Anthologie: Fleisch 6

Vollständige Taschenbuchausgabe 2018
©Eldur Verlag, Aachen
ISBN 978-3-937419-25-1
ca. 196 Seiten

COVER:

Bevor Sie dieses Buch in die Hand nehmen, sollten Sie sicher sein, dass Sie einiges verkraften können. – Den Spruch kennen unsere Altleser schon auswendig. Doch hat er nichts von seiner Aktualität verloren.

Zum sechsten Mal servieren Ihnen ausgewählte deutschsprachige Horror-Autoren ein extremes Menu aus Fleisch, Blut, Sex und Tod.

In dieser Ausgabe sind die Geschichten allesamt sexuell aufgeladen, wenn nicht gar pornös.

FLEISCH – die Königin der deutschsprachigen Horror-Anthologien. Oft kopiert, nie erreicht.

REZENSION:

Als ich meine Rezension zum fünften Band der Fleisch-Reihe schrieb, war ich noch ein wenig irritiert ob der vermehrt auftretenden Horror-Fantasien, die in sexuellen Eskapaden der verrücktesten Art enden. Dies warf ich dabei als leicht negativen Punkt in die Runde, da dieser Umstand im genannten Band für zu schnelle Abstumpfung beim Leser sorgte.
Nun also Fleisch Nummer 6 und wie sollte es auch anders sein: Der Verlag schnappt sich diese doppeldeutige Zahl und schreibt ganz frech SEX auf das Cover. Das Programm wäre somit vorgegeben und mir bleibt nichts anderes übrig, als dies zu akzeptieren und somit darüber hinweg zu sehen.
Fleisch Sex ist wieder vollgestopft mit den kranksten Geschichten, die mir trotz meiner Vielzahl an gelesenen Stories jemals vorkamen. Erneut finden sich 15 Geschichte von teils (mittlerweile) namhaften deutschen Autoren. Gleichzeitig ein schönes Spiegelbild der kommenden Autorengeneration – independent sozusagen.
Mir selbst liegt dieses Werk schon einige Zeit vor – ich habe mich aber bewusst dazu entschieden, diesen Band nicht in einem Zug zu lesen, sondern nach jeder Geschichte eine Pause zu machen, um wieder in den Alltag zu finden 🙂
Teilweise habe ich mir zwar ein wenig zu lange Zeit gelassen, dies lag aber daran, dass ich schlicht die Mitfahrer in der U-Bahn nicht verstören wollte. Mit diesem Werk muss man sich zu Hause eine kleine Ecke suchen und dann hoffen, dass man nach dem Lesen daraus wieder herzukommen in der Lage ist.
Die Geschichte sind durchweg hochwertig und interessant erzählt. Wenn ich diese krankhaften Ideen und Beschreibungen außen vorlasse, zeigt sich eine herausragende Qualität. Somit bleibt auch dies weiterhin Programm: Die Fleisch-Reihe ist eine kunstvolle Darbietung des Möglichen.
Gleichzeitig darf man aber einen eventuell noch unbedarften Leser nicht ohne Warnung auf den Inhalt loslassen – denn jegliche Story trieft vor Wahnsinn, Blut, Perversitäten, Kannibalismus, Folterungen der übelsten Art und noch vielen mehr. Dennoch wird versucht, dies nicht nur zu zeichnen, sondern eben auch in eine nachhaltige Geschichte einzuweben. Dies ist auch nahezu jedem Autor ganz gut gelungen.
Es muss aber auch jedem Erzähler hierin klar sein, dass sie sich von den Menschen mit den weißen Turnschuhen fernhalten sollten.
Alles in allem eine rundum gelungene Fortsetzung – hier mit reinem Fokus auf fleischliche Vorgänge der übelsten Art. Ich persönlich würde mir nun für den ein oder anderen Band wieder eine kleine Rückbesinnung zum eigentlichen Horror wünschen. Wie bereits bei Band 5 gesagt, stumpft man etwas ab – lösen lässt sich dieser Umstand nur durch den einzelnen Genuss einer Story, einige Tage Pause und dann der erneute Griff zum Büchlein, um die nächsten kranken Erlebnisse lesen zu können.
Volle Punktzahl gibt es dennoch von mir, da diese Reihe für sich alleine steht, der Klientel weiterhin hochwertigen Wahnsinn bietet und das Niveau seit Anbeginn durchgehend hochwertig ist und bleibt.
Jürgen Seibold/09.11.2019

King, Stephen: ES

Originaltitel: IT
Aus dem Amerikanischen von Alexandra von Reinhardt und Joachim Körber. Bearbeitet und teilweise neu übersetzt von Anja Heppelmann.
Vollständige Taschenbuchausgabe 09/2019
©1986 by Stephen King
©1990, 2011 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-50408-0
ca. 1.534 Seiten

COVER:

1957 hat alles begonnen: Der kleine George ist das erste Opfer. Und dann bricht Es wie die Pest über die Stadt Derry herein, eine Gräueltat folgt der anderen … Über 25 Jahre später: Mike Hanlon ruft sechs Freunde zusammen und erinnert sie an den Schwur, den sie einst geleistet haben. Sollte Es, sollte das namenlose Böse noch einmal auftauchen, wollen sie sich wieder in Derry treffen. Damals sind die Freunde in die Abwasserkanäle gestiegen, als Kinder haben sie Es gejagt und zu töten versucht. Aber Es wurde nur verletzt. Und jetzt geht das Grauen wieder um, daran besteht kein Zweifel. Einer der Freunde kann zu dem Treffen nicht mehr kommen. Er liegt blutverschmiert in seiner Badewanne. Offensichtlich Selbstmord …

REZENSION:

