Tobias Bachmann: Despina Jones & die Fälle der okkulten Bibliothek

©acabus Verlag, Hamburg 2020
ISBN 978-3-86282-779-4
ca. 290 Seiten

COVER:

In der Bibliothek für okkulte Fälle ist Despina Jones Ermittlerin der besonderen Art:

Als Nekromantin kann sie mit den Geistern Verstorbener reden. Doch auch Tote können launenhafte, eigensinnige Zeugen sein. Bei der Auflösung ihrer Fälle wird sie von einem vielseitigen Team unterstützt, das in der antiquarischen Bibliothek ihres Onkels sitzt.

Ein Priester bittet das Ermittler-Team um Hilfe, als ein Leichnam in einer der ältesten Kirchen Londons entdeckt wird. Der unbekannte Mann wurde wie Christus ans Kreuz genagelt.
Despina tappt im Dunkeln, da der Verstorbene sich selbst für Jesus hält und seiner Wiederauferstehung entgegenfiebert. Bald findet sich das Team in einem Strudel religiöser Denkweisen und Praktiken wieder, der es an die Pforten ihrer persönlichen Hölle bringt.

REZENSION:

Despina Jones & die Fälle der okkulten Bibliothek scheint das erste Buch einer neu angehenden Serie zu sein – zumindest klingt der Titel schwer danach, da sich im vorliegenden Buch natürlich nur ein Fall befindet. Dieser wiederum zeigt sich sogleich als Herausforderung für das Team um Despina Jones, da es um nichts geringeres als Gekreuzigte wie zu Jesu-Zeiten geht. Welche Rolle spielen dabei die okkulten Bücher, die nur relevant zu sein scheinen, wenn alle drei Exemplare vorliegen? Warum die religiös aufgeladenen Todesfälle?
Tobias Bachmann gründet hiermit eine recht interessante und mit okkulten Phänomenen aufgeladene Reihe um eine grandiose Ermittlerin, die nebenbei auch noch Nekromantin ist, was zur Folge hat, dass sie mit den Toten sprechen kann und dies auch dementsprechend vollzieht – es gibt ja keine besseren Zeugen, als die Toten selbst…
Die Geschichte hat es mir prinzipiell sehr angetan. Bachmann scheut vor keine Darstellung zurück und beschreibt auch die Kreuzigungen sehr explizit. Ich persönlich halte dies für eine gute Alternative zum üblichen Mystic-Allerlei – somit ein aus Krimi und Thriller, gewürzt mit ein klein wenig Horror. Alles Ingredienzen, die für Überzeugung sorgen – gleichzeitig bleiben in diesem Band die Figuren noch ein wenig blass und überraschen nie in ihrer eigenen Rolle. Hier ist definitiv noch Potenzial vorhanden, welches der Autor in eventuell geplanten Folgebänden ja noch gezielt ausarbeiten kann. Bachmann selbst agiert sehr sprachbegabt und die gesamte Geschichte lässt sich außerordentlich leicht und eingängig konsumieren. Bereits dadurch hoffe ich sehr auf weitere Fälle, da die Idee wahrlich für sich selbst spricht. Man sollte dennoch darauf achten, noch ein wenig mehr Tiefgang und Detailverliebtheit einzubauen, dann könnte die Welt um Despina Jones eine Besondere werden.
hysterika.de/01.08.2020

Joe R. Lansdale: Act of Love

©1981 by Joe R. Lansdale
ISBN 0-7867-0288-5
ca. 319 Seiten

COVER:

In the hard-boiled tradition of Jim Thompson, Joe R. Lansdale burst onto the mystery scene with Act of Love. In this tautly plotted story of a modern Jack the Ripper’s spree in Houston, Lansdale creates a powerful combination of crime, police work, and social commentary – all with an eye for graphic detail. With each new victim the serial killer picks out, the nerve-breaking manhunt for “The Houston Hacker” moves toward a shocking and grisly finale. Lansdale’s graphic style is the dark heart of this book, its violence grim and informed and experimental.

Act of Love, a contemporary classic of crime fiction, is a collector’s item for his old fans and essential reading for his new ones.

REZENSION:

Act of Love ist ein aus heutiger Sicht typischer Serienkiller-Thriller – wenn man sich jedoch vor Augen hält, dass dieses Debüt von Joe R. Lansdale aus dem Jahre 1981 ist, wird einem recht schnell bewusst, dass es zur damaligen Zeit etwas Besonderes darstellte. Die typische Vorgehensweise hat sich noch nicht manifestiert – lediglich einige namhafte Autoren, wie z.B. Robert Bloch, widmeten sich diesem Sujet.
Dementsprechend schwierig war es sicherlich für diesen aufstrebenden Schriftsteller, seinen ersten spannungsgeladenen Roman unter das Volk zu bringen. Das im Buche befindliche Nachwort des Autors bestätigt dies sogleich. Er war somit seiner Zeit weit voraus. Darüber hinaus ist seine Hauptrolle von dunkler Hautfarbe, was ja leider teilweise noch heute immer noch ein Thema in dieser unfairen Welt zu sein scheint, beziehungsweise ist. Anfang der 80er sicherlich mitten in den Staaten ein zusätzliches Problem, um ein Debüt veröffentlichen zu können. Niemand – ganz besonders sicherlich Lansdale selbst nicht – konnte ahnen, wie sich der Output dieses Schriftstellers noch entwickeln wird. Act of Loveoffenbart zumindest schon erste zarte Hinweise auf die noch kommende Qualität dieses bei uns leider viel zu unbekannten Schriftstellers.
Act of Love ist, wie bereits erwähnt, ein Serienkillerroman im Fahrwasser des guten alten Jack The Ripper – lediglich in unsere Zeit gebracht. Lansdale erzählt dabei geschickt, durchweg spannend und scheut sich nicht vor der grafischen Darstellung der aufkommenden Brutalität beim Tötungsakt.
Sein Ende ist wie einem typischen Film entnommen und enttäuscht ein klein wenig – der Weg dorthin lässt einen jedoch darüber hinwegsehen, da er sich absolut abwechslungsreich und rundum spannend vor dem Leser ausbreitet.
Kurzum ein richtig gutes Debüt eines Autoren, der sich in den folgenden Jahren nicht nur durch seine Vielfalt sondern auch durch seine hohe Qualität einen großen Namen machen konnte.
hysterika.de/19.07.2020

Andreas Gruber: Der Judasschrein

©2020 by Andreas Gruber
Copyright Gesamtausgabe ©2020 LUZIFER-Verlag
ISBN 978-3-95835-480-7
ca. 529 Seiten

COVER:

