Herbert W. Franke: Cyber City Süd

Originalausgabe Juni 2005
c 2005 Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co.KG, München

COVER:

”Der dritte Pfeifton war verklungen, die Lampen verdunkelten sich. Ruhezeit. Auch Dhouri hatte seine Wohnnische aufgesucht. Jetzt hätte er bereits in seinem Schlaftrog liegen müssen, in der körperwarmen Lösung, die so herrliche Müdigkeit bereitete. Sie enthielt Nährstoffe und Medikamente, die durch die Haut in den Körper eindrangen. Doch irgendetwas hielt ihn heute davon ab, sich in die Flüssigkeit zu legen. Angst stieg in ihm hoch.”

Kybernetische Wunder, virtuelle Flüsse und Kriegsverbrecherprozesse als Publikumsspektakel – gegen Inter-Dollars war in der Cyber City Süd alles zu bekommen. Früher war diese Stadt ein Kleinod des Orients gewesen, heute kommen die Menschen aus aller Welt hierher, um sich bis an die Grenzen ihrer Möglichkeiten zu amüsieren. Doch die Tage dieser Stadt sind gezählt. Während eine junge Frau sich auf die gefahrenvolle Suche nach ihrem Vater begibt, bereitet sich in der geheimen Kommandozentrale eine gentechnisch perfektionierte Armee auf den Tag der Befreiung vor. Zu spät merken die Besucher der Cyber City Süd, dass unterdrückte politische und wirtschaftliche Konflikte eine Katastrophe heraufbeschwören…

Herbert W. Franke, 1927 in Wien geboren, studierte Physik, Mathematik, Chemie, Psychologie und Philosophie. Er promovierte an der Universität Wien mit einem Thema aus der theoretischen Physik zum Doktor der Philosophie. Seit 1957 ist er freier Schriftsteller. 1980 wurde Franke zum Mitglied des Deutschen PEN-Clubs gewählt. Im selben Jahr wurde ihm der Berufstitel Professor verliehen. Er ist Mitglied der Grazer Autorenversammlung und erhielt zahlreiche Preise, darunter mehrere für jahresbeste Science-Fiction-Romane.
Frankes faszinierende Utopien basieren auf den Erkenntnissen seiner wissenschaftlichen Arbeit. Neben Autoren wie Philip K. Dick oder Stanislaw Lem ist Franke einer der bekanntesten Science-Fiction-Autoren der Gegenwart.
2003 erschien seine spannende Zukunftsvision “Sphinx_2”.

REZENSION:

Herbert W. Franke führt den Leser in seinem neuesten Buch “Cyber City Süd” in eine Stadt des Orients, die sich zwanzig Jahre nach ihrer Eroberung zu einer Unterhaltungsmetropole ohnegleichen entwickelt hat. Selbst Las Vegas wirkt gegen Cyber City Süd lediglich wie ein in der Wüste vergessener Einarmiger Bandit.
Die Stadt hat jedoch zwei grundlegende Probleme, von denen weder die Einwohner noch die unterhaltungssüchtigen Touristen etwas ahnen: Erstens bereitet sich eine Untergrundorganisation auf die erneute Machtübernahme vor und zweitens geht der verschwenderischen Stadt in kürzester Zeit das wichtigste Grundelement – das Wasser – aus.
Aufgebaut wird die ganze Geschichte in erster Linie um die Person Majda, die als Touristin nach Cyber City Süd reist, um nach Spuren ihres im Umkreis der Stadt verschollenen Vaters zu suchen.
Anfangs lässt sie sich noch sehr stark von den virtuellen Spielwelten dieser Unterhaltungsindustrie blenden und vergisst dabei beinahe ihren eigentlichen Aufenthaltsgrund. Nachdem sie sich jedoch auf ihre Aufgabe zurück besinnt und ein wenig hinter verschlossenen Türen ungern gehörte Fragen stellt, spitzen sich die Ereignisse immer mehr zu und man findet sich in einem ausgewachsenen SF-Thriller wieder.
Neben den virtuos aufgebauten Spannungselementen zeigt Herbert W. Franke wieder einmal insbesondere sein Talent bei der Beschreibung von futuristischen Welten, Begebenheiten aber auch Kleinigkeiten in einer Zeit die noch keiner erblicken konnte und erschafft damit spielerisch eine Stadt im Kopf des Lesers, bei der man jedes einzelne Blinken wahrnimmt und man mit allen Sinnen eintauchen kann.
Neben dieser qualitativ hochwertigen Art des Schreibens erschuf Herbert W. Franke einen spannenden Plot, der die Aufmerksamkeit des Lesers problemlos aufrecht erhält. Im Gegensatz zu seinem letzten Buch “Sphinx_2” verliert er sich jedoch zum Schluß ein wenig in philosophische Sphären, die aus meiner Sicht zwar interessant aber der Geschichte als alleiniges Ende nicht dienlich sind.
Es bleiben dadurch leider nach Schließen des Buches sehr viele Fragen offen, was nach dem ansonsten fehlerfreien Genuss dieser thrillerhaften, hochspannenden Geschichte zu einer kleinen, unvermeidlichen Enttäuschung führt. Hätte er neben seiner philosophischen Betrachtung noch ein wenig weiter ausgeholt, wäre dem Leser sehr geholfen.
Jürgen Seibold/14.08.05

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