Im zarten Alter von 15 Jahren – mitten in den herausragenden 80er Jahren – begann meine Leidenschaft zu einem der sicherlich größten Autoren unserer Gegenwart: Stephen King.
Bekannt als Bücherwurm wurde ich mehrmals in der Schule auf dieses Buch hingewiesen. Die hohe Frequenz dieser Hinweise ließen mich jedoch eher abschrecken. Als Leser abseits des Mainstreams konnte es sich hierbei doch wohl nur um Mainstream handeln – wie könnte es denn sonst sein, dass plötzlich gefühlt jeder dieses Buch in Händen hält.
Gut, eines Tages führte mich der Weg in die örtliche Bücherei. Trotz des tiefkatholischen Trägers standen zwei Werke von Stephen King im Regal der Phantastischen Literatur: Shining und Es. Nachdem momentan wohl jeder Es zu lesen schien, entschied ich mich für Shining als das erste Werk, welches ich von diesem für mich recht neuen Autoren lesen sollte.
Sorgte Shining bereits dafür, dass ich diesem Schriftsteller gnadenlos ausgeliefert wurde, verfestigte sich dies bei der Lektüre von ES nur noch.
Jahre später – man muss bedenken, dass es eine Zeit der Buchclubs und lange vor den Möglichkeiten eines Internets – stellte ich erst fest, dass ich lediglich eine gekürzte Fassung dieses Blockbusters zu mir genommen hatte. Somit fehlten mir bei den mehrmaligen Lese-Wiederholungen jeweils etwa 400 Seiten zur ungekürzten Variante.
Mittlerweile habe ich auch diese bereits mehrmals gelesen und lauschte auch schon der englischen Variante des Hörbuchs. Wie man merkt, entwickelt sich dieses Werk zu meinem Alltime-Lieblingsbuch und ich gehe sogar weiter: ES steht bei mir über allen je gelesenen Büchern – und ich lese wahrlich nicht wenig…
Nun brachte der Heyne-Verlag zur Veröffentlichung der gut gelungenen, zweiteiligen Verfilmung das Werk in einer neuen Ausgabe heraus. Inhaltlich nicht geändert, ungekürzt und durch ein dem Film entsprechendes Cover gestaltet. Diese Veröffentlichung ließ mir absolut nichts übrig, als mich zum nun sicherlich zehnten Male diesem Werk zu widmen. Und: Ich machte das erneut mit voller Freude auf den Inhalt und dem Wiedersehen des Clubs der Verlierer.
Beim Genuß von ES stellt man sehr schnell fest, dass es sich hier nicht um einen typischen Horror-Roman handelt. Interessanterweise zählt es dennoch fast nur in diese Riege.
ES ist aber vielmehr und wenn man die Gesamtseitenzahl von ca. 1.500 betrachtet, dann sei jedem gesagt, dass ES selbst beinahe nur als Randfigur beziehungsweise als Antrieb der jeweiligen Handlungen auftritt und notwendig ist. ES ist eine Geschichte über die Geschehnisse in einer kleinen bürgerlichen Stadt in Maine. ES ist eine Geschichte über das Erwachsenwerden. ES ist eine Geschichte über Freundschaft. ES ist eine Geschichte gegen Rassismus, gegen Engstirnigkeit, gegen Gewalt in der Familie, gegen Kleinbürgertum, gegen das Vergessen…
Noch viel mehr lässt sich hierzu aufzählen – und noch niemals ist mir ein Roman mit einer erzählerischen Kraft gereicht worden, die nur ansatzweise an die Macht dieses Werkes herankommt.
Wer ES als lapidaren Horrorroman abtut hat es mit Sicherheit nicht gelesen beziehungsweise verstanden. Gleichzeitig könnte es sein, dass Leser der jüngeren Generation mit der detailreichen Darlegung der 50er und 80er Jahre Schwierigkeiten mit dem persönlichen Eintauchen in die Story bekommen. Ich selbst fühle mich jedes Mal zu Hause, wenn ich diese Geschichte von neuem beginne. Irgendwie habe ich immer das Gefühl, dass sich zwischen den Umschlägen auch ein Teil meines Lebens befindet.
Bereits beim Schließen des Buches fragte ich mich, wann ich es erneut lesen werde. Momentan stelle ich mir doch tatsächlich vor, mich diesem Werk jedes Jahr widmen zu wollen.
ES ist und bleibt auch weiterhin in meinen Augen das Buch, an dem sich jegliche anderen Bücher messen lassen müssen.
ES ist die Mutter der Bücher – und nicht nur im Genre des Horrors.
Ich freue mich schon auf das nächste Mal…
Jürgen Seibold/03.11.2019

Golden, Christopher: Something She Lost

Originaltitel: Wildwood Road
Ins Deutsche übersetzt von Stephanie Pannen
©2008 by Christopher Golden
©2019 der deutschsprachigen Ausgabe by Amigo Grafik GbG
ISBN 978-3-95981-971-8
ca. 399 Seiten

COVER:

Michael und Jillian Dansky haben alles, was man sich wünschen könnte – eine glückliche Ehe, erfolgreiche Karrieren, eine strahlende Zukunft. Doch ein kleiner Fehler in einer düsteren Oktobernacht ändert alles. Nach einer Halloweenparty döst Michael am Steuer kurz ein – und als er wieder aufwacht, ist nichts mehr, wie es war.

Michael kann gerade noch rechtzeitig bremsen, als er das kleine Mädchen auf der Straße sieht. Aus Sorge um das Kind bringt er sie nach Hause – aber das Gebäude, in dem sie zu leben behauptet, steht leer, und das Mädchen verschwindet wieder mit den Worten: „Komm und finde mich!“ Doch jemand – oder etwas – will verhindern, dass Michael das Mädchen wiederfindet. Plötzlich wird Michael verfolgt. Und seine Frau Jillian scheint wie ausgewechselt …

REZENSION:

Michael und Jillian feiern Halloween. Dabei schauen beide ein wenig zu viel ins Glas – dennoch fahren sie noch mit dem Wagen nach Hause, da Michael der Meinung ist, dass aus seiner Sicht noch alles in Ordnung ist. Als er aus einem Sekundenschlaf wieder erwacht sieht er eine Kurve vor sich und schafft es gerade noch, einen Unfall zu vermeiden. Im Zuge dieser vermeintlichen Rettungsaktion taucht plötzlich ein Mädchen am Straßenrand auf, was ihn zu erneuten hektischen Lenkbewegungen zur Vermeidung eines noch viel dramatischeren Unfalls nötigt.
Das Mädchen selbst wirkt verstört – was natürlich im Angesicht eines knappen Zusammenstoßes nichts Ungewöhnliches darstellt. Michael schafft es, sie in seinen Wagen zu lotsen und möchte sie nach Hause fahren. Jillian selbst bekommt von dieser ganzen Misere auf der Rückbank absolut gar nichts mit – scheinbar hat sie doch tiefer in das Glas geschaut, als Anfangs gedacht.
Warum das Mädchen tiefnachts auf der Straße steht lässt sich nicht aus ihr herausbekommen. Alles wirkt sehr mysteriös – auch der lange und kurvenreiche Weg zu ihrem angeblichen Haus irritiert Michael. Das Haus selbst wirkt nicht sehr einladend und als das Mädchen eintritt, hinter lässt sie noch den Ruf „Komm und finde mich!“.
Ab diesem Augenblick änderte sich das Leben Michaels rundum. Er wirkt immer verfahrener in seinen Tätigkeiten und beginnt zwanghaft dieses Mädchen wieder zu finden. Demgegenüber wird auch die Beziehung zu Jillian auf eine schwere Probe gestellt, da sie sich seit diesem Abend ebenfalls extrem ungewöhnlich verhält und dabei immer aggressiver in jeglichem Gebaren wird.
Christopher Goldens „Something She Lost“ hat im Original bereits zehn Jahre auf dem Buckel – aktuell scheint sich der Autor jedenfalls einen Namen in unseren Gefilden zu machen und somit können wir nun ebenfalls immer mehr seiner Bücher in unserer Sprache widmen.
„Something She Lost“ klingt gemäß der Coverbeschreibung beinahe nach einem typischen Haus-Gruselroman – dies trifft jedoch nur in geringem Maße zu. Wir begleiten hauptsächlich Michael auf seiner rätselhaften Suche nach diesem mysteriösen Mädchen. Dabei driftet er immer weiter in den Wahnsinn herab. Als ob dies nicht bereits genug sein könnte, wird er darüber hinaus auch noch von geisterhaften Erscheinungen verfolgt und gequält.
Goldens Geschichte ist relativ ruhig geschrieben. Der Autor lässt sich viel Zeit mit seinen Protagonisten und man fragt sich des Öfteren, wohin die Reise innerhalb des Plots gehen mag. Nach und nach entwickelt sich ein typisches Szenario, wie man es von früheren Romanen des Genres kennt. Christopher Golden legt somit einen beinahe typischen Roman der klassischen Gruselliteratur vor. Geschickt erzählt mit einem Touch aus der Welt des Übernatürlichen.
Von oben betrachtet kommt es nicht an die erzählerische Kraft seines Romans „Der Fährmann“ heran, bietet dennoch ausreichende Unterhaltung für einige nette Stunden mit wohligem Gruseleffekt der alten Schule.
Jürgen Seibold/02.11.2019

