Anthony Ryan: Das Lied des Wolfes (Rabenklinge 1)

Originaltitel: The Wolf’s Call. A Raven’s Blade Novel
Aus dem Englischen von Sara Riffel
©2019 by Anthony Ryan
Für die deutsche Ausgabe: ©2020 by J.G. Cotta’sche Buchhandlung Nachf. GmbH, Stuttgart
ISBN 978-3-608-98217-6
ca. 555 Seiten

COVER:

Unter Vaelin al Sornas Führung wurden ganze Kaiserreiche esiegt, seine Klinge entschied erbitterte Schlachten; und er stellte sich einer bösen Macht entgegen, die schreckenerregender war als alles, was die Welt bis dahin gesehen hatte. Von weit über dem Meer verbreiten sich Gerüchte: Ein Heer mit dem Namen Stählerne Horde treibe dort sein Unwesen. Es werde von einem Mann angeführt, der sich selbst für einen Gott halte. Als Vaelin erfährt, dass Sherin, die Frau, die er vor Jahren geliebt und verloren hat, der Horde in die Hände gefallen ist, bleibt ihm keine Wahl, er muss in den Kampf ziehen.

REZENSION:

Anthony Ryan konnte sich bereits zu Beginn seiner fantastischen Schaffenskraft einen herausragenden Namen bei Lesern dieses Genres machen. Seine Rabenschatten-Trilogie steht für sich selbst und durch sein Drachenepos schaffte er es nahezu problemlos, mich selbst zu überzeugen.
So gut auch der Start in die Rabenschatten-Trilogie des Autors vollführt worden ist, gab es doch auch kritische Stimmen, die den Folgebänden nicht die gleiche erzählerische Kraft bescheinigen wollten. Nun wagte beziehungsweise wagt sich Anthony Ryan erneut in diese Welt und versucht dem Leben Vaelins durch weitere Abenteuer mehr Tiefe und Erlebnisse zu geben.
Natürlich ist auch dieser Plot in der sprachlichen Qualität des Autors herausragend erzählt – die Geschichte trägt jedoch zu wenig in sich, um mich über die Seiten fliegen zu lassen. Viel zu früh lässt sich der weitere Weg erkennen und viel zu wenig zusätzliche Kontur erhält Vaelin al Sorna im Vergleich zum bereits Bekannten aus der Rabenschatten-Trilogie. Man erkennt keine persönliche Weiterentwicklung dieser kraftvollen Gestalt und auch die sehr interessant scheinenden Figuren, die Ryan in diesem Plot einfügt, hätten das Potenzial dazu – lediglich die dazugehörige Ausschmückung fehlt oder ist nur vage angedeutet.
Aus meiner Sicht sehr schade, da ich mich wahrlich über ein weiteres Buch von Anthony Ryan gefreut hatte – vielleicht warte ich einfach darauf, dass er sich wieder dem weißen Drachen widmet, da er dort meiner Meinung nach erheblich agiler zur Sache ging, als im vorligenden Beginn einer neuen Saga um Vaelin al Sorna.
Hysterika.de/JMSeibold/08.11.2020

Stephen King: The Wind Through The Keyhole (The Dark Tower 4.5)

©2012 by Stephen King
ISBN 978-1-4516-5890-3
ca. 305 Seiten

COVER:

In The Wind Through the Keyhole, Stephen King returns to the rich landscape of Mid-World, the spectacular territory of the Dark Tower fantasy saga that stands as his most beguiling achievement.
Roland Deschain and his ka-tet – Jake, Susannah, Eddie, and Oy, the billy-bumbler – encounter a ferocious storm just after crossing the River Whye on their way to the Outer Baronies. As they shelter from the howling gale, Roland tells his friends not just one strange story but two … and in so doing, casts new light on his own troubled past.
In his early days as a gunslinger, in the guilt-ridden year following his mother’s death, Roland is sent by his father to investigate evidence of a murderous shape-shifter, a “skin-man” preying upon the population around Debaria. Roland takes charge of Bill Streeter, the brave but terrified boy who is the sole surviving witness to the beast’s most recent slaughter. Only a teenager himself, Roland calms the boy and prepares him for the following day’s trials by reciting a story from the Magic Tales of the Eld that his mother often read to him at bedtime. “A person’s never too old for stories,” Roland says to Bill. “Man and boy, girl and woman, never too old. We live for them.” And indeed, the tale that Roland unfolds, the legend of Tim Stoutheart, is a timeless treasure for all ages, a story that lives for us.
King began the Dark Tower series in 1974; it gained momentum in the 1980s; and he brought it to a thrilling conclusion when the last three novels were published in 2003 and 2004. The Wind Through the Keyhole is sure to fascinate avid fans of the Dark Tower epic. But this novel also stands on its own for all readers, an enchanting and haunting journey to Roland’s world and testimony to the power of Stephen King’s storytelling magic.

REZENSION:

Als Stephen King den Revolvermann Roland durch die Wüste gehen ließ, um dem Mann in Schwarz zu folgen, war ihm sicherlich die daraus resultierende Tragweite dieses dabei entstehenden Epos noch bei weitem nicht bewusst. Mir ging es ganz ähnlich, da ich jedem weiteren Band entgegenfieberte und beinahe enttäuscht war, als es zu einem Ende fand. Dieses wiederum hatte nicht jedem gefallen, war aber meiner Meinung nach sehr stimmig und King hatte darauf auch bereits mehrmals dezent in diese Richtung hingewiesen. Die dahinter liegende Grundphilosophie lässt sich auch problemlos in unsere Zeit und Welt übertragen – doch dies soll hier keine Abhandlung des Dunklen Turms werden, sondern ein kurzer Blick auf ein bereits auf dieser Seite rezensiertes Werk in einer anderen Version hinweisen.
Wer hier auf hysterika ein wenig schmökert, wird schnell erkennen, dass es ein kleine Rezension zur deutsche Ausgabe dieses Buches gibt – bereits dort ließ ich mich euphorisch über diesen nachträglich entstandenen und als Zwischenband fungierenden Plot aus. Vor einiger Zeit wagte ich mich an die Originalausgabe und Mittwelt hatte mich wieder, auch wenn diese Episode dem Weg zum Turm nichts mehr hinzufügen kann. Vielmehr handelt es sich um eine Art Zwischenpart, in dem das ka-tet gezwungenermaßen zur Ruhe kommt und Roland die Gelegenheit nutzt und ihnen eine weitere Geschichte aus seinem Leben offenbart. Dabei entsteht zusätzlich eine Geschichte in der Geschichte in der Geschichte. Komplett durchwoben und rundum interessant bis hin zu märchenhaft.
Wer mit dem Dunklen Turm abgeschlossen hat, kann von diesem Buch problemlos die Hände lassen – da aber manch einer doch gerne mehr über Roland erfahren möchte oder einfach mal wieder kurz den Flair dieser Welt einatmen möchte, dem sei dieses ebenfalls hochwertige und kraftvolle Werk zu Herzen gelegt, da es der Figur des Roland noch mehr Tiefe verleiht, als er sowieso bereits inne hat.
Da ich in meiner englischsprachigen „Neuentdeckung“ des Turms der Reihe nach vorgehe, nutzte ich diese kleine Zwischenepisode als Aufheller, bevor ich mich im Anschluss nun wieder auf den gefahrvollen Weg in Richtung Turm machen werde und mit Wolves Of The Calla beginne.
Hysterika.de/JMSeibold/29.11.2020

Francesco Dimitri: Das Buch der verborgenen Dinge

Originaltitel: The Book of Hidden Things
Aus dem Englischen von Felix Mayer
Deutsche Erstausgabe 03/2020
©2018 by Francesco Dimitri
©2020 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-32035-2
ca. 428 Seiten

COVER:

Einst waren Fabio, Mauro, Tony und Arturo, genannt Art, unzertrennlich. Sie wuchsen im Salento im tiefsten Süden Italiens auf, einer Gegend so flach und einsam, so trocken und windig und so eigenwillig, dass sie einen nie loszulassen scheint. Einer Gegend, in der eigene Regeln über Land, Meer und Menschen herrschen und die Sacra Corona Unita die Macht innehat. Gemeinsam haben die vier Freunde ihre ersten Erfahrungen mit Mädchen gemacht, gemeinsam den ersten Joint geraucht. Und gemeinsam hüteten sie ein dunkles Geheimnis. Inzwischen sind sie erwachsen geworden, und jeder von ihnen führt sein eigenes Leben, aber einmal im Jahr treffen sie sich in ihrem Heimatort Casalfranco – das haben sie einander nach dem Schulabschluss versprochen.