In dem abgeschiedenen Dorf Grein am Gebirge, eingeschlossen zwischen den Bergen und einem Fluss, wird eine verstümmelte Mädchenleiche entdeckt, der fast alle Rückenwirbel fehlen. Als Kommissar Alex Körner und sein Team mehrere Exhumierungen anordnen, nehmen die Ermittlungen eine ungeahnte Wendung. Zudem spitzt sich die Lage zu, als der vom Dauerregen stark angeschwollene Fluss über die Ufer tritt. Vom Hochwasser eingeschlossen und von der Außenwelt abgeschnitten, kommt eine schreckliche Wahrheit ans Licht und die grausamen Morde gehen weiter …

REZENSION:

Es ist immer wieder erstaunlich, welche Tragkraft der damals nicht gerade als erfolgreich zu betrachtende Autor namens Lovecraft bis in unsere aktuelle Zeit hat. Erneut hat sich mit dem vorliegenden Buch ein Schriftsteller diesem Erbe gewidmet und einen mit lovecraftschen Elementen angereicherten Kriminalroman geschrieben. Dabei handelt es sich um den österreichischen Krimi-Export Andreas Gruber, der mir selbst bis dato eher durch gewisse, frühe Kurzgeschichten ein dezenter Begriff war. Mir ist aber bewusst, dass Gruber mittlerweile bei Krimifans ein sehr hoch angesehener Name geworden ist.
Nun also ein Versuch, Ermittlungsmaßnahmen in einem abgeschiedenen Dorf darzulegen und dabei auch noch die Kurve zu einem Meister der phantastischen Horror-Literatur zu bekommen. Ein hehrer Ansatz, da üblicherweise Krimifans eher die Finger von allzu brutalen Erzählungen und gleichzeitig Grusel- oder gar Horrorfans die Finger von zu brav erzählten Fällen weglassen.
Andreas Gruber versucht dennoch diesen schwierigen Brückenschlag und erzählt im Großen und Ganzen eine interessante Geschichte mit einem geschickt aufgebauten Plot. Zum Ende hin zusätzlich gewürzt mit einem dezenten Twist, der einem Lovecraft gerecht wird und der gesamten Geschichte noch ein kleines i-Tüpfelchen aufsetzt.
So positiv dies alles klingt, schaffte es der Autor dennoch nicht, mich gänzlich von seiner Geschichte und deren Darbietung zu überzeugen.
Insbesondere der lange und recht spannungsbefreite Kriminalplot bis weit über die Hälfte des Buches hinaus ließ mich immer wieder überlegen, ob ich das Buch nicht einfach für beendet erkläre. In diesem Fall interessierte mich jedoch stark die weitere Entwicklung und ganz besonders wollte ich wissen, wann denn nun die Welt Lovecrafts ihren Auftritt findet.
Sehr spät zeigt sich das Grauen und viel zu rasant wurde das Ende der Geschichte eingeläutet und abgehakt. Trotz dem kommenden Grauen im Fahrwasser von H.P. Lovecraft konnte mich die Geschichte durch ihren langen Vorlauf und dem intensiven Festhalten am Krimigenre nicht mehr überzeugen. Darüber hinaus könnte es in meinen Augen für reine Genreleser etwas schwierig werden: Den einen wird es zu starker und zu fantastischer Tobak – den anderen ist der Plot zu sanft. Somit nicht Fisch, nicht Fleisch, was ich außerordentlich schade finde, da Andreas Gruber sehr gut erzählen kann und man merkt, dass er sich auch in der Welt des Lovecraft ausreichend auskennt.
In meinen Augen war es eine nette Unterhaltung mit leider zu viel Längen, dafür einem zu rasant abgespulten Ende – im Gegenzug dazu ein sehr interessantes Setting und eine grundsätzlich gute Idee.
hysterika.de/18.07.2020

Joe R. Lansdale: Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick

Originaltitel: Paradise Sky
Aus dem Englischen von Conny Lösch
©2015 by Joe R. Lansdale
Für die deutsche Ausgabe ©2016 by J.G. Cotta’sche Buchhandlung Nachf. GmbH, Stuttgart
ISBN 978-3-608-50140-7
ca. 475 Seiten

COVER:

Ein wilder Abenteuerroman über den berühmtesten schwarzen Cowboy.

Eigentlich wollte Willie Jackson nur ein paar Besorgungen machen. Doch dann erhascht er unfreiwillig einen Blick auf die Unterwäsche einer weißen Frau. Deren Mann nimmt die Sache persönlich, und Willie muss Hals über Kopf fliehen. Er macht sich auf nach Deadwood, wo er sich in eine wunderschöne junge Frau verliebt, das Leben von Wild Bill Hickock rettet – und auf Rache an seinen Verfolgern sinnt.

REZENSION:

Als weiterer Vermerk steht noch auf dem Cover der Satz „Joe R. Lansdale erzählt die filmreife Lebensgeschichte eines ehemaligen Sklaven, der zur Westernlegende Deadwood Dick wurde“ – und genau darum handelt es sich auch, wie ein kurzer neugieriger Blick in das Internet offenbart: Willie Jackson, später bekannt als Nat Love beziehungsweise Deadwood Dick hat doch tatsächlich gelebt und selbst sein Leben niedergeschrieben.
Diese Vorlage scheint sich Joe R. Lansdale zu Herzen genommen zu haben und haucht dem sagenhaften Leben Nat Loves neues Leben ein.
Sein Buch ist ein typischer Abenteuerroman, der ein wenig an die früheren Groschenromane erinnert. Die Geschichte klingt kurios, ein klein wenig übertrieben – könnte sich aber trotzdem exakt so zugetragen haben.
„Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick“ ist ein echter Wild-West-Abenteuerroman mit einem außerordentlich kuriosen Hauptdarsteller, der sich nur aus Versehen auf der Flucht befindet und dabei sein Leben mehrmals komplett umgekrempelt wird. Die Story ist zwar nur in geringem Maße als spannend zu betrachten, nichts desto trotz kann man sich den Erlebnissen Nat Loves definitiv nicht entziehen. Nebenbei offenbart Lansdale geschickt das doppelmoralische Denken von Weißen in Bezug auf Schwarze als auch die allgemeine Dummheit rassistischen Denkens.
Nat Love selbst geht sehr geschickt damit um und schafft es, sich einen Platz in dieser Welt voller schießwütiger Cowboys zu erobern. Die Darstellung schwankt von ironisch über witzig, bis hin zu todernsten Abschnitten. Man begleitet Deadwood Dick in seiner staubigen Welt voll Indianer, Chinesen, Sklaven, Cowboys und manch anderen interessanten Gestalten.
Lansdale übertreibt natürlich mal mehr und mal weniger und dadurch lässt er einen 80er-Jahre-Western-Groschenroman entstehen, der sich über 470 Seiten zieht.
Alles in allem eine wundervolle Geschichte über einen außerordentlich interessanten Menschen, der es trotz seiner Hautfarbe in dieser vom rassistischen Schwarz/Weiß-Denken geprägten Western-Welt bis zum Marshall gebracht hat – dargeboten als unaufgeregte Lektüre und dennoch gewürzt mit einer gehörigen Prise voll interessanter Momente.
hysterika.de/04.07.2020

Timo Leibig: Nacht im März

©2018, Timo Leibig
ISBN 9781980616900
ca. 211 Seiten

COVER:

Leonora Goldmann ermittelt.