Tchaikovsky, Adrian: Im Krieg

Originaltitel: Dogs Of War
Aus dem Englischen von Peter Robert
Deutsche Erstausgabe 7/2019
©2018 by Adrian Tchaikovsky
©2019 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-32024-6
ca. 381 Seiten

COVER:

„Mein Name ist Rex. Ich bin ein guter Hund.“ Und das ist auch alles, was Rex, eine sogenannte technisch optimierte Bioform, in seinem Leben möchte – ein guter Hund sein und seinem Herrn gehorchen. Gemeinsam mit seinem Rudel kämpft Rex in einem seit Jahrzehnten andauernden Krieg, und wenn sein Herr sagt „Töte!“, dann tötet Rex. Wieder und wieder. Als sein Herr eines Tages vors Kriegsgericht gestellt wird, kommen Rex jedoch Zweifel. Was soll er tun, wenn er keinen Herrn mehr hat, der ihm befiehlt? War es möglicherweise falsch, blind zu gehorchen? Und haben er und die anderen Bioformen überhaupt ein Anrecht auf Freiheit und ein eigenes Leben?

REZENSION:

Nach dem rundherum fulminanten und epochalen „Kinder der Zeit“ war ich sehr gespannt auf das vorliegende Werk mit dem Titel „Im Krieg“ von Adrian Tchaikovsky.
Tchaikovsky erzählt darin eine Geschichte über eine mögliche Zukunft des Krieges: Bioformen unterstützen den Menschen beim Kampf. Sie wurden dementsprechend gezüchtet beziehungsweise erschaffen, damit sie uneingeschränkt ihrem Herrn gehorchen und somit skrupellos über Leichen gehen. Ein simpler Tötungsbefehl und der treue Hund als auch die weiteren Mitglieder seines vielseitig aufgebauten Rudels töten, ohne einen weiteren Gedanken zu verschwenden. Nachdem jedoch die ehemaligen Lebewesen auch gedanklich ein neues Niveau erreicht haben, beginnen sie jedoch, sich nach und nach mit gewissen persönlichen Auseinandersetzungen zu beschäftigen. Dies verstärkt sich in dem Moment, als ihr Herrchen von einem Augenblick zum anderen nicht mehr für sie erreichbar ist.
Tchaikovsky entwickelt eine sehr interessante Parabel und sorgt somit für gedanklichen Tiefgang. Durch seinen sprachlichen Kniff lenkt er den Leser direkt in die Gedankengänge seines Hauptdarstellers – gleichzeitig ist dies aber auch der Punkt, welcher in meinen Augen dafür sorgte, dass ich zu diesem Werk keinen nachhaltigen Zugang finden konnte.
Erzählungen in der Ich-Form machen mir es häufig etwas schwer – in diesem Fall konnte ich mich darüber hinaus nicht mit der erzählenden Figur identifizieren. Aus diesem Grund spürte ich zwar die Kraft der Geschichte, konnte diese aber leider nicht rundum genießen.
„Im Krieg“ ist dennoch ein hochinteressanter Plot mit einer klaren Botschaft – eine Erzählform im Stile „Kinder der Zeit“ hätte bei mir sicherlich besser funktioniert. Hat man kein Problem mit dieser schwenkenden Art des Erzählens, findet man in „Im Krieg“ einen sehr interessanten Plot, der mehr bietet als reine Unterhaltung.
Jürgen Seibold/01.11.2019

HYS110 – FCK Rassismus

Die neue Podcastfolge:

Scharer, Whitney: Die Zeit des Lichts

Originaltitel: The Age of Light
Aus dem Englischen von Nicolai von Schweder-Schreiner
©2019 by Whitney Scharer
Für die deutsche Ausgabe ©2019 by J.G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, Stuttgart
ISBN 978-3-608-96340-3
ca. 392 Seiten

COVER:

„Ich würde lieber ein Bild machen, als eines zu sein“ – zu dieser Erkenntnis kommt Lee Miller im Alter von zweiundzwanzig Jahren, und so gibt sie ihre Modelkarriere in New York auf, um nach Paris zu ziehen. Geld oder einen Plan hat sie nicht, dafür aber eine Kamera, mit der sie die französische Hauptstadt erkundet. Inmitten der schillernden Künstlerwelt der Dreißigerjahre verliebt sie sich in den ebenso genialen wie eifersüchtigen Man Ray, der sie als Assistentin einstellt und sie in seinem Studio unterrichtet. Ihre Freunde sind Picasso und Cocteau, gemeinsam durchtanzen sie die Nächte und machen Ausflüge ans Meer. Lee jedoch kämpft vor allem darum, in dieser Welt männlicher Genies selbst als Künstlerin ernstgenommen zu werden. Berühmt wird sie erst in den Kriegsjahren und mit den Fotografien, die sie im besiegten Deutschland macht, in den befreiten Konzentrationslagern und in Hitlers Badewanne. Whitney Scharer zeichnet das Porträt einer glanzvoll abgründigen Epoche und einer Frau, die sich nie vereinnahmen ließ.

REZENSION:

In ihrem Debütroman „Die Zeit des Lichts“ erzählt Whitney Scharer vom Leben der Fotografin Lee Miller.
Lee Miller war eine sehr selbstbewusste Frau in einer Zeit, in der das weibliche Geschlecht eher als Figur im Schatten ihres Partners zu stehen hatte. Gleichzeitig eine Epoche voller Tatendrang, neu aufstrebenden Künstlern, neuen Möglichkeiten und kurzzeitig unbehelligt von irgendwelchen Kriegen.
Lee Miller selbst begann als erstes eine typische Modelkarriere, hielt sich dort aber nie wirklich aufgehoben, da sie sich nicht als reines Objekt verkaufen wollte. Aus diesem Grund schwenkte sie in die Welt der Fotografie und entwickelte sich zu einem hartnäckigen Konterpart zu ihrer ebenfalls in diesem Sujet sehr bekannten Liebesbeziehung namens Man Ray.
Wie oft üblich, begann auch Lee Miller ihre ersten Erfahrungen als Assistentin eines bereits hochrangigen Fotografen zu machen. Dabei ist es natürlich hilfreich, dass dieser bereits bekannte Fotograf Man Ray ist, wodurch sich ihre Beziehung natürlich auch in diesem Thema verfestigte. Durch diesen tiefgehenden Kontakt findet findet sie den Zugang zur Welt der Kunst und versuchte darin alles, um nicht nur Ernst genommen zu werden, sondern auch glaubwürdige Anerkennung zu finden.
Richtig berühmt wurde Lee Miller erst als Kriegsfotografin, die sich nicht davor scheute, die Gräueltaten im besiegten Deutschland nachhaltig und bedrückend festzuhalten.
Leider ist in Whitney Scharers Werk dieser außerordentlich interessante Part des Lebens von Lee Miller eher nebensächlich erzählt. Darüber hinaus fehlte mir als Liebhaber der Fotografie das umfängliche, liebevolle und detaillierte Eingehen in diese Thematik. Lee und Man lebten in einer Zeit, in der es das simple „Knipsen“ noch nicht gab und somit wäre es sehr interessant gewesen, wenn die Autorin auch dieses Thema stärker beleuchtet hätte.
Bereits dadurch hat in meinen Augen der Roman bereits an Kraft und Stärke verloren – immerhin handelte es sich hier um die wirkliche Leidenschaft Millers, mit einem wahren Hürdenlauf bis zum Durchbruch als echte Künstlerin.
Lee Miller wäre ein leuchtendes Beispiel für eine kraftvolle Hauptdarstellerin, die sich in einer männerdominierenden Welt durchsetzt. Dennoch scheint in diesem Werk die Liebesgeschichte mit all ihren Höhen und Tiefen die hauptsächliche Rolle zu spielen, wodurch der ursprüngliche Ansatz an Glanz verloren hat. Man liest von vielen Partys, irrwitzigen Veranstaltungen und interessanten Personen des Kunstgeschehens – dennoch wird lediglich die Beziehung zwischen Ray und Miller im Detail beleuchtet; obwohl doch nahezu alles andere erheblich interessanter wäre und auch mit Sicherheit mehr Zündstoff beinhalten würde. Allein ihre Tätigkeiten in den ausgehenden Wirren des 2. Weltkriegs hätten bereits das Potenzial für eigene Romane. Ihr Weg vom vor der Kamera stehenden Model zur eigenständigen und erfolgreichen Fotografin ebenso. Whitney Scharer reißt dass alles an, dennoch bleibt in der Gänze nicht sehr viel mehr übrig als ein Liebesroman mit zwei real existierenden Personen. Sozusagen eine glatt gebügelte Biographie. Gut geschrieben, eingängig zu lesen, trotzdem für mich als Freund der künstlerischen Fotografie erheblich zu wenig in der Umsetzung. Die fotografischen Themen und ihr Weg hin zur künstlerischen Fotografin und im Anschluss ihre Erlebnisse als Kriegsfotografin hätten mich erheblich mehr interessiert als kleinliche Streitigkeiten zwischen ihr und ihrem eifersüchtigen Konterpart.
Jürgen Seibold/26.10.2019