Doch dieses Mal ist alles anders, denn Art taucht nicht auf. Ausgerechnet Art, der sie damals auf den Pakt eingeschworen hat. Beunruhigt fahren Fabio, Mauro und Tony zu Arts abgelegenen Bauernhof – nur um das Anwesen völlig verlassen vorzufinden. Sofort ist ihnen klar, dass ihrem Freund etwas zugestoßen sein muss, und sie machen sich auf die Suche nach ihm. Eine Suche, die sie nicht nur in ihre eigene Vergangenheit führt, sondern auch zu einem magischen Geheimnis – und zum Buch der Verborgenen Dinge …

REZENSION:

„Das Buch der verborgenen Dinge“ spielt auf der Halbinsel Salento im tiefsten Süden Italiens. Salento ist der Absatz des italienischen Stiefels und diesem Umstand entsprechend hört man von den Protagonisten im vorliegenden Roman nicht viel Positives darüber.
Dennoch scheint Francesco Dimitri diese Gegend in seinem kuriosen Werk zu huldigen – auch wenn er das auf eine umstrittene Art durchzuführen scheint.
Salento scheint eher karg zu sein, gefüllt mit typischen Dorfmenschen, die ihr eigenes Leben leben, in Ruhe gelassen werden wollen und jeden Hang zur Außergewöhnlichkeit zu vermeiden beziehungsweise missachten versuchen.
Hier wuchsen die vier Freunde auf – ein langweiliger Start in einem langweiligen Dorf namens Casalfranco. Am Ende ihrer Schulzeit schworen sie sich dennoch, sich einmal im Jahr in ihrer Stammpizzeria zu treffen – ein Schwur, den sie nahezu komplett viele Jahre einhielten.
Nun kam jedoch der Initiator dieses Paktes nicht und es entwickelten sich sorgenvolle Gedanken, da gerade Arturo für seine Wechselhaftigkeit bekannt ist und darüber hinaus bereits Kontakte zur Sacra Corona Unita hatte – diese Organisation steht für die eigentliche Macht im Salento.
Die drei Freunde machen sich auf die Suche nach Arturo – wir als Leser erfahren dabei alles über die eigentlichen Abgründe und Erlebnisse aller Beteiligten, bis hin zum Buch der verborgenen Dinge…
Francesco Dimitris Buch ist nicht nur eine Hommage an das Salento im tiefen Italien, sondern auch eine an eine tiefgehende Männerfreundschaft. Er lässt uns detailverliebt am Leben dieser Personen teilhaben und holt dabei sehr weit in die Vergangenheit aus. Nahezu kein Geheimnis bleibt ungeklärt oder gar weiterhin verschlossen vor des Lesers Augen. Jeder einzelne dunkle Fleck wird beleuchtet und nebenbei erwähnt gibt es da nicht gerade wenige.
„Das Buch der verborgenen Dinge“ lebt von seiner Suche nach Art und im Besonderen von den Erlebnissen aller Beteiligten. Es ist eine Geschichte über eine kuriose Freundschaft, gefüttert mit Sex, Gewalt und einer Vielzahl an philosophischen Gedanken.
Die Darbietung und insbesondere die Gedankenwelt der jeweils in der Ich-Form erzählenden Protagonisten konnte mich mit ausreichend Interesse bei der Stange halten – dennoch war ich ein wenig enttäuscht, dass, entgegen der ursprünglichen Annahme, doch kein nennenswertes phantastisches Element vorhanden ist. Dies wäre kein Problem, jedoch wird einem diesem Werk in diesem Bereich (und vereinzelt auch als Horror) dargeboten.
Der Grundstock wäre vorhanden gewesen und ein kleiner Schubs in diese Richtung hätte diesem sprachlich grandiosen Werk auch außerordentlich gut getan. Leider war dem nicht so, und somit konnte es den Sprung von der guten zur sehr guten Unterhaltung nicht vornehmen. Nichts desto trotz handelt es sich um eine solide Unterhaltung mit interessanten Gedanken und philosophischen Überlegungen über Freundschaften – trotzdem hätte ich mir ein klein wenig mehr hinter diesem neugierig machenden Buchtitel erwartet.
Hysterika.de/JMSeibold/08.11.2020

Joe R. Lansdale: Dunkle Gewässer

Originaltitel: EDGE OF DARK WATER
Aus dem Amerikanischen von Hannes Riffel
©2012 by Joe R. Lansdale
©2013 der deutschen Ausgabe by J.G. Cotta’sche Buchhandung Nachf. GmbH
©2014 der Taschenbuchausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-608-50131-5 (Hardcover, www.tropen.de)
ISBN 978-3-453-67656-5 (Heyne Taschenbuch)
ca. 320 Seiten

COVER:

Sue Ellen findet, dass ihre tote Freundin May Lynn etwas Besseres verdient hat. Wenn schon kein Filmstar mehr aus ihr werden kann, wie sie sich erträumt hat, soll wenigstens ihre Asche in Hollywood verstreut werden. Beim Durchsuchen von May Lynns Habseligkeiten stößt sie mit ihren Freunden Terry und Jinx auf einen Hinweis, der sie zur Beute eines Banküberfalls führt. Zusammen mit Sue Ellens labiler Mutter flüchten die drei Hals über Kopf mit einem Floß in Richtung Süden. Habgierige Verwandte und der wenig gesetzestreue Constable heften sich sofort an ihre Fersen. In Panik geraten die Flüchtenden jedoch erst, als sie merken, dass der sagenumwobene Killer Skunk ebenfalls hinter ihnen her ist. Dem wahnsinnigen Fährtenleser ist angeblich noch nie jemand entkommen.

REZENSION:

Die Zahl der von mir gelesenen Lansdale-Bücher steigt langsam, aber stetig. Auch wenn die jeweilige Geschichte der bisher von mir gelesenen Werke mal mehr, mal weniger überzeugen konnte, traf der Autor mich mit seiner Sprachgewalt jedes Mal bis ins Mark.
auch im vorliegenden „Dunkle Gewässer“ steht Lansdale diesem hohen Qualitätsanspruch in nichts nach. Hinzu kommt hier noch eine grandiose Geschichte, die abermals auf Basis der dargelegten Bildgewalt rundum zu überzeugen weiß.
Prinzipiell ist der grundsätzliche Tenor auch hier recht nachvollziehbar beziehungsweise vorhersehbar. Nichts desto trotz überzeugt Lansdale mit seiner detaillierten Darstellung aller beteiligten Personen und zeigt erneut eher depressive Familienwelten, schafft es aber – wie auch in anderen Werken – seiner Figur einen Ausweg zu bieten.
ich bin mir sicher, dass hier unglaublich viele Wahrheiten versteckt sind und dementsprechend intensiv wirken die Geschehnisse in seinen Werken und auch ganz besonders in diesem Werk. „Dunkle Gewässer“ ist ein sehr rasant erzählter Plot in dem drei Freunde und Sue Ellens Mutter auf einem Floß dem eigenen Wahnsinn des Lebens zu entkommen versuchen.
Lansdale ist ein König der Darbietung authentisch wirkender Umgangssprache. Darüber hinaus leben seine Geschichten von Vergleichen, wie man sie nur bei ganz wenigen Schriftstellern zu finden in der Lage ist und er schert sich absolut nichts über irgendwelche Grenzen, wodurch des Lesers Überzeugung weiter angetrieben wird. Es dauert nicht lange und man findet sich als Leser auf dem Floß wieder und betrachtet die authentisch dargelegte Gegend um den Sabine River, dessen Landschaft meines Wissens bereits mehrmals vom Autor als Hintergrund verwendet worden ist.
Alles in allem erneut eine verrückte Geschichte, die dennoch eindrucksvoll ist und sich viel zu schnell dem Ende zu neigt – Lansdale war bisher für mich ein Geheimtipp, mittlerweile weiß ich, dass ich mich nach und nach seinen Werken widmen muss. Es scheint einem schlicht nichts anderes übrig zu bleiben.
Hysterika.de/JMSeibold/08.11.2020

