Tolkien, J.R.R.: Die Geschichte von Kullervo

Originaltitel The Story of Kullervo
Herausgegeben von Verlyn Flieger
©The Tolkien Estate Limited 2010, 2015
Aus dem Englischen von Joachim Kalka
Für die deutsche Ausgabe ©2018 by J.G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, Stuttgart.
ISBN 978-3-608-96090-7
ca. 240 Seiten

COVER:

Kullervo hat niemanden mehr außer seiner Zwillingsschwester Wanona und dem schwarzen Hund Musti, der ihn mit seinen magischen Fähigkeiten beschützt. Als er in die Sklaverei verkauft wird, schwört er, dass er sich an seinem Onkel Untamo rächen wird. Aber je weiter Kullervo von seinem eigenen Handeln fortgerissen wird, desto mehr stellt sich die Frage, ob es ein Entkommen vor dem eigenen Schicksal gibt. Die auf der finnischen Kalevala-Sage basierende Geschichte ist nicht nur das erste Dokument von Tolkiens außergewöhnlicher Erzählkunst, Tolkienkenner sehen in Kullervo auch einen Wesensverwandten und Vorläufer von Tùrin Turambar aus Die Kinder Húrins. Neben der Übersetzung von Joachim Kalka ist hier im Hauptteil auch die englische Originalerzählung wiedergegeben.

REZENSION:

Ich fürchte, dieses Buch wird die Geister scheiden. Einerseits ist es ein Zeitdokument – andererseits ist es auch ein „aufgeblasenes“ Buch, um einer Kurzgeschichte einen Buchrahmen mit einer Gesamtseitenzahl von 240 Seiten zu geben – ohne diesem Beiwerk wären es nur knapp über 30 Seiten.
Aus diesem Grund verstehe ich auch viele negative Stimmen, die dem Verlag schlichte Geldmacherei vorwerfen. Kann ich verstehen, kann dem aber gleichzeitig nicht wirklich zustimmen, denn sonst hätte der Verlag dies besser in seinen Beschreibungen versteckt.
Im vorliegenden Buch befindet sich eine ganze Menge Tolkien – jedoch eher aus einer wissenschaftlichen Betrachtung. Dementsprechend vorsichtig sollte man auch beim Erwerb dieses Buches sein.
Sicherlich gibt es eine sehr daran interessierte Klientel, die sich einen Blick über die Entstehung einer Geschichte von Tolkien machen möchten. Studenten der sprachlichen Fächer und weitere tiefgehend interessierte Personen können dieser Arbeit mit absoluter Sicherheit eine Vielzahl an Informationen entnehmen. Als Beispiel sei allein die vorliegende Kurzgeschichte erwähnt, die nicht nur in der Übersetzung aufgeführt ist, sondern eben auch im Tolkischen Original auf Englisch. Darüber hinaus eine interessantes Vorwort, eine detaillierte Einleitung, Handlungsentwürfe, Kommentare, Aufsätze und so weiter. Ein Füllhorn an hochgestochenem Material – aber: Nur für den absoluten Hardcore-Tolkien-Fan geeignet.
Dementsprechend schwer fiel es mir, mich dem Werk in adäquater Weise zu widmen. Ich liebe zwar den Herrn der Ringe, ebenso den Hobbit und auch Das Silmarillion konnte mich problemlos überzeugen.
Aber hierin fanden sich fantastische Geschichten – gewürzt mit etwas Anhang. Hier in diesem Buch findet sich eine nicht ganz vollendete Geschichte und fast nur Anhang. Somit kann ich jedem nur raten, sich zuerst im Buchladen des Vertrauens ein eigenes Bild davon zu machen. Ein blinder Kauf kann nur für Frust sorgen.
Ich habe dieses Werk übrigens abgebrochen, da mir das tiefgehende Interesse dazu fehlt und ich lediglich auf der Jagd nach einer weiteren Geschichte war.
Dennoch halte ich den Grund der Veröffentlichung als angemessen, richtig und keineswegs als simple Geldmacherei.
Somit eine klare Empfehlung für wirkliche „Nerds“ – Normalleser (wie auch ich) sollten aber die Finger davon lassen.
Jürgen Seibold/03.11.2018

Rosenbaum, Benjamin: Die Auflösung

Originaltitel: The Unraveling
Aus dem Amerikanischen von Wolfgang Thon
©2017 Benjamin Rosenbaum
©Piper Verlag GmbH, München 2018
ISBN 978-3-492-70467-0
ca. 368 Seiten

COVER:

In ferner Zukunft leben die Menschen in einer Gesellschaft, die von Biotechnologie und IT geprägt ist. In einer Zeit, in der sich die Geschlechtergrenzen aufgelöst haben und jeder mehrere Körper besitzt, muss die junge Fift ihre Stellung im System behaupten. Doch als sie sich mit dem schlecht beleumundeten Biotechniker Shria anfreundet, gerät alles außer Kontrolle. Ungewollt geraten Fift und Shria in ein skandalöses Kunstspektakel, das in Wirklichkeit der Auftakt einer Revolte gegen das starre System ist. Plötzlich werden sie zu Prominenten und unfreiwilligen Trägern von Umbrüchen …

REZENSION:

Benjamin Rosenbaum versucht sich mit seinem Science-Fiction-Thriller „Die Auflösung“ an einer sehr interessanten, zukünftigen Welt. Hauptsächlich geprägt von IT und Biotechnologie lässt er seine Protagonisten auftreten. Sehr positiv auch der Versuch, Geschlechtergrenzen als aufgelöst zu vermitteln.
Dennoch wurde ich das Gefühl nicht los, dass Benjamin Rosenbaum hier zu viel des Guten versucht hat, beziehungsweise es nicht durchgehend plausibel oder eingängig vor dem Leser zu entfalten versucht. Seine Welt ist viel zu verwirrend für Bewohner der aktuellen Gegenwart, um den Leser ohne große Erklärungen bei der Hand nehmen zu können. Hier hätte der Autor erheblich stärker in das Detail gehen müssen.
Darüber hinaus ist bereits das Auflösen der Geschlechtergrenzen eine Schwierigkeit in sich, mit der man erst einmal gedanklich klarkommen muss – insbesondere, wenn man das Gefühl nicht los wird, dass auch der Autor eher in Richtung weiblich/männlich zu erzählen beginnt (auch wenn es eventuell anders von ihm gemeint ist). Rosenbaum bleibt nicht bei dieser Thematik, sondern erschwert es uns als Leser auch noch und versucht uns klar zu machen, dass man auch noch mehrere Körper sein Eigen nennt.
Schon konnte ich ihm leider nicht mehr rundum folgen. Hinzu kommt ein nicht gerade simpler Stil des Autors plus ein sehr starker Hang zur schnellen Abwechslung beim Absatzwechsel – ohne dabei den Leser bei der Hand zu nehmen.
Irgendwie wurde ich beim Lesen das Gefühl nicht los, dass hier ein Autor auf Teufel komm raus den Versuch startet, der Menschheit ein literarisch hochwertiges Buch zu hinterlassen. Stellt sich die Frage, warum eigentlich? Geschichten müssen einfach als Geschichte funktionieren – dann kann man auch tiefere Motive vermitteln.
Hier hat es leider nicht funktioniert und somit reihte sich „Die Auflösung“ leider in das Regal der abgebrochenen Bücher ein. Schade – die grundsätzliche Idee klang ganz interessant.
Jürgen Seibold/02.11.2018

Phantastik-Bestenliste November 2018

Es ist erstaunlich, wie schnell Monate vergehen können. Gerade eben noch interessante Bücher auf der Oktober-Liste entdeckt, schon kommt der November ums Eck.
Als Jurymitglied kennt man den Inhalt ja schon einige Tage vorher – nichts desto trotz sind mir alle Plätze erst so richtig bei Veröffentlichung bewusst. Wie jeden Monat, finde ich immer wieder Werke in dieser Liste, die ich auf meiner Jagd nach den besten Neuheiten nicht auf dem Radar hatte. Somit möchte man diese natürlich nachholen – und schon wächst der SuB immer weiter – dies alles vor dem Hintergrund, dass der nächste Monat mit der nächsten Liste schon zaghaft anklopft.
Egal, weniger meckern: Mehr Zeit zum Lesen…
Ich freue mich weiterhin über die tollen Ergebnisse in der Phantastik-Bestenliste und möchte Sie Euch natürlich nicht vorenthalten.
Ein Klick auf das Bild bringt Euch zur Homepage der offiziellen Seite.

Van Versendaal, Dirk: NYX

©2017 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg
ISBN 978-3-498-07069-4
ca. 447 Seiten

COVER:

Die junge Ärztin Polly Sutter besteigt im Hafen von Oslo eine Fähre. Ihr Ziel auf hoher See: die Nyx – ein schwimmendes Monstrum mit einer Länge von vier und einer Breite von anderthalb Kilometern. 2025 als internationales Alters- und Pflegeheim erbaut, ist das Schiff seit Jahren auf allen Weltmeeren unterwegs.
Als Polly an Bord geht, tut sich seit längerem Unheimliches. Immer mehr Alte sterben einen grauenvollen und unerklärlichen Tod, andere Menschen verschwinden auf rätselhafte Weise. So auch ein Kollege des Technikers Rafael, der sich beim Beladen der gewaltigen Müllverbrennungsöfen auf Deck 50 scheinbar in Luft auflöst.
Polly und Rafael sind nicht die Einzigen, die sich Sorgen machen. Auch ein paar der betagten Insassen haben keine Lust, ihr Leben verwirrt und mit blau angelaufener Zunge auszuhauchen. Die seltsame Krankheit ist aber nur eines de Geheimnisse der Nyx, die unbeirrbar die internationalen Gewässer durchpflügt, während an Bord ein Pandämonium ausbricht …

REZENSION:

Die Coverbeschreibung von Dirk van Versendaals Roman NYX beinhaltet exakt die dystopischen Elemente, die mich dazu zwingen, ein Buch dieser Art in die Hand zu nehmen. Selbst bereits verschiedenste Geschehnisse ausmalend, kann man es beinahe nicht erwarten, sich einer neuen Dystopie – scheinbar mit einer auch relativ neuen und interessant klingenden Idee – zu widmen.
Leider liegt die Stärke dieses Buches eher an der Beschreibung des Inhalts auf Basis der Rückseite des Umschlags als auch dem Innencover. Die Geschichte selbst spiegelt dies zwar grundsätzlich auf Basis ihrer Grundidee wider, dennoch schafft es Dirk van Versendaal nur ansatzweise eine überzeugende Leseatmosphäre aufzubauen.
Sein Schreibstil ist weniger das Problem – man kann ihm gut folgen – aber er erzählt eine durchweg sich selbst als extrem spannend vorgestellte Geschichte mit einer Geschwindigkeit, die dem nicht gerecht werden kann beziehungsweise nicht einmal annähernd als Geschwindigkeit deklariert werden dürfte. NYX zieht sich extrem langsam hin und selbst dezent aufkommende interessantere, wenn nicht gar als Spannung verwendete Elemente werden ohne jeglichen Druck auf das Gaspedal vor des Lesers Augen dargelegt.
Das Werk hat knappe 450 Seiten – allein durch meinen guten Willen schaffte ich es bis über die Hälfte. Sehr schade, da die Idee wirklich für sich alleine spricht. Wäre interessant zu erfahren, wie ein rasanter erzählender Autor wohl damit umgegangen wäre. Hier hat es leider absolut gar nicht geklappt.
Jürgen Seibold/02.11.2018