Tolkien, J.R.R.: Geschichten aus dem gefährlichen Königreich

Originaltitel: Tales from the Perilous Realm
Für die deutsche Ausgabe: ©1975/1984/1999/2011/2019 by J.G. Cotta’sche Buchhandlung Nachf. GmbH, gegr. 1659, Stuttgart
ISBN 978-3-608-96449-3
ca. 336 Seiten

COVER:

Alle Geschichten jenseits von Mittelerde zum ersten Mal im Taschenbuch.

Die von dem bekannten Tolkien-Künstler Alan Lee illustrierte Ausgabe enthält:
Bauer Giles von Ham,
Roverandum,
Die Abenteuer des Tom Bombadil,
Der Schmied von Großholzingen,
Blatt von Tüftler.

REZENSION:

Bei „Geschichten aus dem gefährlichen Königreich“ von J.R.R. Tolkien fragte ich mich als erstes, ob hier erneut Fragmente aus dem Vermächtnis des großartigen Schriftstellers hervor gekramt worden sind und man viel persönliche Liebe zur Welt des Autors benötigt, um dem Buch etwas abgewinnen zu können.
Erfreulicherweise hatte ich mich getäuscht, denn in diesem Buch treffen wir auf fünf märchenhafte Erzählungen, von denen zumindest vier absolut nichts mit dem Herr-der-Ringe-Kosmos zu tun haben. Lediglich Tom Bombadil ist eine bekannte Figur aus Mittelerde – die hier aufgeführte Geschichte ist in diesem Werk – zumindest aus meiner Sicht – auch die schwächste. Dies liegt aber ausschließlich an der Erzählform, da es sich bei „Die Abenteuer des Tom Bombadil“ um mehrere in Gedichtform erzählte Werke handelt. Dieser Art des Erzählens konnte ich bereits als Schüler nicht viel abgewinnen und so begeisterte mich auch dieser Part nicht besonders – dennoch: sprachlich gibt es nichts einzuwenden und die Erlebnisse Bombadils sind nicht uninteressant.
Wahrlich gigantisch sind im vorliegenden Buch die übrigen vier Kurzgeschichten. Jede davon losgelöst von der Mittelerde und jede davon alleine in sich funktionierend und wahrlich sagenhaft.
„Bauer Giles von Ham“ ist dabei mein absoluter Favorit. Ich habe schon lange nicht mehr eine generationsübergreifend funktionierende Geschichte gelesen, die rundum überraschend und voller Witz ausgebreitet ist. Ich hätte noch erheblich mehr über den von Glück verfolgten Bauern lesen können. Hut ab vor dieser Geschichte. Dem gefolgt kommt „Roverandom“, bei der ich mich bereits fragte, wie die bereits vorhandene Qualität aufrechterhalten werden könnte. Tolkien scheint aber auch ein König der vordergründig simplen Geschichte zu sein, handelt es sich dabei doch um eine Art „Gute-Nacht-Geschichte“ für Kinder, die aber ebenso bei mir problemlos Wirkung zeigen konnte. Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, wann mich zum letzten Mal eine Geschichte mit einem Hund als Hauptdarsteller dermaßen begeistern konnte. Hier trifft man wirklich auf alles Mögliche: Der Mann im Mond spielt eine zentrale Rolle, wir begegnen Zauberern, Meereswesen und noch vielem mehr. Eine echte Fabel mit einem dezenten Nachhall, der dem Ganzen eine Krone aufsetzt und somit ebenfalls bei jedem Eindruck hinterlassen sollte.
Nach den Abenteuern von Tom Bombadil folgt „Der Schmied von Großholzingen“. Eine Geschichte in der Tolkien sein Faible für elbische Einflüsse geschickt aufblitzen lässt. Voller Witz schafft er es auch hier, für eine dezente Nachdenklichkeit zu sorgen, ohne dabei irgendeinen Finger heben zu wollen. Last but not least noch die fast am Anspruchsvollsten wirkende Geschichte mit dem Titel „Blatt von Tüftler“. Hierin scheint Tolkien seinem Leser etwas mehr mitgeben zu wollen. Nichts desto trotz verströmt sie einen Charme, wie er besser nicht sein kann.
„Geschichten aus dem gefährlichen Königreich“ ist in meinen Augen ein Abschluss wie er besser nicht sein kann. „Abschluss“ meine ich bewusst in Hinblick auf die letzten Veröffentlichungen, die zum Teil nur schwer verdaulich waren, beziehungsweise nur bei echten Fans funktionieren konnten.
„Geschichten aus dem gefährlichen Königreich“ funktioniert uneingeschränkt bei jedem einigermaßen menschlich gebliebenen Leser – ein klein wenig erhaltene Kindheit wäre jedoch hilfreich. Ich werde jedenfalls mindestens 4 dieser 5 Geschichten in meinem Herzen behalten, wobei ich ein absoluter Fan von Bauer Giles geworden bin…
Jürgen Seibold/15.10.2019

Eschbach, Andreas: Perry Rhodan – Das grösste Abenteuer

Erschienen bei FISCHER TOR Frankfurt a.M., März 2019
©2019 S. Fischer Verlag GmbH
ISBN 978-3-596-70145-2
ca. 846 Seiten

COVER:

Cape Kennedy, 1971: Nach dem katastrophalen Scheitern der Apollo-Missionen unternehmen die Amerikaner einen letzten verzweifelten Versuch, das Rennen zum Mond zu gewinnen. Der Name des Raumschiffs: STARDUST. Der Name des Kommandanten: PERRY RHODAN.