Mikkel Robrahn: Hidden Worlds – Der Kompass im Nebel

Originalausgabe
Erschienen bei FISCHER New Media
Frankfurt am Main, September 2020
ISBN 978-3-7335-5000-4
ca. 350 Seiten

COVER:

Der Kirche war es vor vielen Jahrhunderten gelungen, das Portal nach Avalon zu schließen. Elfen, Zwerge und andere Wesen strandeten in unserer Welt.
Elliot Craig, Anfang 20 und wohnhaft in Edinburgh, taucht in die Welt des Merlin-Centers ein, einem Kaufhaus für alles Phantastische. Als er auf Informationen über einen Kompass nach Avalon stößt, beschließt er, das Geheimnis um die sagenumwobene Insel zu entschlüsseln …

REZENSION:

„Hidden Worlds“ handelt von Elliot Craig, der in unserer heutigen Zeit und Welt lebt und versucht, mehr recht als schlecht durchzukommen. Er jobbt, um den Lebensunterhalt für sich und seinen Vater aufbringen zu können. Dieser wiederum sitzt den ganzen Tag nur vor der Glotze und schweigt eher vor sich hin, als am Leben teil zu haben.
Nachdem Elliot des (nicht von ihm durchgeführten) Diebstahls bezichtigt wurde, verlor er auch seinen letzten Job als Verkäufer in einer Burger-Bude. Ratlos offenbart er sich seinem Vater, der ihm rät, zu einem Kilt-Laden zu gehen, da der Inhaber ihm noch einen Gefallen schuldet. Schnell stellt sich heraus, dass besagter Kilt-Laden nur den Zugang zu einer phantastischen Welt darstellt und der eigentliche Job im Merlin-Center zu vollbringen ist.
Elliot Craig befindet sich nun in einer versteckten und von der Phantastik gefüllten Welt. Er trifft hier auf Wesen und Geschichten, die jeder von uns kennt, jedoch ausschließlich aus Erzählungen, Sagen, Büchern kennt.
Schnell stellt sich heraus, dass die Inquisition hinter ihm her ist und dass darüber hinaus er den verschlossenen Weg nach Avalon im vermeintlichen Nachlass seiner Mutter zu haben scheint.
Mikkel Robrahn legt mit „Hidden World“ ein phantastisches Werk vor, welches eine erfrischende Idee in sich trägt. Der erzählerische Stil legt sich eher in Richtung Jugendbuch, besitzt aber auch genug Ansprechendes, um trotz seiner Leichtigkeit auch einen alten Hasen wie mich für sich gewinnen zu können. Als mir das klar wurde, gingen meine Gedanken sehr schnell in Richtung Harry Potter, denn „Hidden Worlds“ funktioniert ähnlich und könnte problemlos das Erbe der Bücher Rowlings antreten: Leicht genug erzählt, um Teenager und Heranwachsende zu überzeugen – gleichzeitig ausreichend interessant, um auch Erwachsene jeden Alters für sich gewinnen zu können.
Natürlich ist durch diesen Spagat einiges für die ältere Community stark hervorsehbar – nichts desto trotz ist die gesamte Geschichte unglaublich erfrischend. Robrahn vermengt dabei eine Vielzahl an unterschiedlichsten Sagen, Wesen, Szenarien und historischen Figuren. Wir lesen hier von der Inquisition, Drachen, Elfen, Gnomen, Zwergen, Nixen und vielem mehr. Alles im ersten Band gebündelt im Merlin-Center, einem ganz besonderen Kaufhaus.
Ein rundum gelungener Plot, der meines Wissens noch nicht zu Ende erzählt ist. Wie gesagt auch ein möglicher Erbe für Fans des Potter-Universums.
Hysterika.de/JMSeibold/01.11.2020

Carl Wilckens: 13 – Der Gletscher (Band 4)

©acabus Verlag, Hamburg 2020
ISBN 978-3-86282-776-3
ca. 535 Seiten

COVER:

Godric End, Symbolfigur des Bürgerkriegs in Dustrien, erzählt den Insassen von Zellenblock 13 seine Geschichte.

Ich sah, wozu die uralte Technologie der Segovia fähig ist, und kämpfte gegen die Enerphagen. Es passieren verrückte Dinge um mich herum, und ich bin mir nicht mehr sicher, was davon real ist. Ist es Zufall, dass mir genau jetzt ein Buch in die Hände fällt, das fast so viele Antworten gibt, wie ich Fragen habe?

Ich will die Geschichte von Norin, dem Unbezwungenen, mit euch teilen, aus der Zeit, bevor die Synaígie und die Bösen Geister für mehrere Jahrtausende verschwanden. Von seinem Leben in der Stadt der Brücken und einer Bedrohung nie dagewesenen Ausmaßes. Von seiner Reise nach Ad Etupiae, seiner Entdeckung einer verborgenen Stadt und dem Anfang vom Ende der Welt.

REZENSION:

Die Reihe um Godric End geht mit „13-Der Gletscher“ in die vierte Runde und weiterhin sitzt die Symbolfigur Godric im Zellenblock 13 und erzählt seinen Mitinsassen wahrlich interessantes aus seinem bewegten Leben.
Im Gegensatz zu den bisherigen drei Werken finden wir hierin jedoch eine Geschichte in der Geschichte, wodurch gewisse Erwartungen bei manchem Leser unter Umständen nicht befriedigt werden, gleichzeitig ein gewisser Neueinstieg möglich ist, da sich das vorliegende Werk auch gut ohne Kenntnis der vergangenen drei Bücher genießen lässt.
Nun gehöre ich jedoch zur Garde der Kenner von Band 1 bis 3. Darüber hinaus – was man meinen Rezensionen entnehmen kann – halte ich diese für absolut grandiose Darbietungen.
Dementsprechend erhoffte ich mir beim Öffnen von „Der Gletscher“ weitere Einblicke in Godrics Leben zu erblicken, musste mich aber mit einer Erzählung zufrieden geben, die Godric in seinem Zellentrakt vorliest: Es handelt sich dabei um die Memoiren Norins, der aus seinem unbeschwertes Leben auf dem Weg zu einem Druiden plötzlich dem eigenen Überlebenskampf gegenübersteht und in einer fremden und unwirtlichen Stadt um sein Leben kämpfen muss.
Die erzählerische Kraft des Carl Wilckens ist weiterhin ungebrochen – dennoch lässt dieser Band trotz der relativ interessanten Geschichte ein wenig an Spannung und Abwechslungsreichtum missen. Norins Leben und Erlebnisse sind interessant, dennoch treiben sie zu gleichmäßig vor sich hin. Nichts desto trotz fühlt man schnell mit Wilckens Protagonisten mit und man möchte ihm gerne mehrmals zur Hand gehen, da er doch recht oft etwas unbedarft reagiert.
Durch die in meinen Augen etwas fehlenden Spitzen konnte mich dieses Werk im Vergleich zu den bisherigen nicht durchgehend zum Lesen antreiben. In Richtung Ende war es mir sogar egal, wie sich die letzten Seiten entwickeln werden. Dies klingt jedoch etwas hart, da die Qualität auch in diesem Band weiterhin sehr hoch ist – die Messlatte ist jedoch vom Autor selbst sehr hochgesteckt worden und diese erreicht nun mal „13 – Der Gletscher“ im Vergleich zu seinen Vorgängern leider nicht.
Hysterika.de/JMSeibold/01.11.2020

WONDERLANDS (Herausgeber: Laura Miller)

Originaltitel: Literary Wonderlands. A Journey through the greatest fictional worlds ever created.
Aus dem Englischen von Hanne Hennnger, Susanne Kolbert und Madeleine Kaiser
©Elwin Street Productions Limited 2006
© 2020 der deutschsprachigen Ausgabe: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt
ISBN 978-3-8062-4072-6
ca. 319 Seiten

COVER:

„Wonderlands“ ist ein fesselnder Führer durch die imaginären Reiche der Weltliteratur. 100 Essays präsentieren mitreißende Informationen zu unseren Lieblingsbüchern, ihren genialen Schöpfern und fantastischen Geschichten. Sie sind wunderbar illustriert mit Covern, Fotos und Plakaten.
Literatur ist wie ein Zaubertrank. Sie hat die Macht, uns in eine andere Zeit und an einen anderen Ort zu versetzen. Mit dem „Herrn der Ringe“, „Harry Potter“, „Peter Pan“ oder „Tintenherz“ entdecken wir fabelhafte Universen, die uns unfassbar wirklich erscheinen. Die Reise führt uns durch 3000 Jahre von den ersten Epen bis zur Fantasy.