Gwynne, John: Jähzorn (Die Getreuen und die Gefallenen 3)

Originaltitel: Ruin – The Faithful and the Fallen 3
Aus dem Englischen von Wolfgang Thon
©2015 by John Gwynne
© der deutschsprachigen Ausgabe: 2017 by Blanvalet in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München
ISBN 978-3-7341-6121-6
ca. 927 Seiten

COVER:

Chaos und Krieg beherrschen die Verfemten Lande. Die durchtriebene Königin Rhin hat den Westen erobert, während Hochkönig Nathair das mächtigste Artefakt der Sieben Kostbarkeiten an sich gebracht hat: den Kessel. Hinter Nathair steht Calidus und sein dämonisches Heer, die Kadoshim. Ihr Plan ist es, den dunklen Gott Asroth und seine Gefallenen in die Welt der Sterblichen einzulassen. Doch nur, wenn alle Sieben Kostbarkeiten vereint sind, kann der finstere Plan gelingen. Nathair kennt die Wahrheit über seine Bestimmung und muss Entscheidungen treffen, die da Schicksal der Verfemten Lande verändern werden.
Andernorts wächst der Widerstand. Königin Edana findet in den Sümpfen von Ardan Verbündete, während Maquin auf einer halsbrecherischen Flucht ist. Corban selbst versucht, vor der hereinbrechenden Dunkelheit um ihn herum zu fliehen, und findet schließlich den Mut, sich ihr zu stellen. Mithilfe seiner ungleichen Gefährten – Freunde, Familienmitglieder, Giganten, fanatische Krieger, einem Engel und einer sprechenden Krähe – begibt er sich auf die Reise nach Drassil. Denn in der sagenumwobenen Festung, wo laut Prophezeiung die Schwarze Sonne auf den Strahlenden Stern treffen wird, muss Corban eine der Sieben Kostbarkeiten finden: den Speer von Skald.

REZENSION:

Nach den fulminanten ersten beiden Bänden der Sage mit dem Obertitel „Die Getreuen und die Gefallenen“ konnte ich es beinahe nicht erwarten, bis der dritte Band das Licht der Welt erblickt und es sich in meinen Händen gemütlich macht.
Erneut handelt es sich dabei um ein fast 1.000 seitiges Buch und man stellt sich die Frage, woher die Autoren solcher Reihen nur immerzu ihren Ideen herholen – insbesondere, wenn sie es schaffen, nicht nur als Kopie anderer Werke zu wirken.
Wie bereits erwähnt, hielt ich die ersten beiden Bücher dieser auf vier Bände ausgelegten Reihe absolut sagenhaft. Sie stellten für mich einen neuen Stern im fantastischen Himmel dar. Das Lesen war dementsprechend rasant und man stürzte von einer spannenden als auch interessanten Handlung zur Nächsten.
Nun bin ich mir nicht sicher, ob es am bereits vergangenen Zeitraum liegt bis zum Erhalt von Band 3 oder einfach am Umstand, das es dann doch zu viel Stoff geworden ist, denn JÄHZORN schaffte es leider nicht, mich erneut mit diesem Feuer und Leidenschaft zu überzeugen. Interessanterweise habe ich es dennoch bis zum Ende durchgelesen – an der dabei verbrachten Zeit konnte ich bereits erkennen, dass der Reiz nachgelassen hat: Viel zu oft musste ich mich ein wenig zum Lesen zwingen – dennoch interessierte mich der weitere Fortgang in Corbans Leben.
Ich gebe auch gerne zu, dass JÄHZORN nach einer langen Durststrecke auch wieder stark an Fahrt aufgenommen hat. Gleichzeitig bin ich aber davon überzeugt, dass ich es vorab abgebrochen hätte, wären die ersten beiden Bände in meinen Augen nicht dermaßen gut gewesen.
JÄHZORN ist natürlich weiterhin eine recht gute Unterhaltung. Leider sehr langatmig und es fiel mir durchweg schwer, wieder in die Geschichte hinein zu finden. Das halte ich für unwahrscheinlich schade, da mich die grundsätzliche Geschichte dahinter wahrlich überzeugen konnte. Vielleicht sollten entweder die Zeiträume zwischen den Veröffentlichungen nicht zu lange sein oder aber: vielleicht könnten sich die Autoren auch etwas kürzer halten, damit jeglicher Handlungsschritt etwas stringenter vonstatten geht und es nur schwer zur Langatmigkeit führen kann.
Natürlich halte ich weiterhin John Gwynne für einen ausgezeichneten Fantasy-Autoren – nichts desto trotz fehlt mir nun der durchgehende Drang, mich schlussendlich auch dem vierten Band zu widmen.
Jürgen Seibold/02.11.2018

HYS101 – Bayrische Revolution

Die neue Podcastfolge:

HYS100 – RETROSPEKTIVE

Die neue Podcastfolge:

Durfee, Brian Lee: Der Mond des Vergessens – Die fünf Kriegerengel 1

Originaltitel: The Forgetting Moon. The Five Warrior Angels Book 1
Aus dem Amerikanischen von Andreas Heckmann
©2016 by Brian Lee Durfee
Für die deutsche Ausgabe: ©2018 by J.G. Cotta’sche Buchhandlung Nachf. GmbH, Stuttgart
ISBN 978-3-608-96141-6
ca. 888 Seiten

COVER:

Von immer schlimmeren Wahnvorstellungen besessen, regiert Jovan, der älteste Sohn des gefallenen Königs, über Gul Kana. Verzweifelt versuchen seine Schwestern Jondralyn und Tala, die tyrannische Herrschaft zu beenden. Kann das Königreich die Bedrohung durch die näher rückende Armee, die alles bislang Dagewesenen an Grausamkeit übertrifft, überstehen?
Kann es sich gegen die neue Religion Raijaels behaupten? Und hat das Schicksal des jungen Nail etwas mit einer uralten Prophezeiung zu tun? Mit seinen Freunden, die ihn begleiten, gerät er in immer größere Gefahr.

