auf ein gemütliches Flug-/Hausboot in einem drittklassigen, unlesbaren Krimi, der wahrscheinlich nie veröffentlicht wird. Hier kann sie sich auf die Große Dienstprüfung der Jurisfiktion vorbereiten. Aber das Leben im Brunnen der Manuskripte ist nicht ungefährlich: Es ist ein Mörder in diesem Roman unterwegs, der sich auf Jurisfiktion-Agenten spezialisiert hat. TextGrand-Central will das neue Betriebssystem Ultra-WordTM mit aller Gewlat durchsetzen.

Jasper Fforde ist Waliser (daher das markante doppelte F!) und wurde 1961 geboren. Seine Romane schrieb er 14 Jahre lang neben seiner Arbeit als Kameramann bei verschiedenen Filmproduktionen. Nach 76 Ablehnungen erschien im Jahre 2001 der erste Band der Abenteuer von Thursday Next, “Der Fall Jane Eyre”. Der zweite Band “In einem anderen Buch” folgte dann 2002. Jasper Fforde wurde 2004 aufgrund seiner literarischen Verdienste zum zeitweiligen Ehren-Bürgermeister von Swindon ernannt.

REZENSION:

Die Lektüre von „Im Brunnen der Manuskripte“ war auch ein Selbstversuch: Eignet sich der dritte Band einer Reihe, um in eine Serie einzusteigen?
Das Ergebnis sei gleich vorweg genommen – das geht hervorragend, macht vermutlich aber noch mehr Spaß, wenn man die vorhergehenden Bände kennt.
Die Serie an sich ist nämlich recht komplex aufgebaut, geht es doch um das versteckte Innenleben der Bücher. Wir „Aussenweltler“ leben ja in dem Glauben, Autoren würden Bücher schreiben – weit gefehlt! Bücher schreiben sich selbst in der BuchWelt, einer parallelen Ebene der Wirklichkeit, die durch ein kompliziertes, unseren Textverarbeitungsprogrammen nicht unähnliches System zusammengehalten wird. Hier gibt es eigene Helden (die durchaus darüber traurig sind, nichts als Romanfiguren zu sein) und Gegner (wie die Grammasiten, die Wörter fressen), eigene Regeln, Gesetze und Figuren, die über deren Einhaltung wachen.
In dieser Welt bewegt sich eine junge Frau namens Thursday Next als Agentin der buchinternen Sicherheitsbehörde. Da sie schwanger ist, soll sie aus Sicherheitsgründen in einem Buch untertauchen, das keinerlei literarische Bedeutung hat. Dazu begibt sie sich in den „Brunnen der Manuskripte“ – dem Ort, an dem alle hoffnungslosen Texte lagern und darauf warten, einmal gedruckt zu werden. Natürlich wird aus dem geplanten Erholungsurlaub nichts: Die drei Hexen aus Macbeth prophezeien Thursday dramatische Ereignisse, ihre Großmutter steht unverhofft vor der Tür, sie muss sich mit Mitbewohnern herumschlagen und zu allem Überfluss gibt es ja auch noch die Abschlussprüfung, der sie sich stellen muss…
Bevor die eigentlich Story rund um einen Mörder und das neue Textverarbeitungsprogramm „UltraWord“ los geht, vergeht auf diese Weise schon mal die erste Hälfte des Romans. Ein wenig Geduld muss man da schon mitbringen. Witzige Ideen wie das „Fußnotofon“, das im Text Fußnoten produziert oder munter eingestreute Anspielungen an Literaturklassiker lassen aber keine Langeweile aufkommen.
Weitaus spannender als die eigentliche Story ist die Welt, in der Thursday sich bewegt. Voller Anspielungen nicht nur auf große Werke der Literatur, sondern auch auf unsere moderne Gesellschaft und ihre Technik liest sich kaum eine Seite ohne Lacher. Der Stil lädt ein zu Vergleichen mit Fantasy-Größen wie Terry Pratchett oder Douglas Adams. Fforde punktet noch zusätzlich dadurch, dass er mit dieser Reihe eine Fantasy geschrieben hat, die ihre Genregrenzen weit hinter sich zurücklässt. Dass macht die Lektüre sowohl für Fantasy-Fans als auch für Leser mit Ahnung von Literaturgeschichte lohnenswert. Wirklich vermissen tut man aber auch nichts, wenn man Vorwissen dieser Art nicht mitbringt, es entgehen den Lesern dann „nur“ zusätzliche Lacher.
Wer mit dem dritten Band anfangen will, sollte sich bewusst sein, dass das Buch kein leichter Schmöker ist, sondern aufgrund der neuartigen Welt und ihrer Namen beständig die Konzentration und Aufmerksamkeit der Leser fordert. Vielleicht liest es sich ja leichter, wenn man die anderen Bände kennt. Vorwissen braucht man aber keines.
Lesern, die der englischen Sprache mächtig sind, würde ich jedoch in jedem Falle das Original ans Herz legen. Einige Gags muten im Deutschen reichlich seltsam an, weil sie auf englischen Sprachspielen beruhen. Ob in deutsch  oder englisch, mit dem dritten oder dem ersten Band – Spaß macht die Lektüre in jedem Fall!
Katja Angenent für Hysterika/01.03.2008

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