REZENSION:

„Wonderlands“ nimmt uns mit auf eine Reise der ganz besonderen Art: In diesem Werk befinden sich 100 literarische Beschreibungen aus der Welt der Literatur. Dabei wird explizit darauf geachtet, dass in den dargestellten Büchern besondere Welten präsentiert werden und durch ihren Inhalt versuchen, dem geneigten Leser etwas ganz Besonderes zu vermitteln. Fantastische Literatur ist immer ein Spiegel seiner Zeit und in „Wonderlands“ zeigt sich dieser Weg durch die zeitlich aufbauende Darstellung sehr treffend.
Darüber hinaus wirft dieses Werk den dummen Vorwurf „Fantasy ist keine Literatur“ schreiend entgegen, dass bereits die ältesten Klassiker ihre Gedichte oder Erzählungen in diesem allumfassenden Genre platzierten. Allein dafür gebührt diesem Buch bereits ein Preis, da ich es mittlerweile leid bin, immer wieder die gleichen „Das-ist-auch-Literatur“-Vorträge halten zu müssen. Wenn ich dann von einem 3.000 Jahre alten Gilgamesch lese, Homers „Odyssee“, Ariostos rasendem Roland, Cervantes Don Quijote oder Bergeracs Reise zum Mond: Alles literarisch anerkannte Werke gefüllt mit Phantastik par excellence!
„Wonderlands“ bleibt jedoch nicht in diesen alten Epochen, sondern teilt sich in 5 Bereiche auf, die gleichzeitig zeitlich aufeinander aufbauen. Somit erfahren wir ausreichend interessantes der „Alten Mythen und Legenden“, gehen weiter zur „Wissenschaft und Romantik“, verweilen kurz in „Das goldene Zeitalter der Fantasy“, um dann über die „Neue Weltordnung“ in „Das Computerzeitalter“ überzugehen.
Jedes Kapitel gefüllt mit interessanten Informationen über dem jeweiligen Kapitel zugeordneten Werken. Dabei trifft man nicht nur auf historisch nennenswerte Schreiber oder Dichter, sondern auch auf Kindheitserinnerungen a’la Twain, Swift, Stevenson, Verne. Je weiter die Zeit voranschreitet, desto bekannter werden einem – je nach Alter – die Namen der unterschiedlichen Schriftsteller und deren kurz beschriebenen Werke.
„Wonderlands“ geht dabei ungeachtet des kreativen Outputs eines Schriftstellers in diesem Buch jeweils nur auf ein Werk näher ein. Dabei sei auch darauf geachtet, dass die kurze Beschreibung nicht immer gänzlich vom Spoilern gefeit ist und somit unter Umständen die ein oder andere Information vorwegnimmt. Ist einem das bewusst, kann man in diesem Buch viele neue Informationen sammeln.
Interessanterweise hatte ich eine sehr hohe Zahl der in diesem Buch genannten Geschichten doch tatsächlich im Laufe meines Lebens gelesen. Die dazugehörigen Informationen lasen sich dann wie ein kleiner Bonus zum genannten Werk. Gleichzeitig waren mir einige Werke noch nicht mal anhand ihres Namens ein Begriff – dennoch konnte das dazugehörige Essay ab und an einen Hunger stillen oder im besten Fall gar wecken.
Bei manchen Werken war ich mir ob der Wichtigkeit und insbesondere der Kapitelplatzierung nicht ganz sicher – dies ist aber lediglich ein persönliches Empfinden und ganz natürlich, da jeder Viel-Leser seine eigenen Erfahrungen einbringen würde und sicherlich möchte.
Nichts desto trotz macht „Wonderland“ eine gewisse Freude auf beinahe wissenschaftlichem Niveau. Darüber hinaus lässt sich das Werk perfekt nutzen, um „Ungläubige“ von der Kraft und literarischen Qualität der fantastischen Literatur zu überzeugen. Immerhin tauchen hier neben bekannten Namen wie Stephen King, Lovecraft, Robert E. Howard, Neil Gaiman, George R.R. Martin auch Deutschunterricht taugliche Namen wie Kafka, Shakespeare, Huxley, Rushdie und Dante Alighieri auf.
Fantastische Literatur ist und bleibt ein Wegbereiter der Weltliteratur…
Hysterika.de/JMSeibold/29.10.2020

Joe R. Lansdale: Die Kälte im Juli

Originaltitel: COLD IN JULY
Aus dem Amerikanischen von Teja Schwaner
©1989 by Joe R. Lansdale
© 2015 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-41818-9
ca. 255 Seiten

COVER:

Eine Kleinstadt in Texas, Ende der achtziger Jahre, in einer heißen Sommernacht. Richard Dane, Familienvater und arbeitsamer Bürger, schreckt aus dem Schlaf. Geräusche dringen aus der unteren Etage seines Hauses. Richard nimmt die Waffe, die er griffbereit neben seinem Bett hat, und schleicht sich aus dem Schlafzimmer. Wenige Sekunden später ist nichts mehr wie zuvor. Richard befindet sich in einem wahren Albtraum: Vor ihm liegt der Einbrecher, den er erschossen hat, die Tapete seines Wohnzimmers ist mit Blut besudelt. Auch wenn ihm jeder versichert, richtig und in Notwehr gehandelt zu haben, ist Richard tief erschüttert. Doch die Bedrohung ist realer, als er denkt. Ben Russel, Vater des Einbrechers und ein harter Gewalttäter, beginnt, Richard und dessen Familie systematisch zu terrorisieren. Richard schreitet zur Tat. Es gelingt ihm, Russel zu überwältigen, aber die Ereignisse nehmen plötzlich eine völlig neue Wendung. Richard muss sich fragen, wer seine wahren Feinde sind. Es wird Blut fließen, viel Blut …

REZENSION:

Es ist noch gar nicht so lange her, als ich Joe R. Lansdale für mich entdecken konnte. Mein Einstieg war bei ihm eher von der schwierigen Art, da ich mit seiner Drive-In-Saga begonnen hatte und ihn zwar sprachlich für außerordentlich hielt, gleichzeitig jedoch diesem LSD-Trip nicht ganz folgen konnte.
Nichts desto trotz fangen seine weiteren Werke nahezu problemlos an, mich von der hohen Qualität dieses Schriftstellers zu überzeugen.
„Die Kälte im Juli“ ist nun ein weiteres – bereits älteres – Werk, welches ich mir in den letzten Tagen zu Gemüte führen konnte.
Unter dem Titel „Cold In July“ wurde dieser Thriller bereits als Filmadaption veröffentlicht, was zeigt, dass es sich hier um einen recht stringent erzählten Thriller der klassischen Art zu handeln scheint. Exakt dies bestätigt auch der Inhalt des Buches: Lansdale fängt rasant mit dem Einbruch bei den Danes an und lässt uns dann einige Zeit auf ruhig erzählte Weise einen falschen Pfad beschreiten. Sobald sich die Tür der Erkenntnis öffnet, kann man sich der spannenden und sehr rasanten Erzählweise nicht mehr entziehen.
„Die Kälte im Juli“ macht dabei auf typische Noir-Thriller-Weise richtig viel Freude beim Lesen. Gleichzeitig ist es dennoch ein etwas schwächeres Werk des Autors, da er in diesem absolut keine Risiken einzugehen bereit ist und seinen Plot beinahe überraschungslos darbietet. Nichts desto trotz sind Geschichten manchmal auch einfach nur als pure Unterhaltung gedacht und diesen Ansatz fährt „Die Kälte im Juli“ ungebremst bis zum Finale.
Alles in allem ein grandioser Page-Turner ohne besonderen Tiefgang, dennoch mit einer durchweg interessanten und abwechslungsreichen Story im Bauch. Bei anderen Autoren würde man es eventuell mehr hochloben – für einen Lansdale ist es in der Retrospektive betrachtet ein wenig unter dem erwarteten Niveau.
Hysterika.de/JMSeibold/29.10.2020