Marion Sievert ahnt Schlimmes: Ihr Mann betrügt sie. Um sich Gewissheit zu verschaffen, beauftragt sie Privatdetektivin Leonore Goldmann.
Leonore nimmt umgehend die Ermittlungen auf – und wird bald von einem unguten Gefühl erfasst. Was sie herausfindet, wirft immer neue Fragen auf: Wer sind die vier ominösen Freunde des Ehemanns? Was haben sie mit zwei Prostituierten zu tun? Und wohin verschwinden sie alle spurlos in einer winterlichen Märznacht?

Nacht im März ist der erste Kriminalfall für Leonore Goldmann aus der erfolgreichen Thrillerreihe um das Ermittlerduo Goldmann und Brandner.

REZENSION:

Die Bücher von Timo Leibig um das Ermittlerduo Goldmann und Brandner sind absolut zu empfehlen. Selbst ich als überwiegender Verweigerer von Kriminalromanen konnte mich mit diesen uneingeschränkt und auf spannende Art unterhalten. Interessanterweise sind mir die beiden richtig ans Herz gewachsen, was dazu führen sollte, dass ich auch die weiteren Werke dieses Schriftstellers immer gerne nicht nur zur Kenntnis nehmen sondern auch zu lesen bereit bin.
Nun also der erste Fall, in dem Leonore Goldmann als freischaffende Detektivin ihren ersten richtigen Fall ohne Hilfe ihres bisherigen Partners bekommt und sich dabei in höchste Gefahr begibt. Es beginnt alles ziemlich harmlos und klischeebeladen: Eine Frau wird das Gefühl nicht los, dass ihr Angetrauter sie betrügt. Seine frühere Sexsucht scheint sich wieder aktiviert zu haben; die Gute ist mit den Nerven am Ende.
Leibig fängt ziemlich klassisch und ruhig an – würde er dies so beibehalten, hätte diese Geschichte wahrlich nichts wirklich Interessantes zu bieten. Er geht aber natürlich einen Schritt weiter und greift etwas tiefer in die Trickkiste. Somit erkennt man sehr schnell, dass sich hier einiges mehr dahinter befindet, als lediglich eine gehörnte Ehefrau.
Leonore begibt sich dabei in höchste Gefahr – und als Leser fühlt man sich erneut auf eine ausreichend gute Art und Weise unterhalten. Vor allem innerhalb der klassischen Genre-Abgrenzung findet dieser nur knapp über 200 Seite umfangreiche Plot seinen Platz. Ein somit gut durchdachter Kriminalroman für einige interessante Lesestunden. Auch wenn ich weiterhin mehr auf der Seite der Geschichten stehe, in denen beide gemeinsam ermitteln, ist doch dieser Nebenplot eine schöne Abwechslung für den Leser, der diese Personen bereits des Öfteren begleiten durfte. Als dezente Kritik sei angemerkt, dass in dieser Geschichte die ein oder andere Situation arg konstruiert wirkt, Timo Leibig dies dennoch ganz gut vermittelt und man somit mit einem geschlossenen Auge getrost an manchen Zufall glauben kann. Auch im realen Leben wirkt manche Situation ein wenig unglaubwürdig und somit bin ich auch gerne bereit hier ein Auge zuzudrücken. Als Neuling in der Welt des Krimiautors Leibig sollte man dieses Buch eventuell nicht gleich lesen – lieber zuerst mit den fünf Büchern um das Ermittlerduo starten, dann wird man auch mit diesem vorliegenden nicht wirklich enttäuscht.
hysterika.de/24.06.2020

Fred Ink: Hinter den Winkeln

©2020 Fre Ink
ISBN 979-8-651-055166
ca. 264 Seiten

COVER:

Nur vier Personen können das Blatt noch wenden: eine schüchterne Autorin, deren Manuskript sich auf grauenhafte Weise verändert, ein vom Pech verfolgter Privatschnüffler, der einem okkulten Buch auf der Spur ist, ein mit einem fürchterlichen Mal gezeichneter Traumreisender sowie eine knallharte Söldnerin, die Jagd auf unaussprechliche Schrecken macht. Sie wissen nichts voneinander, befinden sich noch nicht einmal am gleichen Ort, und doch sind sie Teil derselben Mission.
Jeder von ihnen wird in einen Strudel entsetzlicher Ereignisse gesogen, erlebt seinen ganz persönlichen Albtraum und muss darum kämpfen, nicht komplett den Verstand zu verlieren. Ihre Abenteuer führen sie ins beschauliche Neuengland, in die Urwälder Kolumbiens und auf das karibische Meer, doch dort endet die Reise nicht. Denn die größten Schrecken lauern jenseits der Grenzen dieser Welt – hinter den Winkeln.

REZENSION:

Es ist nun schon etwas länger her, als ich mich einem Werk von Fred Ink widmen konnte. Dementsprechend angetan war ich von der Information, dass es ein neues Werk von ihm geben würde. Somit war der Drang vorhanden und ich widmete mich kurzfristig dem nun von meiner Warte aus 6. Buch dieses oft dem Lovecraftschen Universum verschriebenen Autor.
In „Hinter den Winkeln“ wandelt er erneut als Erbe H.P. Lovecrafts und bringt dessen an Wahnsinn grenzenden Ideen in unsere heutige Zeit. Ink verwendet eine gute handvoll Figuren, deren Handlungsstränge Kapitelweise aufbauend dargelegt werden. Durch diese Vorgehensweise ist man durch die häufigen, kleinen Cliffhanger immer wieder am weiteren Vorgehen des jeweiligen Protagonisten interessiert.
Sein Personenkreis ist dabei recht unterschiedlich aufgebaut und lässt auch den träumenden Wahnsinnigen nicht außen vor.
Die Story selbst zeigt die liebevolle Affinität Fred Inks zu Lovecraft und sorgt für eine erfrischende und ganz gut gelungene Erweiterung dieses sagenhaften Kosmos. Kenner der Bücher dieses herausragenden und wegbereitenden Schriftstellers werden einiges wiedererkennen und fühlen sich sicherlich recht schnell zu Hause. Selbst Pickman spielt höchstpersönlich mit und sorgt für manchen Aha-Effekt.
Die Story selbst ist rasant erzählt und lässt sich dementsprechend gut herunterlesen. Gleichzeitig wirkt mancher Punkt ein klein wenig arg konstruiert – worüber sich jedoch ganz gut hinweglesen lässt. Die jeweiligen Ebenen halten die Geschichte außerordentlich abwechslungsreich und deuten geschickt den aufkommenden Wahnsinn an, den man bereits vom großen Vorbild zu kennen glaubt.
Alles in allem erneut eine ziemlich gut gelungene Geschichte, die im Sogwasser Lovecrafts einige vergnügliche Stunden bieten kann. Nicht ganz auf dem Level von „Fünf Tode“ und „Crossover“, dennoch ein sehr interessanter Plot mit ausreichend Abwechslung und sehr interessanten Genreüberschreitungen.
hysterika.de/21.06.2020