REZENSION:

Ein Buch, schwer wie ein Ziegelstein. Dann auch noch der erste Ziegelstein einer Reihe.
Über 800 Seiten und dennoch gerade mal der Start eines neuen fantastischen Epos?
Gleichzeitig ein Coverbild, welches voller Klischees den Leser gedanklich an Fantasybücher der 80er/90er Jahre erinnern lässt? Kann das sein? Soll der für Qualität und nicht für Quantität bekannte Klett-Cotta-Verlag dermaßen danebengegriffen haben? Ich kann es mir fast nicht vorstellen.
„Der Mond des Vergessens“ musste trotzdem immer wieder auf meinem Stapel ungelesener Bücher etwas nach unten weichen und einem anderen Buch den Vortritt lassen.
Dafür gab es mehrere Gründe, die sich aus den oben genannten Gedanken ergaben:
Es ist extrem dick.
Das Bild wirkt sehr klischeehaft.
Die Coverbeschreibung klingt in ihrem Versuch, den Inhalt dieses Wälzers zu erklären, etwas verwirrend beziehungsweise dünn wie jede andere Coverbeschreibung.
Und nochmal: Es ist extrem dick und dabei erst Band 1! Soll ich mich wirklich einem weiteren Epos-Start widmen? Gibt es nicht schon genug noch nicht zu Ende geführte Epen dieses Genres?
Tja, eines Tages war es soweit und ich widmete mich mit zwiespältigen Gefühlen diesem Werk.
Wie so oft bei umfangreichen Werken, strotzt auch dieses von einer Vielzahl an teilnehmenden Personen. Hierfür ist – wie oft in diesem Genre – extra ein Anhang integriert. Ich bin aber der Meinung, ein Autor sollte so gut erzählen können, dass man als Leser eben nicht für Erläuterungen oder Familienbeschreibungen immer wieder nach hintern blättern muss.
Schon mal vorweg: Interessanterweise hatte mich das Buch bereits nach dem Prolog fest im Griff. Trotz des eher langsamen Einstiegs Brian Lee Durfees in seine Welt und trotz der noch unbekannten, dafür in hoher Zahl auftretenden Personen, schaffte er es, mich durch seine Lebendigkeit an die Seiten zu fesseln.
Vorab ein kleines Fazit: Endlich mal wieder ein absoluter Blockbuster im Bereich der Fantasy!

Durfee liefert einen High-Fantasy-Roman mit einer Vielzahl an verschiedenen Handlungsebenen und einer daraus resultierenden Komplexität, die sich jedoch durch seine Art des Erzählens beinahe gänzlich aufzulösen scheint. Man wird das Gefühl nicht los, in diesem Werk mehreren verschiedenen Geschichten zu folgen.
Jede einzelne für sich absolut interessant – aber: scheinbar auch lange Zeit voneinander losgelöst.
Nach und nach schafft es Durfee nahezu virtuos, diese Stränge zu einem Netz zusammen zu fügen, wie es nicht schöner sein könnte.
Sprachlich bleibt er sehr eingängig und überzeugt mit Handlungen und eben nicht mit langen, ausschweifenden Erklärungen und Umschreibungen, wie es leider zu oft in diesem Genre vorzukommen scheint. Im Gegenteil, er überzeugt schlicht durch seine Geschichte und umschreibt oder erklärt nur, wenn es seiner Meinung nach absolut notwendig wird.
Man erkennt dabei deutlich: Es funktioniert! Man taucht als Leser viel stärker in die Welt ein – vielleicht liegt das an dem Umstand, dass man bis zu einem gewissen Grade, die Welt selbst in den eigenen Gedanken entstehen lassen kann und man vom Autor nur eine gewisse Richtung präsentiert bekommt.
Durfee kümmert sich einfach auf liebevolle und sehr detaillierte Weise um seine Story – dabei ist zu beachten: Er scheut auch nicht vor Gewalt zurück und stellt diese auch uneingeschränkt dar. Ich halte das für notwendig, ehrlich und passend. Wer damit nicht klar kommt, sollte aber von solchen Werken die Finger lassen.
Alles in allem handelt es sich bei „Der Mond des Vergessens“ um einen absolut und uneingeschränkt zu empfehlenden Start einer neuen Reihe. Auch wenn es mich ärgert, dass Fantasyautoren scheinbar nur noch im großen Maßstab Bücher schreiben können – hier stört es mich nicht, denn ich freue mich wirklich sehr auf die Fortsetzung und hätte diese gerne nahtlos zur Hand genommen.
„Der Mond des Vergessens“ ist schlussendlich eines meiner Jahreshighlights in diesem Genre!
Jürgen Seibold/28.09.2018

Leonard, Gerald H.: Kuppelwelt

©2017 by Bastei Lübbe AG
ISBN 978-3-7325-4287-1

COVER:

Die Kuppel sorgt für dich. Sie beschützt dich. Aber was passiert, wenn du sie verlassen willst?