John Niven: Die F*CK-IT-LISTE

Originaltitel: THE F*CK-IT LIST
Aus dem Englischen von Stephan Glietsch
©2020 by John Niven
© 2020 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-26847-0
ca. 317 Seiten

COVER:

Amerika in der nahen Zukunft. Nachdem Donald Trump zwei Amtszeiten durchregiert hat, ist jetzt seine Tochter Ivanka an der Macht. Das Land ist tief gespalten, die Jahre populistischer Politik haben ihre Spuren hinterlassen, mit extremen Folgen. Das Recht auf Abtreibung wurde ausgehöhlt, Waffenkontrolle so gut wie nicht mehr vorhanden, die Asylpolitik ist hochgradig fremdenfeindlich.

Derweil erhält Frank Brill, ein anständiger Zeitungsredakteur in einer Kleinstadt, der gerade in den Ruhestand getreten ist, eine folgenschwere Diagnose: Krebs im Endstadium. Anstatt sich all die Dinge vorzunehmen, die er schon immer machen wollte, erstellt er eine sogenannte Fuck-it-Liste. In seinem Leben musste er wiederholt Tiefschläge erleiden, nun beschließt er sich an den Menschen zu rächen, die für diese Tragödien verantwortlich zeichneten. Schritt für Schritt setzt er seinen Plan in die Tat um, bis ihm ein Redneck-Sheriff auf die Schliche kommt.

REZENSION:

Bereits der Gedanke an zwei vergangene Amtszeiten Trumps und einer gerade laufenden Amtszeit seiner Tochter lässt sich als bitterböse betrachten und zeigt deutlich die Richtung, die John Niven einschlagen möchte: Die Fuck-it-Liste ist eine bitterböse Satire, die aktuell ausreichend Potenzial enthält, um zur Wahrheit zu werden. Aus diesem Grund zeigt sich dieser Roman rundherum politisch, bringt dies jedoch erfreulicherweise nur nach und nach in den Vordergrund und zeigt dabei sehr deutlich, welche Gefahren entstehen können, wenn sich diese dystopischen Gedanken bewahrheiten sollten.
Nebenbei handelt es sich um einen Thriller, in dem der todgeweihte Frank Brill seine Fuck-It-Liste abarbeiten möchte und somit jeden Menschen töten will, der in irgendeiner Art und Weise mit den Tiefschlägen seines Lebens mitverantwortlich zeichnet. Seine Opfer steigen dabei im Schwierigkeitsgrad, da nicht nur Privatpersonen etwas mit seinem Lebenslauf zu tun haben. Mehr sei hier nicht gesagt, da die Gefahr des Spoilerns doch zu hoch ist und der Pfad in dieser Geschichte sehr stringent durchdacht ist.
Die Story von John Niven ist erfrischend anders und vermischt auf eine geniale Weise politische Satire mit einem Rache-Thriller. Obwohl: Wenn wir nicht aufpassen, wird sich die Satire bewahrheiten, dementsprechend sollte dieses Buch zu einer vorgeschriebene Schullektüre für alle Bewohner der Vereinigten Staaten werden.
John Niven zeigt sehr deutlich die Gefahren und führt uns vor, dass es definitiv nicht richtig ist, per radikaler Stimmabgabe zu protestieren. Man sollte sich eher darüber Gedanken machen, welche Inhalte verbreitet werden und somit immer im Auge behalten, was passieren würde, wenn die vermeintliche Protestwahl zu einem positiven Ergebnis kommt.
„Die Fuck-It-Liste“ lässt sich schnell lesen, ist bitterböse in ihrer Darstellung, nimmt kein Blatt vor den Mund und nimmt nicht nur Trump sondern auch viele weitere Mechanismen aufs Korn. Eine wunderbare Abwechslung mit leicht verpacktem Tiefgang.
Die Realität ist nicht weit davon entfernt – wollen wir hoffen, dass sie nicht wie hierin dargestellt eintritt.
Hysterika.de/JMSeibold/11.10.2020

Tad Williams: Das Reich der Grasländer 2 – Der letzte König von Osten Ard 2

Originaltitel: Empire Of Grass. The Last King of Osten Ard“
Aus dem Amerikanischen von Cornelia Holfelder-von der Tann und Wolfram Ströle
©2019 by Beale Williams Enterprise
Für die deutsche Ausgabe:
© 2020 by J.G. Cotta’sche Buchhandlung Nachf. GmbH, gegr. 1659, Stuttgart
ISBN 978-3-608-94978-0
ca. 543 Seiten

COVER:

In den weiten Ebenen des Graslandes mit ihren Nomadenclans hat eine Legende Gestalt angenommen: Dem geheimnisvollen Unver ist gelungen, was seit unzähligen Jahren niemand mehr geschafft hat, er hat die wilden Kämpfer geeint. Von ihrem alten Hass auf alle Stadtbewohner getrieben, werden sie zur tödlichen Bedrohung für die Länder und Völker des Hochkönigtums. Und die sind viel zu sehr mit kleinlichen Streitereien und Intrigen beschäftigt, als dass sie die Gefahr erkennen würden …

REZENSION:

Im nun zweiten Buch mit dem Titel „Das Reich der Grasländer“ wird die Geschichte über den letzten König von Osten Ard fortgeführt. In Deutschland wurde der Einzelband in seiner Veröffentlichung ungefähr in der Hälfte geteilt und nacheinander veröffentlicht.
Prinzipiell habe ich nichts gegen diese Vorgehensweise, da dadurch zwar die Kosten für die Beschaffung der Bücher steigt, gleichzeitig in diesen Fällen die Bücher auch gut aussehen und das Schriftbild nicht zu klein wird. Die Seitendicke bleibt in einem angenehmen Verhältnis und mehrere Bücher mit ähnlichem Design machen sich auch gut im Regal.
Dennoch ist das auch ein Manko, da die Veröffentlichung versetzt ist und man sich als Vielleser dann nur noch eingeschränkt im Detail an die Geschehnisse des ersten Bandes erinnern kann. Dementsprechend schwer war für mich der Einstieg in diesen zweiten Band – zumindest dachte ich, dass dies der Grund sein müsste, da ich ein großer Fan der Werke um Simon Mondkalb bin. Leider scheint sich der erste Eindruck der ersten Hälfte auch in seiner Fortführung bestätigt zu haben: Es ist weiterhin eine literarisch hohe Qualität, dennoch fehlt der spannungsgeladene Antrieb in diesem Buch. Simon scheint sich nicht wirklich weiterentwickelt zu haben, Morgans Erlebnisse im Wald wirken noch am Interessantesten, können aber aus meiner Sicht den eigentlichen, überwiegend von politischen Intrigen erfüllten Plot nicht mehr retten. Im Hinblick auf die Drachenbeinthron-Bücher und das doch herausragend erzählte erste Buch mit der deutschen Unterteilung in „Die Hexenholzkrone 1 und 2“ hinkt dieses vorliegende extrem nach.
Wären es nur die üblichen von Tad Williams bekannten Längen, würde ich mich weiterhin vor dieser Welt verneigen. Dementsprechend gab ich ihm auch eine große Chance und widmete mich diesem Buch bis zur Hälfte. Mag sein, dass es nun unter Umständen anziehen wird – aber 250 Seiten ohne Höhen sind mir dann doch zu lange, um mich den weiteren 250 widmen zu wollen.
Schade, ich wäre so gerne wieder tief in diese Welt eingetaucht.
Hysterika.de/JMSeibold/10.10.2020

Stephen King: Blutige Nachrichten

Originaltitel: If It Bleeds“
Aus dem Amerikanischen von Bernhard Kleinschmidt
©2020 by Stephen King
© der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-27307-8
ca. 559 Seiten

COVER:

In der Vorweihnachtszeit richtet eine Paketbombe an einer Schule nahe Pittsburgh ein Massaker an. Kinder sterben. Holly Gibney verfolgt die furchtbaren Nachrichten im Fernsehen. Der Reporter vor Ort erinnert sie an den gestaltwandlerischen Outsider, den sie glaubt vor nicht allzu langer Zeit zur Strecke gebracht zu haben. Ist jene monströse, sich von Furcht nährende Kreatur wiedererwacht?