Tad Williams: Das Reich der Grasländer 1

Originaltitel: Empire of Grass. The Last King of Osten Ard
Aus dem Amerikanischen von Cornelia Holfelder-von der Tann und Wolfram Ströle
©2019 by Beale Williams Enterprise
Für die deutsche Ausgabe
©2020 by J.G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, Stuttgart
ISBN 978-3-608-94954-4
ca. 664 Seiten

COVER:

30 Jahre herrschten König Simon und Königin Miriamel über ihre Königreiche in Frieden. Aber nun ist die totgeglaubte Nornenkönigin Utuk’ku wiedererwacht, und ein neuer Krieg wirft seine Schatten voraus. In dem riesigen Panorama der Völker von Osten Ard wird es vor allem auf zwei Einzelne ankommen: Prinz Morgan, den unsteten Thronfolger, und Unver, einen stolzen und grausamen Wilden, vom Volk der Graslandbewohner.

REZENSION:

Vorne weg lässt sich schon mal sagen, dass es immer wieder eine Freude ist, wieder nach Osten Ard zu kommen. Immerhin ist die komplette Drachenbeinthron-Saga eine der wenigen Fantasy-Werke, die mit schuld daran sind, dass ich überhaupt Fantasy lese. Es befindet sich somit in der ewigen Riege mit dem Herrn Der Ringe und den Shannara-Bänden von David Eddings.
Für mich war die Drachenbeinthron-Sage ein abgeschlossenes Werk und lange Zeit galt dies wohl auch für den Autor selbst. Immerhin sind ganze 30 Jahre ins Land gezogen, bis er seinen Blick wieder nach Osten Ard richtete. Als in Zuge dessen „Das Herz der verlorenen Dinge“ das Licht der Welt erblickte, war ich ein klein wenig enttäuscht. Es fehlte schlicht der Zugang und insbesondere Simon, dessen Weg ich vom Küchenjungen zum König begleiten durfte, blitzte nur als kleines Beiwerk durch.
Als dann jedoch „Die Hexenholzkrone“ erschien, ließ sich diese Enttäuschung ohne jeglichen Einwand beiseiteschieben und der erneute Weg in ein spannendes Osten Ard öffnete sich umfangreich vor meinen Augen. Erneut schaffte es Tad Williams grandios seinen Leser zu überzeugen.
Nun wurde „Das Reich der Grasländer“ veröffentlicht und erneut stellte ich mir die Frage, ob die Geschehnisse in Osten Ard weiterhin dieses Niveau halten können.
Das Werk ist erneut aufgrund des Umfangs in zwei Bände geteilt – dies führt natürlich dazu, dass der erste Band in seiner Erzählung ein klein wenig absinkt und mit dem berühmten „Luft holen“ beginnt, diese aber nicht mehr herauslassen kann, da dafür eben Buch 2 zuständig sein wird.
Die Erlebnisse sind abermals interessant, detailreich aufgebaut und sorgen für eine sehr hochwertige, fantastische Unterhaltung. Gleichzeitig entstehen ein wenig zu viele Längen in diesem Werk, wie man sie von einem Tad Williams üblicherweise eher nicht kennt. Natürlich ist es hochwertige High-Fantasy – dennoch innerhalb seines ersten Bandes erheblich schwächer als die Geschichte in „Die Hexenholzkrone“. Es ist auch weiterhin schön, sich nach Osten Ard zu begeben – die Story wird auch bestimmt im Laufe des zweiten Bandes anziehen und sich dem Finale zuwenden. Dennoch ist es schon jetzt schade, dass das vorhandene Flair nicht mehr zur Gänze erreicht werden kann.
Dies alles klingt schlimmer als es soll und ist wahrlich ein Jammern auf sehr hohem Niveau, denn auch „Das Reich der Grasländer“ ist ein gelungenes Werk und schafft es trotz mancher Langatmigkeit zu Überzeugen. Es muss sich aber selbstverständlich auch seinen eigenen Vorfahren stellen und diese (insbesondere „Drachenbeinthron“) stehen auf einer erheblich höheren Stufe. Ich freue mich jetzt erst einmal auf die zweite Hälfte und bin schon ganz gespannt, wie sich Prinz Morgan weiterhin noch so schlagen wird.
hysterika.de/20.06.2020

Joe R. Lansdale: Ein feiner dunkler Riss

Originaltitel: A Fine Dark Line
Aus dem amerikanischen Englisch von Heide Franck
Die deutsche Erstausgabe erschien 2012 im Golkonda Verlag, Berlin
©2003 by Joe R. Lansdale
Lizenzausgabe mit freundlicher Genehmigung des Golkonda Verlags, Berlin
Suhrkamp Taschenbuch Verlag
ISBN 978-3-518-46497-7
ca. 351 Seiten

COVER:

East Texas, 1958. Stans Welt ist von Gewalt geprägt: Sein bester Freund wird zu Hause verprügelt, die Küchenhilfe lebt bei einem gewalttätigen Mann, und selbst Stans Vater wird handgreiflich, wenn es um die Familienehre geht. Das einzige Gegenprogramm liefern das Autokino von Stans Vater und die faszinierenden alten Geschichten um ein Spukhaus auf dem Hügel, einen kopflosen Geist am Bahndamm und zwei in ein und derselben Nacht ermordete Mädchen. Als Stan eines heißen Sommertages im Wald ein geheimnisvolles Kästchen findet, beginnt er, begleitet von seinem treuen Hund Nub und unterstützt von dem mürrischen schwarzen Filmvorführer und Ex-Polizisten Buster, Detektiv zu spielen – ohne zu ahnen, worauf er sich da eingelassen hat.