Jom wächst in der Welt der Kuppeln auf – gigantische Bauten, in die sich die Menschheit nach massiver Umweltzerstörung, vernichtenden Kriegen und Pandemien zurückgezogen hat. Individualität und Gefühle, die angeblichen Ursachen aller Katastrophen, werden medikamentös unterdrückt – per Infusor, den jeder Bewohner der Kuppeln am Handgelenk trägt.

Doch trotz dieser emotionalen Gleichschaltung stößt der aufsässige Jom seine Mitmenschen immer wieder vor den Kopf. Und immer wieder fragt er sich: Gibt es etwas anderes als Wildnis dort draußen – und ist es besser als das Leben in der Kuppel?

“Kuppelwelt” war in der Endauswahl für den STEFAN-LÜBBE-PREIS 2016: Nicht nur eine spannende Heldenreise, sondern auch eine konsequente Weiterentwicklung von Aldous Huxleys “Schöne neue Welt” und George Orwells “1984”. Eine fesselnde Dystopie, ein beeindruckendes Science-Fiction-Debüt!

REZENSION:

Die Idee mit in Kuppeln lebenden Menschen ist natürlich nicht neu. Dennoch schadet es nicht, sich den Ideen eines weiteren Autors zu widmen. Vielleicht kann dieser dem Thema noch etwas hinzufügen.
Bereits nach einige Seiten macht die von Gerald H. Leonard vorgelegte Dystopie ausreichend Lesefreude, um dem weiteren Geschehen folgen zu wollen.
Sehr interessant zeigte sich mir die Idee der Verwendung eines „Infusors“, mit dem die Gefühle und Emotionen gesteuert werden. Die Verwendung bereits von Kindesbeinen an geschult, sorgt dafür, dass die Menschen sich immer mehr gleichen und das einzelne Individuum immer mehr in den Hintergrund rückt.
Wir als Leser folgen Jom, der sich – wie sollte es anders sein? – zum Außenseiter entwickelt und versucht, gegen das vorherrschende System zu rebellieren.
Prinzipiell ist die Idee der Kuppelwelt als auch der „Außenwelt“ auch in erneuter Auflage sehr interessant und auch in diesem Werk außerordentlich gut umgesetzt.
Die eigentliche Handlung wirkt aber leider ein wenig oberflächlich und bekannt.
Nichts desto trotz konnte ich dem Roman einiges abgewinnen. Sicher, es wirkt vieles vorhersehbar – der Schreibstil ist aber eingängig, einige Ideen außerordentlich interessant und somit ein Werk für einige vergnügliche und unterhaltsame Lesestunden.
Der Vergleich mit den beiden wichtigsten Büchern dieses Genres ist definitiv arg hoch gegriffen und hinkt auch inhaltlich gewaltig. Damit kann der vorliegende Roman nur verlieren – wenn man darüber hinwegsehen kann und dies nur als Marketingmasche wegwischt, lässt sich „Kuppelwelt“ im Großen und Ganzen auf positive Art genießen.
Jürgen Seibold/28.09.2018

De Jager, Mark: Der Fluch des Feuers

Originaltitel: Infernal
Aus dem Englischen von Michael Krug
©2016 by Mark de Jager
Für die deutschsprachige Ausgabe: ©2017 by Bastei Lübbe AG, Köln
ISBN 978-3-404-20891-3
ca. 463 Seiten

COVER:

Als Stratus erwacht, liegt er allein auf einem Feld, Geier kreisen über ihm. Er kann sich an nichts erinnern außer seinen Namen. Doch wo kommt er her? Was hat ihn hierher gebracht? Und die brennendste Frage: Was ist das für eine Macht, die er in sich spürt? Was bedeutet sein Verlangen nach Feuer? Ist er etwa ein Opfer schwarzer Magie geworden?

Auf der Suche nach Antworten strandet er in der nächstgelegenen Stadt, die sich gerade zur Schlacht rüstet. Denn es herrscht Krieg im Königreich Krandin, und die feindliche Armee ist auf dem Vormarsch. Stratus muss schnell die Wahrheit über sich herausfinden, damit er weiß, auf welcher Seite er steht. Und bevor die Macht in ihm ausbricht und ein Feuer entfesselt, das niemand mehr eindämmen kann …

REZENSION:

Mark de Jaeger wirft uns in seinem Werk „Der Fluch des Feuers“ ungebremst in die dramatische Situation des Stratus hinein. Ebenso wie sein uns noch nicht bekannter Protagonist tappen wir im Dunkeln und wissen überhaupt nicht, worum es hier eigentlich geht.
Der Klappentext umreist dies bei diesem Buch ganz deutlich: Es geht nun darum, heraus zu bekommen, woher Stratus kommt und wer er eigentlich ist.
Bereits durch diesen rasanten Start konnte mich die Geschichte um den grundsätzlich nicht gerade sympathischen Helden überzeugen beziehungsweise zum weiteren Lesen überreden.
Stratus geht recht unbeholfen vor – sein hauptsätzlicher Antrieb zur Lösung von Problemen liegt in gewalttätigen Ausbrüchen. Diese werden von Mark de Jaeger auch ohne Rücksicht auf Verluste dargestellt.
Dadurch entstand ein Fantasyroman, der so gar nicht in den üblichen Kosmos zu passen scheint. Meiner Meinung nach macht dies aber exakt den Reiz dieses Romans aus. Man fiebert mit, man rätselt mit, man möchte alles über Stratus erfahren.
Gut, der Autor macht es sich schon des Öfteren recht einfach: Stratus wird mehrmals gefangen genommen und – wie bereits gesagt – löst das Problem ohne Rücksicht auf Menschenleben. Nettigkeiten gibt es nicht, der Weg ist das Ziel.
Nach und nach öffnet sich die dezent erklärte Welt des Schriftstellers. Stratus bleibt lange Zeit schwer greifbar und man ist sich unsicher, ob man sich überhaupt mit diesem Typen identifizieren möchte.
Aber warum eigentlich nicht? Einfach mal gedanklich unter Verwendung eines Buches die Sau rauslassen. Damit schadet man keinem und man fühlt sich danach auch nicht gerade schlechter…
„Der Fluch des Feuers“ ist somit ein recht kurzweiliger, leicht zu lesender und brutaler Roman. Irgendwie faszinierend, zu erkennen, dass man als Leser den Darsteller ebenso langsam kennenlernt, wie er sich selbst. Dadurch eine lockere aber auch brutale Alternative zum üblichen Einheitsbrei. Wenn man über wiederkehrende Handlungsstränge (mehrfache Gefangennahme…) hinwegsieht und einfach mal ein düsteres und erfrischend anders wirkendes Werk des Genres lesen möchte, kann es jedenfalls nahezu problemlos damit versuchen.
Jürgen Seibold/28.09.2018