Die titelgebende Geschichte „Blutige Nachrichten“ – eine eigenständige Fortsetzung des Bestsellers Der Outsider – ist nur einer von vier Kurzromanen in Stephen Kings neuer Kollektion, die uns an so fürchterliche wie faszinierende Orte entführt.

Mit einem Nachwort des Autors zur Entstehung jeder einzelnen Geschichte.

REZENSION:

Wenn ich ganz ehrlich bin, habe ich es bis zur deutschen Veröffentlichung dieses Kurzromanbandes meines Lieblingsschriftstellers schlicht nicht ausgehalten. Dementsprechend konnten treue Leser meines Blogs bereits im Mai ein klein wenig über die herausragende Qualität dieses neuen Buches erfahren.
Wenn ich ein Werk auf Englisch lese bin ich mir nicht immer uneingeschränkt sicher, ob ich auch alles wie vom Autor dargelegt verstanden habe. Somit war es natürlich auch unbedingt notwendig, dass ich mir ein Bild über die deutsche Ausgabe mache und dabei prüfen kann, ob meine fremdsprachige Leseleistung einigermaßen passt und darüber hinaus, wie gut eine Übersetzung in unsere Sprache funktioniert.
Beides scheint gelungen zu sein und abermals war ich von diesen vier Geschichten überwiegend begeistert. Diese Begeisterung führte dazu, dass man mich an einem Wochenende nur noch lesend vorgefunden hatte und ich dieses Buch leider zu schnell zu Ende brachte. Gut, die Kreativität Stephen Kings ist ungebrochen und wer ihn immer noch lediglich als Horrorautor tituliert, hat wohl noch nicht wirklich viele Bücher von ihm gelesen.
In „Blutige Nachrichten“ befinden sich gerade mal 4 Geschichten, womit der Begriff Kurzgeschichtenband nahezu obsolet ist. Immerhin schafft es fast jede Geschichte in den Bereich der 3-stelligen Seitenzahl – die titelgebende Story mit der allseits bekannten Holly Gibney in der Hauptrolle bewegt sich mit ca. 230 Seiten im Rahmen eines Romans.
Begonnen wird mit „Mr. Harrigans Telefon“: Eine liebevolle Geschichte über eine generationenübergreifende Freundschaft, die sich eher nach und nach und ohne große Besonderheiten entwickelte.
Der junge Craig liest dem alleinlebenden Mr. Harrigan gegen Bezahlung Geschichten vor. Er hätte dies auch ohne das Gefühl eines „Jobs“ gemacht, dennoch ist es natürlich für ein Kind eine gelungene und einfache Art, sich ein paar Dollar zu verdienen. Craig führt Mr. Harrigan dabei auch in die Welt der aufkommenden Smartphones ein und hilft ihm beim Entdecken des ersten iPhones. Als Mr. Harrigan verstarb, legte Craig dieses Telefon in die Jackentasche des sich ihm Sarg befindlichen Verstorbenen. Was danach geschah, entspricht auf den Punkt genau der Erwartungshaltung eines Stephen King Lesers der früheren Zeit. Gerade mal knappe 90 Seiten gefüllt mit einer gehörigen Portion Freundschaft und einem sehr dezenten, klassisch gehaltenen Gruseleffekt, der sich in der Verknüpfung vom Dies- und Jenseits offenbart. Früher wäre diese kleine Geschichte sicher mit in die TV-Serie „Tales from the dark side“ mit aufgenommen worden.
Als nächstes folgt „Chucks Leben“, eine Geschichte, die durch eine umgekehrte Erzählweise für Aufmerksamkeit sorgt. King dreht den Plot und beginnt mit dem letzten Akt, um dann in Richtung ersten Akt fort zu fahren. Diese Geschichte bereitete mir in der Originalausgabe ein wenig Kopfschmerzen und ich war sichtlich gespannt, ob das an meinem Verständnis lag. Sie konnte mich nun erheblich besser überzeugen – gleichzeitig halte ich trotz der interessanten Idee weiterhin für die schwächste Geschichte in diesem Band. Sie ist dennoch in ihrer erfrischenden Art herausragend – was bereits jetzt zeigt, wie gut ich die noch beiden folgenden Geschichten halte.
Bei der dritten, titelgebenden Geschichte handelt es sich um eine Art „The Outsider“-Part II. Wenn ich ehrlich bin, glaube ich, dass diese nur uneingeschränkt funktioniert, wenn man zumindest die Geschichte des Outsiders kennt.
Kings Hauptdarstellerin Holly Gibney trat bereits in den Bill Hodges-Büchern erfolgreich auf – dabei noch gefühlt als Nebenrolle. Mittlerweile hat sie sich in Kings Welt immer mehr in den Vordergrund gedrängt, konnte dabei bereits im Outsider geschickt ihre ersten Duftmarken hinterlassen, um nun in dieser Geschichte als Hauptdarstellerin aufzutreten.
Die Story selbst ist – wie in letzter Zeit sehr oft bei Stephen Kings Output – eine Geschichte über Freundschaft. Darüber hinaus eine gelungene Erweiterung beziehungsweise Fortführung des Buches „Der Outsider“.
Schlußendlich zeigt King in „Ratte“ eines seiner Lieblingsthemen: Ein Autor, der sich in die Einsamkeit zwingt, um endlich ein Buch vollenden bzw. schreiben zu können. Alleine in einer schwer erreichbaren Hütte nimmt er sich eine Auszeit von seiner Familie, um endlich – nach seinen rudimentären Erfolgen als Kurzgeschichtenautor – einen vollwertigen Roman zu verfassen. Neben einem aufkommenden Sturm trifft ihn auch noch eine starke Erkältung mit ausreichend Fieber, um an den weiteren aufkommenden und mysteriösen Geschehnissen zu zweifeln…
King spielt hier mit der Gedankenwelt eines Schriftstellers und führt ihn dabei auch noch zu einer Entscheidung über Leben und Tod mit der Fragestellung, wie weit er für die Vollendung seines Werkes zu gehen bereit wäre.
Erneut ein Meisterwerk und eine gelungene Darbietung des Abwechslungsreichtums eines grandiosen und in meinen Augen unerreichten Schriftstellers.
Hysterika.de/JMSeibold/05.10.2020

Silvia Moreno-Garcia: Mexican Gothic

First published in Great Britain in 2020 by Jo Fletcher Books
©2020 Silvia Moreno-Garcia
ISBN 978-1-52940-27-4
ca. 301 Seiten

COVER:

When glamorous socialite Noemi Taboada receives a frantic letter from her newly-wed cousin begging to be rescued from a mysterious doom, itˋs clear something is desperately amiss. Catalina has always had a flair for the dramatic, but her claims that her husband is poisoning her and her visions of restless ghosts sound remarkable, even for her.

Noemi`s chic gowns and perfect lipstick are more suited to cocktail parties than amateur sleuthing, but she immediately heads to High Place, a remote mansion in the Mexican countryside, determined to discover what is so affecting her cousin.