Mit diesem bahnbrechenden Ereignis startete die Science-Fiction-Serie Perry Rhodan. Und wurde zur erfolgreichsten Fortsetzungsgeschichte der Welt.

Doch erst jetzt erfahren wir, wie alles wirklich begann: Perry Rhodans Jugend, seine politischen Eskapaden, seine Abenteuer als Testpilot und die geheime Geschichte der bemannten Weltraumfahrt.

Andreas Eschbach erzählt, wie Perry Rhodan zu der legendären Gestalt wurde, die die Menschheit zu den Sternen führt.

REZENSION:

Ich bin mir ziemlich sicher, dass jedem der Name Perry Rhodan ein Begriff ist. Sicherlich gibt es da eine Vielzahl an Menschen, die noch absolut nichts über diese sagenhafte Gestalt gelesen haben – dennoch wird einem dieser Name bewusst, wenn man nur ein klein wenig mit offenen Augen durch die Welt geht. Handelt es sich doch um nichts Geringeres als die größte Science-Fiction-Geschichte aller Zeiten.
Auch ich blickte bereits als Jugendlicher voller Ehrfurcht in Regale meiner eher SF-affinen Freunde, standen dort doch die berühmten Silberbände mit den 3D-Coverbildern. Wäre ich damals nicht in die Horror- und Fantasyecke abgedriftet, hätte ich sicher ebenfalls mit diesen Bänden begonnen. Nichts desto trotz ließ mich der Gedanke an Rhodan nicht wirklich los. Mit den Jahren öffnete sich mein Lesespektrum und manch Science-Fiction-Werk fand seinen Weg vor meine Augen. Eines Tages gönnte ich mir dann tatsächlich die ersten Silberbände – in ihrer Originalversion!
Absolut warm bin ich dabei leider nicht damit geworden – nichts desto trotz konnte ich verstehen, warum diese Reihe so berühmt geworden ist. Findet man den Zugang zu ihr ist es sich nicht leicht, sich dem wieder entziehen zu können.
Gut, durch diese kurze Erklärung kicke ich mich ja bereits als tiefgründigen Tester des Buches von Andreas Eschbach heraus – anders gesagt: Ist es mir möglich, als oberflächlicher Kenner des Rhodan-Imperiums Gefallen an der Vorgeschichte zu finden? Ein Versuch war es wert und da Eschbach wahrlich kein unbekannter Name ist, war ich auch sichtlich interessiert, wie der Autor es schaffen wird, diese Vielzahl an bereits bekannten Fäden zum ersten zarten Knäuel zu verdichten und dabei den Weg nach allem bereits beschriebenen offen zu halten.
Nun, Andreas Eschbach schafft sogar zweierlei:  Er lässt Rhodan auf die Welt kommen und zeigt uns dessen Weg vom Schüler zum Testpiloten zum uns bekannten Weltraumfahrer.
Darüber hinaus verwendet der Autor den Rhodan-Stil und bedient dadurch geschickt seine Klientel. Gleichzeitig können Neulinge auch problemlos mit diesem Werk anfangen, da es sehr geschickt in den Kosmos der längsten und erfolgreichsten Fortsetzungsgeschichte einführt. Findet man Zugang zu diesem Werk, findet man auch problemlos Zugang zu den teils spannenderen Werken der Serie.
Alles in allem eine geschickte Möglichkeit, dem Leben Rhodans noch etwas hinzuzufügen und diesem somit etwas mehr Tiefe zu geben.
Ich selbst wurde erneut ganz gut unterhalten – finde aber auch weiterhin keinen tiefergehenden Zugang zu dieser Serie. Ehrlich gesagt bin ich auch ganz froh darüber, da ich nicht wirklich wissen möchte, wie ich das bereits geschriebene aufholen sollte.
Jeder andere Neuling sollte es mal versuchen – Kenner Perry Rhodans kommen daran eigentlich nicht wirklich vorbei.
Jürgen Seibold/12.10.2019

Stoker, Bram: DRACULA – Große kommentierte Ausgabe von Leslie S. Klinger (Hrs.)

Aus dem Amerikanischen von Andreas Nohl (Romantext) sowie Andreas Fliedner und Michael Siefener
Erschienen bei FISCHER Tor
©2008 by Leslie S. Klinger
Einführung ©2008 by Neail Gaiman
Übersetzung des Romantextes
©2012 by Steidl Verlag, Göttingen
Für die deutschsprachige Ausgabe:
©2019 S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt a.M.
ISBN 978-3-596-70515-3
ca. 647 Seiten

COVER:

„Diese Ausgabe sollte jeder im Regal haben. Sie werden Dracula mit völlig neuen Augen lesen. Faszinierend!“
Stephen King

Eine der unheimlichsten und berühmtesten Geschichten der Weltliteratur: Von seinem Schloss hoch oben im Gebirge Transsilvaniens reist der geheimnisvolle Graf Dracula nach London und verbreitet dort Angst und Schrecken.

Doch so wie in dieser Ausgabe wurde diese Geschichte noch nie präsentiert: Herausgeber Leslie S. Klinger reist in seinen Anmerkungen durch zweihundert Jahre populärer Kultur. Dabei bringt er die politischen, ökonomischen, feministischen, psychologischen und historischen Fäden ans Licht, die „Dracula“ durchziehen. Klingers Entdeckungen werden auch eingefleischte Fans begeistern und lassen den legendären Vampir in einem völlig neuen Licht erscheinen.

Die definitive „Dracula“-Ausgabe für das 21. Jahrhundert

Dieser Prachtband enthält die hochgelobte Neuübersetzung des Romans aus der Feder von Andreas Nohl sowie fast 300 meist vierfarbige Abbildungen von Originalillustrationen, Titelbildern, Filmplakaten, Originalschauplätzen und vielem mehr. Über 1000 Anmerkungen beleuchten sämtliche Aspekte von Stokers Werk und Zeit.

REZENSION:

Als ich von diesem Buch das erste Mal etwas mitbekommen hatte, war ich sichtlich überrascht: Warum bringt jemand erneut DRACULA auf den Markt? Ein kurzer Blick in das Internet und sogar in das eigene Regal zeigt doch, dass es eine nahezu nicht mehr zählbare Vielzahl an veröffentlichten Büchern von den unterschiedlichsten Verlagen und in den unterschiedlichsten Ausführungen gibt.
Nun also ein weiterer Band, der beinahe für sich alleine steht, ist er doch bereits durch sein Erscheinungsbild ein Novum: Großformatige Ausgabe, wie sonst nur bei Bildbänden üblich (ca. 23x26cm mit einer Dicke von 5cm!); ein wunderschönes Cover und eine sehr stilvolle Prägung, wenn man das Cover abnimmt. Der Druck teils vierfarbig und die Darstellung inklusive Haptik absolut herausragend. Natürlich hat das auch seinen Preis und dieser ist mit den ausgerufenen 78,–€ wahrlich nicht von schlechten Eltern.
DRACULA ist eine Geschichte, die ich schon seit meiner Kindheit mehrmals zur Hand nahm und nicht nur gelesen, sondern genossen habe.
In meinen Augen gibt es eine kleine Zahl an historisch wichtigen Werken, die mehreren literarischen Ebenen den zukünftigen Weg ebneten. Dazu zählt das Gesamtwerk H.P. Lovecrafts, Shelleys „Frankenstein“ und natürlich Bram Stokers DRACULA.
Dementsprechend wichtig ist natürlich das Werk – doch ist es notwendig, sich mit der kommentierten Ausgabe von Fischer Tor zu beschäftigen?
Ehrlich gesagt haderte ich bei diesem Punkt ein wenig mit mir. Zum einen ist es mir schlicht nicht möglich, mich lediglich der kompletten Übersetzung des Romans zu widmen, da die Textspalte nur einen Teil der jeweiligen Seite verwendet. Die äußeren Bereiche werden für die Kommentierung verwendet. Diese wiederum sind in Rot gedruckt und heben sich somit ganz gut vom eigentlichen Text ab. Innerhalb dieses Textes befinden sich die Verweise auf die seitlichen Bemerkungen, wodurch das Auge eine Ablenkung erfährt. Somit ist es eher schwierig, diese seitlichen Bemerkungen zum reinen Textgenuss gedanklich auszublenden.
Um mir dennoch eine Meinung bilden zu können, änderte ich meine Vorgehensweise: Ich begann einfach mit dem Lesen des Textes und schwenkte bei Angabe einer Ziffer auf die dazugehörige Erklärung. Gut, dies führt nicht zu einem flüssigen Lesen des Romans – diesen kenne ich aber noch einigermaßen gut (vielleicht nicht in dieser Übersetzung und/oder Fülle) und somit versuchte ich mich schlicht auf die Bemerkungen Klingers einzulassen.
Dabei stellte sich plötzlich folgendes heraus: Es ist verdammt interessant, welche Informationen Klinger zur Kommentierung dieses Werkes gesammelt hatte. Erstaunlich, welcher Informationsgehalt sich in diesem Buch befindet. Es ist nahezu unglaublich, wieviel Hintergrund jemand zu einem in meinen Augen fiktiven Roman sammeln konnte. Gleichzeitig bekommt man dadurch das Gefühl, dass die Zusammentragung der Tagebucheinträge von Stoker lediglich vorgenommen worden sind und er somit diese Geschichte nicht „erfunden“ hat. Ist DRACULA doch keine Fiktion? Alles echt?
Interessant, welche Gedanken auftauchen – trotzdem schwingt dieser Punkt nebelhaft immer wieder mit.
Noch kurz ein kleiner Überblick zum Inhalt dieses „Sachbuches“:
Dem Werk vorgestellt ist nicht nur ein Vorwort des Herausgebers – nein, man konnte auch Neil Gaiman dazu animieren, sich mit einer  kurzen, aber wirklich sehr schöne Einführung in diesem Band zu verewigen. Gaiman ist und bleibt ein sprachlicher Virtuose und schafft dies sogar in einem Vorwort problemlos zu vermitteln.
Neben einer weiteren Kontextdarstellung folgt die eigentliche Geschichte in ungekürzter Darlegung. Im zweiten Teil des Werkes kommen noch einige weitere Kapitel, die sich mit dem Thema befassen: „Dracula nach Stoker“, „Sex, Lügen und Blut“, „Das öffentliche Leben Draculas“, „Draculas Stammbaum“, „Draculas Freunde“, eine Bibliographie und noch einige Worte zum ursprünglichen Manuskript.
Die große kommentierte Ausgabe von Leslie S. Klinger ist dennoch nicht für jedermann geeignet. Möchte man sich lediglich dem Roman zu wenden, dann reicht sicher ein günstiger Griff im örtlichen Buchladen zu einer der vielen Ausgaben. Ist man jedoch über diesen Punkt hinaus und man versucht in die Tiefen dieses Romans abzutauchen, dann kann diese herausragende Ausgabe wahrlich Glücksgefühle auslösen.
Ich selbst war irgendwo dazwischen – habe dabei aber nun festgestellt, dass ich mich fast täglich dabei ertappe, DRACULA von Kommentar zu Kommentar durch zu arbeiten (!). Dabei komme ich mir fast wie bei einem Studium vor – gleichzeitig macht dies richtig viel Spaß und sorgt für Erfahrungen und Wissensschätze, die weit über das eigentliche Thema hinausgehen.
Aber wie gesagt: Man muss sich solche Bücher nicht nur leisten können, sondern auch mögen – obwohl, wenn man es nicht mag, macht es zumindest eine verdammt gute Figur im eigenen Regal.
Jürgen Seibold/03.10.2019

Parsons, Tyler R.: Der Besucher

Originaltitel: A Walk Between Stars
Aus dem Amerikanischen von Jürgen Langowski
Deutsche Erstausgabe
©2015 Tyler R. Parsons
©Piper Verlag GmbH, München 2019
ISBN 978-3-492-70534-9
ca. 197 Seiten

COVER:

Roman Briggs ist als Techniker mit einer Reparatur an der Außenwand seines Raumschiffes beschäftigt, als dieses plötzlich explodiert. Er überlebt, treibt fortan aber schutzlos durch die endlosen Weiten des Alls. Ihm bleiben nur wenige Tage, bis die Vorräte in seinem Raumanzug zur Neige gehen. Gerade, als er sich auf das vorzeitige Ende seines Lebens einstellt, tauchen die Manti auf, eine geheimnisvolle außerirdische Rasse. Doch den fremdartigen Geschöpfen ist es gar nicht recht, Briggs als Passagier aufzunehmen. So ist er gezwungen, sich an die Außenhülle ihres Raumschiffes zu ketten und in dessen Schwerefeld zu überdauern. Fortan erkundet er das Schiff von außen und lernt die Manti durch die Fenster des Flugkörpers immer weiter kennen. Bis er etwas sieht, dass er niemals hätte sehen dürfen. Und damit beginnt der wahre Kampf ums Überleben für ihn …

REZENSION:

Vorweg: Die Coverbeschreibung stimmt in einem wichtigen Punkt nicht mit dem Inhalt der Geschichte überein, denn den Manti ist es keineswegs nicht recht, ihn aufnehmen zu wollen – im Gegenteil, sie würden gern, jedoch können sie einen Menschen aufgrund ihrer grundlegend andersartigen Lebensbedingungen nicht in ihrem Raumschiff aufnehmen. Dies würde zum sofortigen Tode Roman Briggs führen.
Die Manti sind eine sehr zuvorkommende Rasse, die sich sofort um den im Weltraum gestrandeten Menschen kümmern. Sie versorgen ihn, so gut es ihnen möglich ist und bieten ihm sozusagen die Möglichkeit, zurück zu seiner eigenen Rasse zu kommen.
„Nett“ ist auch sogleich die Beschreibung des gesamten Buches. Mit seinen ca. 190 Seiten ist es nicht recht viel mehr als eine etwas weiter ausgeholte Kurzgeschichte, womit man nicht mit ausschweifenden Erlebnissen rechnen sollte. Dennoch versucht Parsons eine Art Krimigeschichte zu erzählen, deren prinzipielle Idee auch gar nicht mal schlecht ist.
Ich lasse mal die ganzen technischen Möglichkeiten außen vor, da ich es nicht beurteilen kann, ob der „Wohnraum“ außerhalb des Schiffes überhaupt möglich ist. Da es aber eine Geschichte ist, akzeptiere ich dies und wende mich dem eigentlichen Inhalt zu.
Parsons lässt uns lange an der entstehenden Beziehung zwischen dem Menschen und einigen wenigen Manti teilhaben. Hier entsteht beinahe eine Art Freundschaft. Briggs vertreibt sich seine Zeit mit einigen Stunden Kommunikation und vielen Stunden Erkunden des Schiffes von außen. Dabei entdeckt er eines Tages – was übrigens im Buch sehr spät zu Tage dringt – einen Mord. In diesem Augenblick befinden wir uns bereits im letzten Drittel des Buches und nun folgt lediglich noch ein kurzer Plot, der ein ganz klein wenig versucht, Spannung in den Plot zu bekommen. Diese wiederum ist so dezent vorhanden, dass sie sich auf ihrer Spitze auf einem Niveau befindet, als würde ich einen Ofen von „0“ auf „1“ – bei einer Skala bis 12 – erhitzen.
Alles in allem eine Geschichte, die sich sicherlich nicht nachhaltig beim Leser einprägen wird. Nichts weiter als eine ganz kurzfristige, nette Unterhaltung, die irgendwie nichts Besonderes vermitteln möchte. Schade, da die prinzipielle Idee gar nicht mal sooooo schlecht wäre.
Jürgen Seibold/24.09.2019