Thomas, F. I.: Glühender Zorn – Krieg der Drachen 1

Originalausgabe November 2017
ISBN 978-3-492-28135-5
©Piper Verlag GmbH, München 2017
ca. 479 Seiten

COVER:

Jahrhunderte sind vergangen, seit sich die Bewohner der Jungen Königreiche von der Schreckensherrschaft der Drachen befreit haben. Sechs Magier gebieten nun über das kostbare Vermächtnis der Drachen, die Zauberei. Doch dieser Orden der Stäbe hegt nicht nur gute Absichten … Denn noch während sie sich auf ihre Große Weihe vorbereiten, finden die Novizen der Ordensmagier Erschreckendes heraus: Statt Tandurin, Dania, Geron, Kyrell, Boltan und Ambra zu vollwertigen Magiern zu machen, wollen ihre skrupellosen Lehrmeister sie töten, um selbst unsterblich zu werden. Gejagt von den mächtigsten Zauberern der Welt, kann den jungen Magiern auf ihrer Flucht nur noch eines helfen: Wissen. Doch je mehr Geheimnisse der Zauberei sie ergründen, desto näher kommen sie einer furchtbaren Wahrheit, die hinter der Magie steckt – und deren Entdeckung die alten Zauberer um jeden Preis zu verhindern suchen. Ein magischer Krieg voller Verrat und Intrigen beginnt. Werden Tandurin, Dania, Geron, Kyrell, Boltan und Ambra ihn gewinnen?

REZENSION:

Ich könnte jetzt abermals zum Philosophieren anfangen, ob die Verwendung eines Pseudonyms wirklich sinnvoll ist. Ich stehe dem sehr zwiespältig gegenüber, da ich gerne wissen möchte, welche Bücher ein mir bekannter Autor veröffentlicht. Wenn zum Beispiel ein von mir geliebter Horrorautor plötzlich einen Heimatroman schreibt, dann würde ich auf Basis einer dann hoffentlich sinnvollen Coverbeschreibung leicht entscheiden können, ob ich einen Genrewechsel lesen möchte. Eventuell kann es dabei sogar sein, dass allein die mir bekannte Qualität eines Autors dazu führt, ein neues Genre kennen zu lernen.
Im vorliegenden Fall handelt es sich ebenfalls um die Verwendung eines Pseudonyms. Ganz ehrlich: Hätte ich nicht gewusst, wer dieses Buch geschrieben hat, hätte es sehr stark sein können, dass ich mich diesem Werk nicht zugewendet hätte. Nachdem das gerade sehr viele „hätte“ waren, merkt man sehr deutlich, dass ich mich dem Glühenden Zorn widmete.
Erneut handelt es sich um einen ersten Band einer Reihe. Mir persönlich wäre es lieber, wenn sich die Zeit so langsam in Richtung Einzelwerke zurückdrehen könnte. Aber das ist Geschmackssache. Sicher ist es wunderschön, immer wieder in eine geliebte Welt abtauchen zu können – wenn ich aber an die Anzahl der bereits begonnenen Fantasywerke denke, stellt sich mir immer wieder die Frage, ob es denn wirklich sein muss. Hinzu kommt die lange Wartezeit, die schon sehr oft dafür gesorgt hat, dass ich in einen Nachfolger einfach nicht mehr richtig eintauchen konnte.
Aber genug Abschweifung in dieser Rezension. Gehen wir zu „Glühender Zorn“: Es handelt sich um den ersten Band des Epos „Krieg der Drachen“ von F.I. Thomas – einem zumeist eher dem Horrorsektor zuzuordnenden Schriftsteller, der hier nun in die Welt der Fantasy abtaucht,
Horror und Fantasy sind meiner Meinung nach nicht unbedingt wie voneinander entfernt. Somit konnte ich mir bereits vor Öffnen des Buches gut vorstellen, dass der Autor auch in diesem Genre seine positive Leistung darbieten kann.
Genau das ist auch geschehen. Anfangs wirkte die Geschichte nach meinem Empfinden noch etwas holprig und es ließen sich nur schwer die Fäden zusammenhalten. Nach und nach löste sich der gedankliche Knoten aber auf. Dies geschieht erfreulicherweise nicht allzu spät – funktioniert bereits recht gut bei dem Punkt, an dem die Novizen erkennen, dass sie wohl Opfer ihrer Meister werden sollen.
An diesem Punkt wird einem auch klar, dass der holprige, nicht rundum greifbare Beginn der Geschichte notwendig war. Die Protagonisten wurden dadurch geschickt als Individuen eingeführt und man konnte sich bereits dort für den ein oder anderen Liebling des Buches entscheiden.
Die Story ist sehr interessant aufgebaut und die grundsätzliche Idee wirkt sehr erfrischend. Die erschaffene Welt ist recht düster, macht aber definitiv Lust auf weitere Erlebnisse.
F.I. Thomas‘ Erzählweise ist – wie in allen seinen Büchern – sehr eingängig und geht ohne große Umwege vorwärts. Die Story wirkt absolut lebendig. Dies, obwohl der Autor nicht haarklein alles Mögliche erklärt und erzählt. Dadurch bleibt einem die Möglichkeit, die eigene Fantasie spielen zu lassen.
Alles in allem ein sehr interessanter Auftakt, der das Interesse nach dem nächsten Band weckt. Erneut würde man gerne einfach nahtlos weiterlesen – aber auch bei diesem Werk kommt als Erstes eine nicht gerade kurze Wartezeit. Ich bin gespannt, ob die Geschichte dann durch den zeitlichen Versatz noch funktioniert, bzw. ob ich mich dann noch an die Begebenheiten des ersten Bandes ausreichend erinnern kann.
Jürgen Seibold/28.09.2018