Tough and smart, she possesses an indomitable will, and she is not afraid: not of her cousin`s new husband, who is both menacing and alluring; not of his father, the ancient patriarch who seems to be fascinated by Noemi; and not of the house itself, which begins to invade Noemi`s dreams with visions of blood and doom.

Her only ally in this inhospitable abode is the family`s youngest son. Shy and gentle, he wants to help – but he might also be hiding dark knowledge of his family`s past. For there are many secrets behind the walls of High Place. The family`s once colossal wealth and faded mining empire kept them from prying eyes, but as Noemi digs deeper she unearths stories of violence and madness.

And Noemi, mesmerized by the terrifying yet seductive world of High Place, may soon find it impossible to leave this enigmatic house behind …

REZENSION:

“Mexican Gothic” steht ganz im Zeichen beziehungsweise Erbe altehrwürdiger Haunted-House-Romane und versucht in diesem Bereich seinen Stempel aufzudrücken. Im Gegensatz zu den klassischen Werken handelt es sich hier um eine erfrischend neue Schriftstellerin, die sich bereits mit einigen Veröffentlichungen einen positiven Namen machen konnte. Aktuell scheint „Mexican Gothic“ in deutscher Sprache noch nicht zur Verfügung zu stehen – ich denke aber, dies ist sicher nur noch eine Frage der Zeit, bis sich diesem unterhaltsamen Werk ein hiesiger Verlag zu widmen gedenkt.
Silvia Moreno-Garcia erzählt ihre Geschichte außerordentlich interessant und möchte dabei einen großen Bogen spannen. Ihre Hauptdarstellerin ist eine relativ „normale“ Frau, die sich selbst noch nicht ganz sicher über ihren eigenen Werdegang zu sein scheint. Ihre bisherigen Leistungen bestehen im Verführen von Männern, Teilhabe an Parties und dem Wechseln von Studienfächern. Nichts desto trotz wird sie von ihrem Vater in das Herrenhaus High Place geschickt, um dort mehr über die aktuelle Situation ihrer Cousine herauszufinden, die ihrem Noemis Vater einen sehr konfusen Brief geschickt hatte, der verworren klingt, jedoch auch sichtlich einen Hilferuf darstellt.
Im Weiteren begegnen wir einer alten Familie, die ihren Reichtum auf dem Rücken von ausgebeuteten Mexikanern aufgebaut hatten. Ausgebeutet in einer sehr ergiebigen Silbermine, die jedoch auch für viele dort Beschäftigte zum Grab wurde.
Die Ingredienzen der Geschichte lassen den Flair des besagten Genres neu auferstehen – dennoch kann Silvia Moreno-Garcia dem nicht wirklich viel Neues hinzufügen. Dies liegt aber keineswegs an ihrer erzählerischen Qualität, sondern sicherlich eher am Umstand, dass nahezu jedes „Gothic-House“ bereits im Laufe der Jahre in vielen literarischen Werken seine eigenen Geheimnisse preis geben musste.
Die Geschichte ist dabei trotzdem sehr unterhaltend und führt trotz mancher Vorhersagbarkeit zu interessanten Aspekten und einigermaßen spannenden Lesestunden.
Alles in allem eine Schriftstellerin mit richtig gutem Potenzial und einem sehr interessanten Schaffensergebnis. Somit ein nicht sagenhafter, doch ziemlich guter Tipp, um sich etwas erfrischend und geliftet wieder einmal in ein altes Herrenhaus zu begeben. Die Geister sind zwar etwas natürlicherer Natur, aber gerade das sorgt für ein wenig Abwechslung in dieser literarischen Spielart der Gothic-Fantasy, wie es wohl im englischsprachigen Raum genannt wird.
Abschließend möchte ich noch dazu sagen, dass ich das Cover absolut sagenhaft finde. Dies hat mich bei der Recherche nicht losgelassen, da es in Bezug auf einen “Gruselroman” eher zu romantisch aufgebaut ist – gleichzeitig besitzt es auch eine gewisse Intensität, die schlicht neugierig zu machen scheint.
Hysterika.de/04.10.2020

Matias Faldbakken: Wir sind fünf

Originaltitel: Vi er fem
Aus dem Norwegischen von Maximilian Stadler
©2019 by Matias Faldbakken

©2020 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-27299-6
ca. 254 Seiten

COVER:

In der Nähe von Oslo in einem Ort namens Råset führt Tormod Blystad mit seiner Frau und seinen zwei Kindern ein beschauliches Leben. Nach einer wilden Jugend mit Alkohol und Drogen ist aus Tormod ein verlässlicher Vater und Ehemann geworden. Aber in jeder Familie gibt es eine Lücke, die gefüllt werden muss. So kommt der kleine Elchhund Snusken auf den Hof. Besonders die Kinder lieben das Tier sehr, doch eines Tages verschwindet Snusken spurlos. Ein Ersatz muss her, und Tormod beginnt in seiner Werkstatt mit einer merkwürdigen Mischung aus Ton zu experimentieren. Gleichzeitig taucht ein alter Freund auf, ein schlechter Einfluss, und mit viel Bier und Amphetaminen feiern sie das Widersehen. Sicher verschanzt in der geschlossenen Männerwelt der Werkstatt, schenken sie dem Tonklumpen ihre volle Aufmerksamkeit. Einem Tonklumpen, der nach und nach ein Eigenleben entwickelt und bald nicht mehr zu kontrollieren ist.

REZENSION:

Gefühlt kommt es nicht gerade oft vor, dass sich ein Werk aus der skandinavischen Welt auf unseren Markt verirrt. Ab und an scheint es jedenfalls vorzukommen und somit liegt mit „Wir sind fünf“ das neueste Werk des bereits recht erfolgreich agierenden Künstlers Matias Faldbakken vor. In diesem Fall geht der Begriff „Künstler“ nicht nur auf seine Tätigkeiten als bildender Künstler zurück, denn nach Abschluss dieser außergewöhnlichen Geschichte lässt sich dieser Begriff auch auf seine Tätigkeit als Autor erweitern.
„Wir sind fünf“ beschreibt eine ziemlich konservativ gewordene Familie, die ihr trautes Familienleben in einem kleinen Ort in der Nähe Oslos lebt. Klischeegerecht gesteht die Familie aus einem Ehepaar, zwei Kindern und dem hinzukommenden, kleinen Hund. Snusken, der kleine Elchhund, verschwindet jedoch urplötzlich und ist auch nicht mehr auffindbar. Dementsprechend zieht sich ein kleiner Riss durch die Bilderbuchfamilie. Tormod zieht sich in seine hauseigene Werkstatt zurück und bastelt vor sich hin. Seine Kinder nehmen daran freudestrahlend immer öfter teil, während sich seine Ehefrau mehr und mehr von ihm distanziert. Bei den Basteleien entwickelt Tormod einen Tonklumpen, der plötzlich ein Eigenleben entwickelt. Dies geht soweit, dass er nicht nur den Platz Snuskens einnehmen wird, sondern gar der Grund ist, warum das Buch „Wir sind fünf“ betitelt worden ist. Somit ein neues Familienmitglied.
Gleichzeitig verstärkt sich jedoch der Riss im Eheleben und auch die Gefahr durch den zum Leben erweckten Tonklumpen wächst ins Unermessliche.
Matias Faldbakkens Geschichte klingt rundum kurios und erinnert in seiner Grundstory an den Plot des alten Horror-B-Movies mit dem Titel „Der Blob“. Im Gegensatz zu diesem Film schafft es Faldbakken auf humorische, tiefgehende und zum Nachdenken animierende Art und Weise einen humorvollen und gleichzeitig bösen Roman zu kreieren, wie man ihn üblicherweise nicht zu erwarten gedenkt. Er schafft innerhalb von gerade mal 250 Seiten eine Fabel aufzubauen, die nicht nur eine Familie, das Dorfleben und das aufwallende Grauen aufs Korn nimmt – nein, er überschreitet Grenzen und gibt der zeitgenössischen Literatur mit einem Touch Phantastik einen ganz neuen Drive.
Hysterika.de/27.09.2020