REZENSION:

Joe R. Lansdale gehört schon seit langem zur Riege der mit Preisen überschütteten Autoren. Er bedient dabei unterschiedliche Genre und überzeugt laut meinen bisher eingeholten Informationen mit seiner Art des Erzählens eine treue Leserschaft. Interessanterweise war mir der Name des Schriftstellers eher kein Begriff. Lediglich durch gewisse Recherchetätigkeiten kam es ab und an vor, dass auch dieser Name vereinzelt genannt worden ist.
Eines Tages wagte ich mich auf das Experiment seine Werke näher kennen zu lernen. Ich schnappte mir – vor vier Jahren(!) – die Trilogie „Drive-In“ und hoffte auf erholsame Stunden mit einem für mich bis dato nicht wirklich bekannten Schriftsteller. Das erste Werk in dieser Trilogie überzeugte mich auch ziemlich gut, was jedoch – laut meiner damaligen Rezension – durch die beiden anschließenden Geschichten komplett relativiert worden ist. Das Kapitel Lansdale hat sich somit für mich erst einmal erledigt und ich widmete mich wieder anderen Werken von anderen Erzählern.
Nun, im Jahre 2020, wagte ich durch erneutes „immer-wieder-über-diesen-Namen-stolpern“ einen neuen Start in seine schriftstellerische Welt. Ich besorgte mir „Ein feiner dunkler Riss“ und erhoffte mir abermals eine faszinierte Unterhaltung.
Sehr schnell stellte sich dabei heraus, dass der Autor im Gegensatz zu meinem ersten Eindruck wahrlich ein Könner seines Fachs zu sein scheint. Die Geschichte – angesiedelt in den 50er Jahren in Texas – zog mich in ihren Bann und ließ mich auch nicht mehr los. Lansdale schreibt ehrlich, glaubhaft und rundherum interessant. Seine teilhabenden Personen lassen einen nicht mehr los und ganz nebenbei zeigt er durch seine schonungslose Wahrheit auch noch den Irrsinn des damaligen Rassismus in Bezug auf Schwarze, welcher leider nahezu uneingeschränkt bis in die heutige Zeit ausstrahlt. Das mittlerweile verpönte N-Wort taucht in diesem Werk sehr oft auf – es steht jedoch nie für sich selbst, sondern zeigt lediglich auf deutliche Art, wie dumm sich die Abgrenzung weiß/schwarz darlegt.
Seine darüber liegende Geschichte ist von einer gewissen Ruhe gefüllt und es passiert auch nicht wirklich viel spannendes. Dennoch lässt es einen nicht mehr los, da man sich dieser Episode aus dem Leben Stanleys nicht mehr entziehen kann. Seine Umgebung ist geprägt von Rassismus und Gewalt, während seine Familie trotz der strikten Trennung von Schwarzen zu Weißen nebenbei und fast ungewollt – lediglich angeheizt durch normalen Menschenverstand und Anständigkeit – für ein Aufbrechen dieser unsäglichen Denkweise sorgen.
Um die Erzählweise zu verstehen, verweise ich kurz auf die sprachliche Qualität von Stephen King in seinen umfangreichen Werken wie zum Beispiel „ES“. Diese Werke leben insbesondere von der Schwätzigkeit des Schriftstellers. Damit meine ich, King erzählt eine Vielzahl an Geschichten innerhalb seiner eigentlichen Geschichte. Diese Sidekicks sind oft ausufernd dargelegt und treiben den eigentlichen Plot oberflächlich betrachtet in keiner Weise nach vorne. Nichts desto trotz klammern sie sich an ihren Leser fest und offenbaren eine Realitätswelt hinter dem Ursprungsplot.
„Ein feiner dunkler Riss“ könnte eine dieser Sidekicks innerhalb einer Stephen King Story sein. Auch ihr kann man sich nicht mehr entziehen und man bekommt das Gefühl, dass sich hier nichts als die blanke Wahrheit abzeichnet.
Ein fantastisches Werk, welches zum ersten Mal in meinem Leben dafür sorgte, dass ich mir alle Werke eines Autors der Reihe nach in mein Notizbuch geschrieben habe. Diese werden wohl nun in aller Ruhe nach und nach ihren Zugang in meine kleine Welt finden…
Jürgen Seibold/13.06.2020

James Baldwin: Nach der Flut das Feuer

Originaltitel: The Fire Next Time
Aus dem amerikanischen Englisch von Miriam Mandelkow
Neuübersetzung 2019
©1962, 1963 by James Baldwin
©2019 der deutschsprachigen Ausgabe: dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München
eBook ISBN 978-3-423-43585-7
ca. 128 Seiten

COVER:

James Baldwin war zehn Jahre alt, als er zum ersten Mal Opfer weißer Polizeigewalt wurde. Dreißig Jahre später, 1963, brach ›Nach der Flut das Feuer ‒ The Fire Next Time‹ wie ein Inferno über die amerikanische Gesellschaft herein und wurde sofort zum Bestseller. Baldwin rief dazu auf, dem rassistischen Alptraum, der die Weißen ebenso plage wie die Schwarzen, gemeinsam ein Ende zu machen. Ein Ruf, der heute wieder sein ganzes provokatives Potenzial entlädt: »Die Welt ist nicht länger weiß, und sie wird nie mehr weiß sein.«

REZENSION:

Durch Zufall bin ich auf dieses Essay von James Baldwin gestoßen. Es ist ein dünnes Büchlein und dennoch in seiner Wortgewalt mit einer Tragweite, die trotz seiner Entstehung Anfang der 1960er Jahre weiterhin durch und durch eine Gültigkeit besitzt. Dabei ist der Fokus nicht nur auf das Land der Vereinigten Staaten zu legen – nein, auch wir im behüteten Europa stehen dem in nichts nach.
Rassismus ist überall vorhanden und es stellt sich immer wieder die Frage, wie man dem entgegen treten soll beziehungsweise, wie man den Knoten des Rassismus nachhaltig zerstören kann. Neben großen Themen, die überall detailliert diskutiert werden (oft mit lediglich weißen Gästen, was bereits einen Faustschlag in das Gesicht der Betroffenen darstellt), gibt es auch eine Vielzahl an „kleinen“ Unzulänglichkeiten, die durch ungenügenden, engstirnige Erziehung oder schlicht Unwissen, wenn nicht gar Dummheit entstehen oder entstanden sind. Als kleines Beispiel verweise ich auf eine Tätigkeit als ehemaliger Trainer einer Fußballmannschaft – die Spieler waren alle ca. 13/14 Jahre alt. Eines Tages bekamen wir einen neuen Spieler, der aus Südafrika zu uns gezogen ist. Nun, die Mannschaft hat diesen Spieler mit offenen Armen empfangen – dennoch gab es ab und an bei Auswärtsspielen unflätige Bemerkungen von Erwachsenen. Der Höhepunkt fand am letzten Spieltag von ihm statt, da er wieder mit seiner Familie aus familiären Gründen wieder zurück nach Johannesburg musste. Wir organisierten eine Auswechslung von ihm während den letzten Minuten mit Abklatschen bei seinen Mitspielern und einem Applaus durch alle zu uns gehörenden Eltern. Also ähnlich, wie bei einem Profifussballer. Diesen tollen Abschied konterkarierte jedoch ein uns nicht bekannter Zuschauer mit der Bemerkung „was machen die denn für einen Hype um dieses Migrantenbürscherl“.
Natürlich haben wir uns diese Person verbal zur Brust genommen – dennoch ist uns dabei auch allen klar gewesen, dass damit seine Meinung nicht behoben wird. Man kann wohl schon froh sein, wenn so eine Person zumindest mal kurz zuhört. Seine persönliche Meinung wird sich nicht ändern. Alles in allem schlicht ein Idiot – doch auch hier stellt sich die Frage: Wie kann man so jemanden „heilen“?
Darüber hinaus stehen wir auch in anderen Bereichen immer wieder auf der privilegierten Stufe: Nehmen wir doch einfach mal das Marketing von Verlagshäusern. Mir ist bewusst, dass in dieser Klientel der Gedanke gut gemeint ist und nicht rassistisch motiviert ist. Dennoch – und da schließe ich mich James Baldwin an – wird bei Büchern von „Schwarzen“ zum Beispiel so oder ähnlich geschrieben: „Eine starke schwarze Stimme…“, „Der Autor, die Autorin zeigt, dass auch aus Afrika/Asien/Arabien/… großartige Literatur kommen kann…“
So eine Werbung impliziert dezent, dass man nicht davon ausgeht, dass auch aus diesen Ecken der Welt starke Worte kommen können.
Und hier treffen wir auf James Baldwin, der seine Erfahrungen bereits vor 60 Jahren niedergeschrieben hat und dessen Worte noch immer eine unveränderte Bedeutung inne haben: Er fragt sich in seinem Essay, warum man auf die Farbe einer Person aufmerksam machen muss – bei einem Weißen wird das doch auch nicht gemacht.
Und genau das sollten wir uns immer vor Augen halten: Nur gemeinsam können wir es schaffen, diese vermeintliche Rassentrennung in einer Welt, in der es keine „Rassen“ gibt oder geben sollte zu beseitigen. Ein jeder Schritt in diese Richtung – und möge er noch so klein sein – ist ein guter Schritt. Fangen wir doch einfach damit an.
Jürgen Seibold/10.06.2020

Thomas Wheeler: Cursed – Die Auserwählte

Originaltitel: Cursed

Aus dem amerikanischen Englisch von Michelle Gyo und Petra Koob-Pawis
Illustrationen ©2019 by Frank Miller
Text ©2019 Tom Wheeler
Für die deutschsprachige Ausgabe: ©2020 S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt a.M.
ISBN 978-3-596-70487-3
ca. 447 Seiten

COVER:

Eine Frau. Ein Schwert. Ein Land in Aufruhr.

England steht in Flammen. Die Roten Paladine ermorden jeden, der sich nicht vor dem Kreuze beugt. Als Nimues Dorf überfallen wird, verliert sie alles – nur eines bleibt ihr: ein geheimnisvolles Schwert, das sie zu einem gewissen Merlin bringen soll. Doch als Berater des korrupten Königs Uther hat Merlin ganz eigene Pläne für das Schwert der Macht.

Begleitet von dem jungen Söldner Arthur legt Nimue sich mit den gefährlichsten Männern des Landes an, um ihr unterdrücktes Volk in die Freiheit zu führen …

REZENSION:

Die Idee, sich der Arthus-Saga anzunehmen und dieser ein komplett neues Gesicht zu geben, halte ich auch weiterhin für außerordentlich interessant, gelungen und auch für zukünftige Bücher unabdingbar.
Thomas Wheeler konnte mit seiner Idee schon mal für einen ersten Schritt dazu sorgen. Somit öffnete er die Tür in die Welt der Neuentdeckung der Artus-Sage für alle noch kommenden kreativen Köpfe. In seinem Gefolge befindet sich Frank Miller, der sich seinen Namen als Batman-Zeichner machte und darüber hinaus seine Hände unter anderem bei „Sin City“ und „300“ mit im Spiel hatte.
Somit lässt sich bei beiden der Drang in Richtung Film deutlich wahrnehmen und genau aus diesem Grund befindet sich auch ein „Netflix“-Aufkleber auf dem Cover des Buches. „Cursed“ wird das Licht der Welt auch als Serie erblicken können und das vorliegende Buch bietet die Basis dafür.
Aus diesem Grund konnte mich die geschriebene Geschichte jedoch nicht wirklich überzeugen – viel zu sehr wirkt sie als reines Vorbereitungs- oder Begleitwerk zur noch kommenden TV-Umsetzung. Die Idee ist klasse, die Umsetzung zu sehr filmisch dargelegt. Die Kapitel brechen durch künstliche Schnitte viel zu schnell ab und schwenken in eine andere Richtung oder Begebenheit. Dadurch bleiben die Charaktere in ihrer Handlung zu dünn und oberflächlich. Hintergrundinformationen bleiben verborgen beziehungsweise können sich durch diese Vorgehensweise überhaupt gar nicht entfalten. Durch diese Vorgehensweise fehlt einem als Leser die Möglichkeit, sich mit der ein oder anderen Figur identifizieren zu können, was jedoch für einen tiefgehenden Roman essentiell ist.
Wie gesagt, als Serie kann diese Geschichte mit Sicherheit überzeugen – als literarischer Appetizer fehlt jedoch zu viel. Natürlich spricht spätestens seit dem grandiosen Erfolg von Game Of Thrones vieles dafür, dass es zu Serien auch Bücher gibt – doch Game Of Thrones ist als eigenständige und extrem dichte Fantasyliteratur entstanden – ohne jegliches Schielen in Richtung Verfilmung. Aus diesem Grund funktioniert diese Story auf beiden Kanälen – bei „Cursed“ liest man eine Netflix-Serie, was beim Binge-Watching funktioniert, passt aber leider nicht ganz beim gemütlichen Romanlesen.
Als Produkt wiederum funktioniert dieses Konzept sicherlich ganz gut – Frank Miller-Fans werden sich auf neue Zeichnungen dieses Künstlers freuen und die prinzipielle Geschichte ist auch überwiegend ganz nett zum Lesen. Legt man nicht sehr viel Wert auf Details, Charakterzeichnung und einen anspruchsvollen Plot ist man mit „Cursed“ ganz gut bedient. Nichts desto trotz hätte ein reiner Fantasy-Autor aus diesem Plot bestimmt mehr herausgeholt.
Jürgen Seibold/09.06.2020

Jon Savage: Sengendes Licht, die Sonne und alles andere

Originaltitel: This Searing Light, The Sun And Everything Else. Joy Division – The Oral History
Aus dem Englischen von Conny Lösch
©2019 by Jon Savage
©2020 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-27251-4
ca. 383 Seiten