Thomas, Scott: Kill Creek

Originaltitel: Kill Creek
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Kristof Kurtz
Deutsche Erstausgabe 09/2019
©2017 by Scott Thomas
©2019 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-32025-3
ca. 543 Seiten

COVER:

Am Ende einer langen Straße mitten im ländlichen Kansas liegt einsam und verlassen das Finch House. Es ist berüchtigt, schließlich ereilte jeden seiner Bewohner einst ein grausames Schicksal: Sein Erbauer wurde kaltblütig ermordet und dessen Geliebte von einem Lynchmob gehängt. Und die Finch-Schwestern, die Jahre später in das Haus einzogen, sollen dort immer noch ihr Unwesen treiben. Seitdem hat die böse Aura des Hauses jeden potenziellen Bewohner abgeschreckt. Könnte es also eine bessere Kulisse geben, um die vier erfolgreichsten Horrorautoren der USA an Halloween zu einem Interview zusammenzubringen und das ganze live im Internet zu streamen? Was als Publicity-Spaß beginnt, entwickelt sich schnell zum Albtraum für alle Beteiligten. Denn es kommen nicht nur die dunkelsten Geheimnisse der vier Schriftsteller ans Tageslicht, auch das Finch House selbst hütet ein dunkles Geheimnis. Aber anders als die vier Autoren möchte es dieses nicht für sich behalten. Und schon bald gibt es den ersten Todesfall …

REZENSION:

Beim Lesen der Coverbeschreibung des Debütromans von Scott Thomas mit dem Titel KILL CREEK freute ich mich sofort auf einen typischen, altmodischen Gruselroman, in dem – wie früher sehr oft – ein Haus die düstere und gruselige Hauptrolle spielt. Gleichzeitig stellte ich mir aber die Frage, ob dieses fast altertümlich klingende Schema auch in der heutigen Zeit noch funktionieren kann.
Macht es sich da ein neuer Autor recht leicht und versucht etwas Vergangenes zu kopieren oder kommt da gar eine neue Idee beziehungsweise Sichtweise, um dieses Gruselhausgenre in die heutige Zeit zu transferieren?
Nun, meiner Meinung nach schaffte es Scott Thomas recht gut, sich dem zweiten Aspekt anzunehmen und ein klassisches Genre auf ziemlich interessante Art neu zu erwecken.
Wir begleiten in seinem Buch vier herausragende Autoren zu einem Interview in besagtem Finch-House – organisiert von einem „Blogger“ mit ausreichender Reichweite, um für die Autoren aus Marketingsicht interessant genug zu sein. Dieser hatte sie dazu eingeladen und dafür gesorgt, dass die Autoren eine Nacht im sagenumwobenen Haus verbringen sollen.
Bis hier ist die Geschichte noch recht typisch und man rechnet bereits mit quietschenden Türen, knarrenden Treppen und durchs Bild huschende Schatten. Ein klein wenig schwingt dies auch immer mit – jedoch lässt Scott Thomas das komplette Klischee nicht durch, womit seine Geschichte im ersten Drittel zwar damit spielt, dennoch nichts offenlegt oder durchdringen lässt.
Gefühlt scheint nicht wirklich etwas zu geschehen. Bis auf ein paar Momente und Erlebnisse bringen die Autoren das Interview und die Nacht hinter sich.
Nach einer gewissen Zeit stellt sich jedoch heraus, dass die Autoren nach diesem Erlebnis mit einer drogenähnlichen Abhängigkeit vor ihren Rechnern sitzen um ein neues Buch zu schreiben. Jeder bereits am Ende seiner Leistungskraft, jedoch bis zu einem gewissen Punkt absolut ungebremst. Sobald zum Tippen aufgehört wird, scheint sich etwas Fremdes zu nähern.
Die vier Autoren schaffen es, sich erneut zu treffen und wagen abermals den Weg in das Finch-House, um endgültig der Einflussnahme des Hauses oder den darin lebenden Geistern ein Ende zu setzen.
Scott Thomas schafft eine geschickt erzählte Schleife. Dabei spielt er mit alten Regeln klassischer Gruselromane, dennoch gelingt es ihm, diese nicht zu kopieren, sondern einen Neustart zu verpassen. Gut, das Haus selbst trieft vor Klischees – die beiden Finch-Schwestern nicht minder: Trotzdem macht dies exakt den Flair dieser Geschichte aus und ich war richtig erfreut, eine moderne Story dieses von mir geliebten Genres lesen zu können.
Darüber hinaus ist KILL CREEK sehr personenbezogen erzählt und jeder Einzelne wird von seinen eigenen Dämonen aus der Vergangenheit gejagt. Allein dafür lohnt es sich bereits, KILL CREEK eine Chance zu geben.
Scott Thomas‘ Leistung bestand hauptsächlich darin, das versteckte, abgelegte Genre ein wenig abzustauben und den schönen, geisterhaften Gänsehaut-Grusel aus dem alten Schrank wieder hervor zu holen, um seinen Leser damit ein wenig zu erschrecken.
Dies ist ihm auch für einen Debütroman richtig gut gelungen.
Jürgen Seibold/22.09.2019

Falk, Rita: Guglhupfgeschwader

Originalausgabe 2019
©2019 dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München
ISBN 978-3-423-26231-6
ca. 318 Seiten

COVER:

„Was ist mit dieser Morddrohung, Otto?“
„Franz, die wollen meine Mutter umbringen!“
„Das ist jetzt aber nicht dein Ernst, oder?“, frag ich, zieh die Vorhänge auf und seh aus dem Fenster.
„Kannst du die verdammten Gardinen wieder zumachen?“
„Jetzt mach dich nicht lächerlich, Otto. Wir sind hier in Niederkaltenkirchen“, sag ich grad noch, dann fliegt uns ein riesiger Stein durchs Fenster und tausend Scherben um die Ohren.

In seinem zehnten Fall bekommt es der Eberhofer mit brutalen Geldeintreibern, abgeschnittenen Fingern und einer Morddrohung zu tun. Noch bevor er die Ermittlungen aufnehmen kann, explodiert der Lotto-Laden mitten in Niederkaltenkirchen! Und neben einer weiblichen Leiche findet man am Tatort die Reste eines Molotowcocktails.