Ken Follett: Kingsbridge – Der Morgen einer neuen Zeit

Originaltitel: The Evening and the Morning
Übersetzung aus dem Englischen von Dietmar Schmidt und Rainer Schumacher
©2020 by Ken Follett

Für die deutschsprachige Ausgabe: © 2020 by Bastei Lübbe AG, Köln
ISBN 978-3-7857-2700-3
ca. 1.018 Seiten

COVER:

Als das Ende des ersten Jahrtausends näher rückt, vernichtet ein brutaler Wikingerüberfall die südenglische Hafenstadt Combe – und die Träume vieler Menschen.
Der junge Bootsbauer Edgar wollte eigentlich mit seiner Geliebten durchbrennen und ein neues Leben beginnen. Nun steht er vor einer ungewissen Zukunft.
Die rebellische Normannenprinzessin Ragna verliebt sich Hals über Kopf in einen verwegenen sächsischen Adligen und folgt ihm ins kalte, nasse England.
Der ehrgeizige Bischof Wynstan will seinen Reichtum und seine Macht vergrößern. Egal, zu welchem Preis.
Der idealistische Mönch Aldred ist überzeugt, dass keine weltliche Macht seine heiligen Bestrebungen aufhalten kann.
Edgar, Ragna, Wynstan, Aldred – ihre Schicksale sind untrennbar miteinander und mit ihrer Zeit verbunden. Ihr Land, das England der Angelsachsen, ist eine Gesellschaft voller Gewalt. Eine Gesellschaft, in der selbst der König es schwer hat, Recht und Gerechtigkeit durchzusetzen.
Gemeinsam mit Edgar, Ragna, Wynstand und Aldred erleben wir den Übergang von dunklen Zeiten ins englische Mittelalter – und den Aufstieg eines unbedeutenden Weilers zum Ort Kingsbridge, den wir seit SÄULEN DER ERDE kennen und lieben.

REZENSION:

„Säulen der Erde“ war ein Herzensprojekt Ken Folletts, der sich bis zu diesem grandiosen Werk eher einen Namen als Thrillerautor gemacht hatte. Dementsprechend schwer hatte er es in seiner Überzeugungsarbeit gegenüber seiner Agentur beziehungsweise seinem Verlag. Der Erfolg sprach für sich und nach und nach entwickelte sich „Säulen der Erde“ zu einem großangelegten mittelalterlichen Epos, welches nicht nur Leser von historischen Romanen zu überzeugen wusste.
Das vorliegende „Kingsbridge“ begibt sich in das endende erste Jahrtausend unserer Zeitrechnung und endet in etwa 130 Jahren vor Beginn der „Säulen der Erde“. Erfreulicherweise widmet sich Follett abermals eher den „normalen“ Bürgern und zeigt detailverliebt deren Leben, getrieben vom Machthunger einiger weniger Mächtigen.
Um auch hier vielen Lesern gerecht zu werden, lässt sich Follett natürlich auf die üblichen Mechanismen ein, die er bereits bei den Säulen erfolgreich und eingängig bedienen konnte. Somit lesen wir vom schwierigen Leben der Personen dieser Zeit, vom Aufbruch eines kleinen Weilers, den Intrigen der machthungrigen Wölfe – egal ob weltlich oder kirchlich – und lässt dabei das Genre „Liebesroman“ auch keineswegs außer Acht.
„Kingsbridge“ kommt in seiner Darbietung nicht ganz an den Welterfolg „Die Säulen der Erde“ heran, ist dabei aber dennoch ein wunderbar unterhaltsames Prequel, welches den Leser bei der Hand nimmt und durch eine detailverliebt dargestellte, relativ kurze Zeit von 997 bis 1007 eintauchen. Bereits durch diese kurze Zeitspanne lässt sich die gezielte Vorgehensweise des Autors erkennen und dementsprechend gefüllt ist sein über eintausend seitiges Werk.
„Kingsbridge“ funktioniert alleinstehend – was bei einem Prequel auch sein sollte – als Kenner der Säulen findet man jedoch erfreulicherweise einige Fäden, die bereits ihre zarten Bande in die noch kommende Zeit richten und den Weg zu ihrer Verknüpfung zu suchen scheinen.
Wer „Die Säulen der Erde“ noch nicht kennen sollte, kann getrost mit „Kingsbridge“ beginnen und wird mit einem sehr guten Buch belohnt, dessen Nachfolger noch einige Stufen darüber steht. Kenner der Säulen finden sich recht schnell wohl und genießen sicherlich den Weg des kleinen Weilers mit Namen Drengs Ferry zur wohlhabenden Kleinstadt King’s Bridge.
Hysterika.de/20.09.2020

Timo Leibig: Blasse Spuren

© Timo Leibig
ISBN 978-1-689933926
ca. 240 Seiten

COVER:

Luisa Mäderer kämpft mit den Geistern der Vergangenheit. Die Suche nach ihrem Vater, der vor 33 Jahren spurlos verschwand, scheint aussichtslos – bi sihr ein ominöses Paket zugestellt wird. Voller neuer Hoffnung beauftragt sie Privatdetektivin Leonore Goldmann.
Leonore nimmt umgehend die Ermittlungen auf und reist ins Allgäu, wo sich die Spuren von Luisas Vater einst verloren. Doch einige alte Bekannte leben dort noch, und Leonore beschleicht schnell das Gefühl, dass sie mehr wissen, als sie zugeben. Und dann ist da noch der Inhalt jenes Pakets, der sie alle in helle Aufregung versetzt …

REZENSION:

Vorweg erwähnt halte ich das Ermittlerduo Goldmann und Brandner für eine absolut gelungene und in den bisherigen Werken grandios erzählte Idee des wohl immer erfolgreicher werdenden Krimi-Autor Timo Leibig. Dementsprechend passend halte ich seine Vorgehensweise, der sympathischen Leonore eine eigene Reihe zu widmen, da sie sonst aufgrund der Geschehnisse in den Büchern über das Ermittlerduo immer mehr in Richtung Abstellgleis hätte fahren müssen.
„Blasse Spuren“ ist nun der zweite Einzelfall der nun als Privatdetektivin ermittelnden Leonore Goldmann. Selbstständige Privatdetektive im Stile Leonores können sich ihre Fälle aussuchen, sind dabei aber auch abhängig von den ihnen zugetragenen Geschehnissen. Somit kann es sich um eine simple Nachforschung ebenso handeln, wie auch Mordfälle oder anderen zu entdeckenden Begebenheiten. In diesem Falle treibt es Leonore in ein kleines Dorf – eher gezeichnet vom eigenen Verfall und der Geheimniskrämerei der darin lebenden Dorfbewohner. Goldmann lässt sich davon nicht beirren und versucht herauszufinden, warum der Vater von Luisa Mäderer vor 33 Jahren verschwunden ist.
„Blasse Spuren“ beinhaltet erstaunlich viele Informationen über das verschlafene Dorf, demgegenüber wenig aufreibende Ermittlungsarbeit. Die Idee des Falles wiederum konnte mich durch seine erfrischende und doch recht unkonventionelle Idee ganz gut überzeugen. Leider war der Weg dorthin etwas simpel gestrickt und für einen Autor dieser bereits bewiesenen Qualität etwas arg konstruiert. Nun gebe ich zu, dass es Krimis bei mir schon von jeher etwas schwerer haben, dennoch konnte mich Timo Leibig in anderen Fällen problemlos überzeugen, wodurch er hier in seiner Darbietung einen etwas zu einfachen Weg geht. Krimiliebhabern wird diese Episode aus Leonore Goldmanns Leben dennoch gefallen und auch ich möchte dieses Buch nicht als schlecht deklarieren. Es handelt sich um eine solide Arbeit, die relativ gut unterhalten kann, dabei jedoch leider keine Besonderheiten aufzuweisen in der Lage ist. Ein rechter softer Krimi mit geistig recht einfach gestrickten „Bösewichten“, denen man wohl auch ohne den beruflichen Background einer Leonore Goldmann auf die Schliche gekommen wäre.
JMSeibold/20.09.2020