Khan, Katie: Schwerelos

Originaltitel: Hold Back The Stars
Aus dem Englischen übersetzt von Bernhard Kempen
Deutsche Erstausgabe 01/2018
©2017 by Katie Wood
©2018 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-31843-3
ca. 414 Seiten

COVER:

Das Weltall, in der Nähe des Erdorbits: Eigentlich ist es ein ganz normaler EVA-Einsatz, als die junge Astronautin Carys und ihr Freund und Kollege Max die Laertes verlassen. Doch dann löst sich die Sicherheitsleine und die beiden werden von ihrem Raumschiff getrennt. Zwei Menschen schweben schwerelos und allein in der Weite des Alls. Hilflos müssen sie mit ansehen, wie ihr Schiff immer weiter in der Dunkelheit verschwindet. Jetzt können sie sich nur noch aneinander festhalten – und die Atemluft in den Lebenserhaltungssystemen ihrer Raumanzüge reicht für genau neunzig Minuten. Neunzig MInuten, um ihr Leben zu retten.

Direkt unter ihnen leuchtet die Erde – zum Greifen nah und doch unerreichbar. Der Ort, an dem sie sich einst ineinander verliebt haben und den sie verlassen haben, um zusammen zu sein. Der Ort, an den sie nun um jeden Preis zurückkehren wollen. Doch die Zeit arbeitet erbarmungslos gegen sie …

REZENSION:

Auf Basis der Coverbeschreibung erwartete ich bei diesem Werk einen durchdachten Überlebenskampf zweier Protagonisten. Mir schwebte sozusagen eine Geschichte vor, die sich in etwa bei „Der Marsianer“ einordnen könnte.
Katie Khan wirft ihren Leser auch ungebremst in diese dramatische und nahezu unlösbare Situation in den Weiten des Weltalls. Ihre diesbezügliche Art des Erzählens lässt einen sogleich mitfiebern. Die Science-Fiction Elemente sind sehr gut recherchiert und glaubwürdig eingefügt.
Während Rückblenden lernen wir die beiden Protagonisten als auch die Zukunftsvision der Autorin kennen. Bei der Vision hatte sie mich als Leser noch – bei den beiden Hauptdarstellern schwenkte die Geschichte zu einem Liebesroman, der zwar teils interessante Ansätze der philosophischen Art vorweisen konnte, dennoch ein Liebesroman ist.
Aus diesem Grund verlies mich die Lust, mich dem Werk, trotz der interessanten Begebenheiten im Weltraum, weiter zu widmen. Ich entscheid mich somit zu einem Abbruch, da ich nicht gewillt war, über die für mich uninteressanten Teile quer zu lesen bzw. diese zu überblättern.
Ich denke dennoch, dass dieses Werk seine Klientel finden wird und bereits inne hat. Jeder Leser, der nicht vor Liebesromanen zurückschreckt, kann sich hier rundum aufgehoben fühlen. Gleichzeitig könnte damit manch einer problemlos in das Genre SF hinein schnuppern und damit eventuell ein für sich neues Genre entdecken.
Jürgen Seibold/28.09.2018

Suarez, Daniel: BIOS

Originaltitel: Change Agent
Aus dem Englischen von Cornelia Holfelder-von der Tann
Deutsche Erstausgabe
©2017 by Rowohlt Verlag, GmbH
„Change Agent“ ©2017 by Daniel Suarez
ISBN 978-3-499-29133-3
ca. 542 Seiten

COVER:

DAS WILD, DAS DU JAGST: DU BIST ES SELBST

Im Jahr 2045 ist das Zeitalter der Technik Geschichte; die biologische Moderne ist angebrochen. Algen und Pilze bauen Autogehäuse, die Boomstädte Asiens werden nachts von Leuchtbäumen erhellt. Auch vor dem menschlichen Körper macht die Bio-Revolution nicht halt. Jeder will hochgezüchtete Designer-Babys, ob legal oder nicht. Die Zeche zahlen andere.

Kenneth Durand leitet bei Interpol den Kampf gegen diese Genkriminalität. Und ein Mann steht dabei im Fadenkreuz: Marcus Demang Wyckes, Kopf eines so mächtigen wie skrupellosen Kartells. Eines Tages erwacht Durand aus dem Koma. Man hat ihn entführt. Er sieht anders aus. Seine DNA ist verändert. Er ist Marcus Demang Wyckes. Der Mann, der weltweit gesucht wird.