Ausgerechnet jetzt meint der Birkenberger, dem Franz die kalte Schulter zeigen zu müssen. Aber Ermittlungen ohne den Rudi? Und als wär das alles nicht genug, hat der Eberhofer auch noch seine liebe Not mit dem Flötzinger, der langsam, aber sicher vor die Hunde geht …

REZENSION:

Die Reihe um den Provinzpolizisten Franz Eberhofer hat sich in den letzten Jahren zu einem unglaublichen Phänomen entwickelt. Auch ich bin davon infiziert worden und konnte mich trotz meiner üblicherweise gänzlich anders ausgerichteten Leseleidenschaft dem nicht entziehen. Dies hatte jedoch einen ganz besonderen Grund: Ich selbst bin aus Bayern und habe viele dieser in den Romanen als Klischee fungierende Dialoge und Wesenheiten im wahren Leben exakt wie dargestellt erlebt. Insbesondere meine Oma war ein Abbild der im Roman agierenden Oma vom Eberhofer. Natürlich hat Rita Falk in ihren Büchern dieses Bild etwas provoziert und ungebremst gefüttert – aber gerade deswegen hatte ich die Geschichten immer wieder als nette Zwischenunterhaltung zu mir genommen.
Die Handlungen waren leicht, nachvollziehbar, witzig und ab und an erfreulich bissig.
Nun liegt bereits der zehnte Band vor und darüber war ich abermals sichtlich froh.
Die Medien haben sich bereits in Vorabmeldungen gegenseitig übertroffen – scheinbar läuft das Marketing geschmiert und lockt so ziemlich jeden hervor.
Die Fernsehfilme über den Eberhofer sind nett, konnten bisher den Biss der Bücher nicht abdecken, schienen aber dem ganzen noch eine weitere Ebene hinzu zu fügen. Alles in allem ein richtig gelungenes Rund-um-Wohlfühlpaket, welches mit GUGLHUPFGESCHWADER das zehnjährige Jubiläum einläutete.
Aber lassen wir mal die Kirche im Dorf: Das neueste Werk ist erneut eine nette Geschichte mit den uns ans Herz gewachsenen Teilnehmern. Nichts desto trotz scheint die Autorin hiermit zu vielen Menschen etwas recht machen zu wollen. Irgendwie wirkt die Geschichte genauso weichgespült, wie es die dazugehörigen, typisch deutsch verfilmte, TV-Filme machen. Ja, die Filme sind witzig, besitzen ein gelungenes Ensemble, sind aber bisher immer etwas netter herüber gekommen, als die richtig niederbayrisch wirkenden Bücher. Nun, Band 10 schließt diese Lücke und ist nun ebenfalls nichts weiter als ein netter Roman mit einem guten Ensemble, einem etwas an den Haaren herbeigezogenen Kriminalfall und einer etwas kindisch wirkenden „Liebesgeschichte“ zwischen zwei Freunden.
Einige Themen, die in früheren Büchern eröffnet wurden, werden überhaupt nicht beachtet (hatten die nicht gemeinsam ein Haus zu bauen versucht??) – neue Ideen traten leider überhaupt nicht auf. Sämtliche Figuren agieren nach einem mittlerweile sehr bekannten Schema, was ich außerordentlich schade finde, da sicher noch ausreichend Potenzial vorhanden wäre, wenn man wieder etwas weniger in Richtung Markt schielen würde und/oder einfach versucht, seinen eigenen Weg zu gehen.
Nun, klingt alles ein wenig hart – dennoch ist auch GUGLHUPFGESCHWADER wieder ein nettes Unterhaltungsbuch. Nichts desto trotz waren nahezu alle anderen Vorgänger erheblich besser in ihrer Wirkung und konnten mich problemlos nicht nur zum Schmunzeln, sondern gar zum Lachen bringen. Dies funktionierte diesmal eher nicht, da in dieser Darbietung die notwendige Würze gefehlt hat. Schade, aber ich bin mir sicher, dass diese Reihe noch weiter geht – vielleicht trumpft Nummer 11 dann ja wieder auf.
Jürgen Seibold/22.09.2019

Guse, Juan S.: Miami Punk

@2019 S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt a.M.
ISBN 978-3-10-397393-8
ca. 634 Seiten

COVER:

Der Atlantik hat sich von der Küste Miamis zurückgezogen. Über Nacht legt sein Verlust unsichtbare Abhängigkeiten offen, hinterlässt überall klaffende Lücken – im Alltag, in Familien, in den Institutionen. Es fehlt an Arbeit, an Utopien. Und so breitet sich zwischen leerbleibenden Hotels und dem ausgetrockneten Hafen eine seltsam traurige Atmosphäre aus. Mittendrin: Radikale Pilger, ein spiritualistischer Kongress, die Behörde 55, eine Indie-Game-Programmiererin, eine Arbeiterfamilie, eine Soziologin und ein E-Sport-Team aus Wuppertal.

REZENSION:

Mit „Miami Punk“ wollte ich mich einem Werk widmen, welches trotz der relativ nichtssagenden Beschreibung außerordentlich und erfrischend neu geklungen hat. Das Setting wirkte sehr interessant und konnte mich durch die kunstvolle, surrealistische Anmutung bereits vor Öffnen des Buches überzeugen.
Die kargen Beschreibungen über das Buch weckten meine Neugierde – was nur noch verstärkt wurde durch die sehr positiven Meldungen aus der Presse. Scheint sich doch hier etwas gänzlich Neues im literarischen Markt der phantastischen Literatur aufgetan zu haben.
Juan S. Guse besitzt auch einen sehr schönen Schreibstil und eine Interessante Art des Erzählens, mit der er mich zumindest zu Beginn überzeugen konnte. Dabei schwenkt er seine Herangehensweise beim Erzählen je nach darstellender Figur, was dem Inhalt einige Zeit zu Gute kommt.
Wie gesagt, anfangs wirken diese Elemente wirklich herausragend und gut. Leider relativiert sich dies durch notwendige aber hierin fehlende Spitzen.
Sicher, die Trostlosigkeit wird unglaublich gut dargestellt – ich bin mir aber nicht sicher, ob ich diese Trostlosigkeit als Leser wirklich auch rundum empfinden möchte, um einer dementsprechenden Geschichte folgen zu können.
Als Leser muss man wahrlich sehr viel Aufwand betreiben, um der Geschichte auf längere Zeit genug Interesse entgegenbringen zu können. Mir ist es leider nicht gelungen, da trotz des prinzipiell sehr gelungenen Settings und der Grundidee die Ausarbeitung doch zu viel zu wünschen übrigließ, um mich bei der Stange halten zu können. Den prinzipiellen Handlungsfäden fehlte schlichtweg die notwendige Zugabe an Dramatik, Spannung oder zumindest interessanten Ebenen, um den Leser bei der Hand zu nehmen und ihn mit nicht sinkendem Interesse von Seite zu Seite zu tragen.
Schlußendlich lediglich ein zwar sprachlich herausragender, dennoch nur dezent dystopischer Gesellschaftsroman, der in seiner Gänze zu kompliziert erzählt worden ist. Damit machte es der Autor seinem Leser leider nahezu unmöglich, die darin enthaltene – sicher sehr tiefgehende – Botschaft zu erkennen und als ausreichend interessant zu empfinden..
Jürgen Seibold/17.09.2019