COVER:

„WIR WOLLTEN BLOSS ETWAS ERSCHAFFEN, DASS SICH GUT ANHÖRTE UND UNSERE GEFÜHLE AUSDRÜCKTE. AN SO ETWAS WIE EINE KARRIERE HABEN WIR GAR NICHT GEDACHT. ES GAB KEINEN PLAN.“
Bernard Sumner

JOY DIVISION tauchten Mitte der Siebzigerjahre in Manchester auf und sorgten zusammen mit dem Label Factory dafür, dass die graue Industriestadt in den Fokus der Öffentlichkeit rückte. Bis heute gelten sie als einflussreichste Protagonisten des Post-Punk und Bezugspunkt für nachfolgende Entwicklungen wie Gothic Rock, Dark Wave oder Indie-Rock. Obwohl die Band nur zwei offizielle Studioalben aufnahm, sorgten diese und einige legendenumwitterte Liveauftritte dafür, dass Joys Division zur aufregendsten Undergroundband ihrer Zeit aufstiegen. Doch kurz vor der ersten großen Amerika-Tour nahm sich Sänger Ian Curtis das Leben.

In SENGENDES LICHT, DIE SONNE UND ALLES ANDERE hat Jon Savage Interviews mit zentralen Figuren der Joy-Division-Geschichte aus dem letzten dreißig Jahren zu einer Oral History zusammengestellt, darunter Bernard Sumner, Peter Hook, Stephen Morris, Deborah Curtis, Paul Morley, Tony Wilson, Terry Mason, Rob Gretton und Martin Hannett. Es ist die Erzählung einer Band, die das Bild einer ganzen Stadt bestimmte, wie diese Band auf ungewöhnliche Art zusammenfand, wie ihre Musik eine ganze Generation bewegte, wie jungen Menschen mit elektrischen Gitarren und literarischen Vorlieben die Welt veränderten. Und es ist auch die niederschmetternde Geschichte, wie Krankheit und innere Dämonen einen charismatischen Sänger und visionären Texter dazu brachten, der Welt zu entfliehen.

REZENSION:

Es gibt vereinzelte Bands innerhalb der Musikgeschichte, die bahnbrechend für die weitere Entwicklung der Musikentwicklung waren. Eine dieser Bands ist JOY DIVISION, die Anfang der 80er Jahre unbewusst vom ausklingenden Punk in die darauffolgende Welt der Musik traten. Dabei öffneten sie für nachfolgende Bands musikalische Türen und wurden wegweisend für Dark Wave, Gothic und Alternative. Mit gerade mal zwei offiziellen Studioalben gingen sie in die Musikgeschichte ein und glänzen darin noch heute.
Ihre Musik ist getrieben von einer visionären Kraft, wie man sie nur selten vorfindet – dabei wollten sie nichts weiter als Musik machen, um dem eintönigen Alltag der darbenden Industriestadt Manchester ein wenig zu entfliehen.
In SENGENDES LICHT, DIE SONNE UND ALLES ANDERE (was für ein genialer Titel!) lässt Jon Savage die Band auf Basis von Erzählungen beteiligter Personen auferstehen.
Am 18. Mai 2020 jährt sich der Todestag des charismatischen Ian Curtis bereits zum 40. Mal und somit wurde es auch wieder Zeit, sich mit dieser Ausnahmeband zu beschäftigen.
SENGENDES LICHT, DIE SONNE UND ALLES ANDERE ist dabei nicht nur für Fans und Kenner der Musik Joy Divisions eine Offenbarung – nein, ich bin überzeugt, dass der Inhalt auch sehr interessant für Musikliebhaber jeglicher Couleur sein kann, immerhin erzählt es die Geschichte einer Band aus einer Zeit, in der Musik noch für sich selbst funktioniert hatte und der Drang danach nicht nur dem öden Kommerz geschuldet war. Joy Divison machten ihre Musik aus Leidenschaft und nichts weiter. Dass sie dabei etwas Besonderes entwickelten, war ihnen selbst sicherlich überhaupt nicht bewusst. Hier ging es nur um die Jagd nach dem nächsten Auftritt, möge die Location noch so klein sein.
Das Buch deckt auf eine sehr persönliche Art und Weise alles auf, was sich im Umfeld dieser Band zugetragen hatte. Dennoch, die innere Welt Ian Curtis‘ bleibt auch nach Genuss dieses Werkes verborgen und somit ist es weiterhin nur spekulativ, warum sich Ian Curtis zwei Tage vor der Abreise in die Vereinigten Staaten das Leben genommen hat. Sicherlich kämpfte hier ein sehr zerrissener Mensch mit seinen inneren Dämonen und somit bleibt einem auch nichts weiter übrig, als mit unbeantworteten Fragen dem Abgang dieses sagenhaften Menschen zu bedauern. Immerhin bleibt er durch seine Musik am Leben und auch hier sei gesagt, dass diese trotz der bereits vergangenen 40 Jahre weiterhin zeitgemäß ist und wohl noch lange bleiben wird.
Die Zusammenstellung der verschiedenen Stimmen durch Jon Savage wirkt dabei rundum authentisch und man fühlt sich beinahe mitten drin. Insbesondere die Texte des zweiten Albums mit dem Titel „Closer“ erscheinen in einem komplett neuen Licht.
Die letzten, sehr traurigen und intensiven Seiten las ich mit Joy Division als Begleitmusik. Dies sorgte für eine bedrückende Gänsehaut, da man auf der einen Seite Erzählungen über die letzten Tage des mittlerweile wohl manisch-depressiven Ian Curtis liest und gleichzeitig die düsteren Klänge von „Isolation“, „She‘s Lost Control“, „Love Will Tear Us Apart“ und ganz besonders „Atmosphere“ den Raum um einen herum füllen. In dieser Konstellation ein sehr eingängiger, tiefgehender und nachdenklich stimmender Schluss, wie er nur selten beim Genuss eines Buches vorkommt.
Interessanterweise hörte ich während des Schreibens dieser Rezension einen Alternativ-Radiosender an und wie als ganz besonderer Fingerzeig spielten sie beim Beenden dieser Worte von mir ebenfalls ein Werk dieser bahnbrechenden und viel zu kurzlebigen Band.
Als kleines Fazit sei noch angemerkt, dass dieses Buch nicht zu wenig und nicht zu viel verspricht – dabei schlicht und ergreifend den Weg von gleichwertig agierenden Freunden ohne jeglichen Plan zu einer historisch nennenswerten Band offenbart. Perfekt in seiner stringenten Timeline zusammengestellt.
Jürgen Seibold/07.06.2020

Brian Lee Durfee: Das pechschwarze Herz – Die fünf Kriegerengel 2

Originaltitel: The Blackest Heart. The Five Warrior Angels 2
Aus dem Amerikanischen von Olaf Schenk
©2019 by Brian Lee Durfee
Für die deutsche Ausgabe ©2020 by J.G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, Stuttgart
ISBN 978-3-608-96142-3
ca. 1.096 Seiten

COVER:

Die fünf Kriegerengel sind offenbart worden und nun müssen ihre mystischen Waffen gefunden werden. Nur so kann sich endlich eine uralte Prophezeiung erfüllen. Was, wenn doch nicht? Der Geschichtsschreibung der Fünf Inseln ist nicht mehr zu trauen …
Und mitten in den Konflikten um Religion und Thron wird sich das Schicksal des Waisenjungen Nail entscheiden.
Oder wird sich an ihm das Schicksal aller entscheiden?