REZENSION:

Daniel Suarez mausert sich mit seinen wissenschaftlich und technikverliebten Thrillern mehr und mehr zu einem futuristisch angehauchten Erbe von Autoren, wie zum Beispiel Michael Crichton. Ebenso wie dieses Vorbild, sind seine Romane mal atemberaubend gut, mal ein wenig belanglos. Nichts desto trotz machen fast alle seine Werke ausreichend Spaß beim Lesen, vermitteln eine Botschaft und sorgen für zumeist durchgehend spannende Unterhaltung.
Auch im vorliegenden BIOS begeben wir uns in eine Zukunftsvision des Autoren. Sein Plot spielt im Jahre 2045 – die Nähe zur heutigen Zeit passt dabei ziemlich gut, da die meisten von ihm dargelegten Techniken in ihren ersten Entwicklungsstufen bereits vorliegen und somit möglich sind und wohl in den nächsten Jahren stärker in den Vordergrund treten können.
BIOS erinnert in seiner Gänze ein wenig an einen Agentenfilm – sehr Bondlastig angelehnt – mit einem Bösewicht und seinem gegenüberstehenden Ideal der Rechtschaffenheit.
Über den Plot selbst möchte ich mich gar nicht zu sehr auslassen, da der Klappentext das Grundgerüst der Geschichte recht gut umreißt.
Neben der sehr plausibel wirkenden Zukunftsvision erinnert der handelnde Plot stark an einige Filme der ausgehenden 90er Jahre. Hier scheint sich der Autor wohl hemmungslos bedient zu haben, um seiner interessanten und beängstigenden Vision eine an die Seiten fesselnde Handlung zu bieten.
Ab und an wirkt seine Story leider sehr stark konstruiert. Wohl um den Ablauf in die gewünschte Richtung zu biegen. Zumeist kann man jedoch problemlos darüber hinwegsehen.
Schlussendlich bleibt ein sehr spannender Thriller ohne großartige Handlungsüberraschungen plus einigen Momenten, bei denen man besser ein Auge zudrückt oder man sich kurzzeitig auf das Niveau eines drittklassigen B-Movies herablässt.
Anderseits ist BIOS aber auch eine sehr interessante und glaubwürdig erzählte Vision der nahen Zukunft – inklusive einer neuen kapitalistischen Weltordnung, die nicht von der Hand zu weisen ist. Gefühlt scheint die Zukunftsvision dem Autor wichtiger gewesen zu sein, als der eigentliche Plot. Dennoch ist BIOS ein rundum unterhaltsamer und spannender Action-Thriller, der den Leser ähnlich unterhalten kann, wie der Gang in das Kino zu einem ähnlich gelagerten Film.
Jürgen Seibold/27.09.2018

Falk, David: Blutsbande – Krieger des Nordens 1

Originalausgabe Oktober 2017
© Piper Verlag GmbH, München 2017
ISBN 978-3-492-28160-7
ca. 557 Seiten

COVER:

Die Brüder Seran und Kayo entstammen einer Linie nordischer Krieger. Als Kinder wurden sie ihrer Familie entrissen, nachdem ihr Dorf vom Volk der Thebaner erobert wurde, aber daran erinnern sie sich kaum. Während Kayo als Sklave niederste Dienste verrichten muss, macht der junge Seran Karriere als Offizier im thebanischen Heer. Doch dann wird sein Bruder ermordet, und die Stämme des Nordens erheben sich zum Aufstand gegen das Kaiserreich. Seran muss sich entscheiden: Will er als Feldherr in die Fußstapfen seines thebanischen Ziehvaters treten oder sein Volk befreien?

REZENSION:

Bei David Falks erstem Band seines Epos mit dem übergeordneten Titel „Krieger des Nordens“ passt die Coverbeschreibung nur oberflächlich. Sicher, oberflächlich betrachtet scheint die Geschichte kurz abgesteckt zu sein – die handelnden Personen bekommen manches aber erst erheblich später mit.
Prinzipiell positiv, da man dadurch als Leser beinahe von anderen Voraussetzungen ausgeht. Für mich klang die Beschreibung auf dem Buchrücken fast nach einer Neuauflage von Conan – zum Glück ist das in keinster Weise der Fall.
Die Geschichte selbst lässt nichts neues im Genre der Fantasy entstehen. Dies sehe ich aber nicht als negativen Aspekt, da eine gänzliche Neuerfindung des Genres ja wirklich eher eine Ausnahme ist.
Man könnte dennoch dem Autoren vorwerfen, dass er es sich etwas einfach gemacht hat: Seine Story scheint sich viele Anleihen aus der vorhandenen Welt der Fantasyliteratur ebenso zu holen, wie auch aus dem Geschichtsunterricht unserer realen Welt.
Falks Weltenbau ist stimmig und beinahe typisch: Zwei konkurrierende Stämme, Nord gegen Süd.
Aber was solls – im Gegenzug dazu offenbart sich eine rundum flüssig und eingängig erzählte Geschichte, die vom Grundsatz her der puren Unterhaltung dienen möchte – und dies auch absolut überzeugend, spannend und an die Seiten fesselnd durchzieht.
In meinen Augen ein richtig gutes Highlight des Genres. Wie gesagt: Keine Neuerfindung – dennoch durch den überzeugenden Schreibstil eine Geschichte, die für rundum zufriedenstellende Unterhaltung sorgt. Mehr erwarte ich in erster Linie auch gar nicht. Lediglich die Zeit zum nächsten Band könnte kürzer sein, da man nach Beenden des Buches am Liebsten direkt darauf zugreifen würde.
Als kleines Fazit, ein gelungener Serienauftakt. Ich freue mich schon auf Band 2 und hoffe, dieser wird seinem Erstling in nichts nachstehen.
Jürgen Seibold/26.09.2018

 

HYS099 – Bullshit

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