REZENSION:

Der Verlag beziehungsweise der Autor machen es einem wirklich nicht gerade leicht. Wie ich meiner letzten Durfee-Rezension entnehmen konnte, ist es nun bereits nahezu 2 Jahre her, als ich den ersten Band dieser umfangreichen Geschichte gelesen hatte. Nun also der zweite Teil – ehrlich gesagt hatte ich überhaupt keinen wirklichen Schimmer mehr über die Geschehnisse im Vorgänger. Alles was ich noch wusste, war der Umstand, das mir dieser außerordentlich gut gefallen hatte und ich in meiner damaligen Rezension von nichts geringerem, als vom Highlight des Jahres sprach.
Jetzt also „Das pechschwarze Herz“ und sogleich stellte ich mir die Frage, ob ich mich einerseits wieder an die bereits gelesenen Seiten erinnern kann und das Buch andererseits nicht denselben Fehler wie viele Trilogien zur Folge hat und nicht mehr die bereits vorgelegte Qualität aufrechterhalten kann. Zwei Jahre sind eine lange Zeit und somit gibt es viele äußere Einflüsse, die das Gegenteil hervorbringen könnten.
Auch gab es in diesem Buch leider keine Zusammenfassung der bisherigen Geschehnisse – bei so langen Wartezeiten wäre das definitiv angemessen eine Art „was bisher geschah“ als erneuten Eintritt an den Anfang des Buches zu stellen. Dementsprechend schwer fiel mir auch zuerst der erneute Zutritt in diese Geschichte – sämtliche Namen waren eine gewisse Zeit nur mehr Schall und Rauch für mich. Ich konnte mich gerade noch ein wenig an den Waisen Nail erinnern; was er im Detail vollbracht hatte: Entschwunden in die Welt des Vergessens.
Interessanterweise schien sich nach einigen Dutzend Seiten das Tor der Erinnerung wieder zu öffnen und der damalige Sog trieb mich erneut hinweg in eine ganz besondere Welt.
Eine Welt gefüllt mit Intrigen, fantastischen Begebenheiten, interessanten Persönlichkeiten und eine dazugehörige, komplex aufgebaute Geschichte, in der jedes Kapitel für sich alleine steht und funktioniert. Durfee schreibt klischeegeladen, driftet dabei aber nicht ab von seinem eigenen Ziel und schafft es dadurch nahezu virtuos, eine rundum herausragende High-Fantasy-Geschichte darzubieten, wie es aktuell nur noch wenige herzustellen in der Lage sind. In meinen Augen findet sich hier nichts Negatives und ich kann an Durfee und Klett-Cotta nur noch den Wunsch aussprechen, dass sie sich nicht abermals zwei ganze Jahre bis zum finalen Band Zeit lassen werden, sondern so schnell wie nur irgend möglich „Die fünf Kriegerengel“ zu ihrem Abschluss bringen lassen.
Jürgen Seibold/03.06.2020

Basma Abdel Aziz: Das Tor

Aus dem Arabischen von Larissa Bender
Deutsche Erstausgabe 05/2020
©2013 by Basma Abdel Aziz
©2020 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-32046-8
ca. 283 Seiten

COVER:

Ein nicht näher benanntes Land im Nahen Osten: Seit den sogenannten „Schändlichen Ereignissen“ wird die Bevölkerung massiv von der Regierung unterdrückt. Peinlich genau achtet die Sicherheitsgarde auf die Einhaltung der Gesetze, und wer gegen die Regeln verstößt, verschwindet spurlos in den dunklen Kellern der Behörden. Für alles brauchen die Bürger die Genehmigung des Staates, für die sie sich vor einem großen Tor anstellen müssen. Doch die Schlange der Menschen, die in der brütenden Hitze warten, wird von Tag zu Tag länger, denn das Tor öffnet sich nicht. Da ist zum Beispiel die junge Lehrerin Ines, die eine Unbedenklichkeitsbescheinigung braucht, nachdem sie den kritischen Aufsatz einer Schülerin in der Klasse vorgelesen hat. Oder der Regimekritiker Yahya, der die Erlaubnis benötigt, sich einer lebensnotwendigen Operation zu unterziehen. Oder die namenlose alte Frau, die einfach nur Brot kaufen möchte. Sie und viele andere warten Tag und Nacht vor dem Tor – vergebens, aber dennoch voller Hoffnung, dass es irgendwann aufgehen wird …

REZENSION:

Basma Abdel Aziz ist eine ägyptische Autorin, die sich in ihrer Heimat unermüdlich für den Kampf gegen Unterdrückung und Verletzung der Menschenrechte einsetzt. Dies zeigt sich auch sehr deutlich in ihrem Buch „Das Tor“, welches darüber hinaus auch die Nähe zu den Gegebenheiten des arabischen Frühlings nicht verneinen kann. Das Buch selbst ist bereits aus dem Jahre 2013 und dementsprechend nah werden sich die Vorgänge nach dem Tag des Zorns noch im Kopf der Autorin befunden haben.
In „Das Tor“ befinden wir uns in einem nicht näher benannten, totalitären Staat im Nahen Osten, in dem man für beinahe alles eine behördliche Genehmigung benötigt. Für den Erhalt dieser Genehmigungen ist es notwendig, sich am Tor anzustellen, hinter dem sich die Behörden befinden. Die dabei entstehende Schlange wird immer länger – wir reden hier bereits von einer eigenen Welt, mit Menschen, die bis zu zwei Kilometer vom Tor entfernt stehen. Dies alles in der brütenden Hitze und voller Hoffnung, dass sich das Tor endlich öffnet und man eintreten darf.
Die Schlange wird von Tag zu Tag länger, da sich das Tor nicht öffnet – die Stimmung scheint zu kippen…
„Das Tor“ von Basma Abdel Aziz wird auf dem Cover mit George Orwells Klassiker „1984“ und Kafkas „Der Prozess“ auf einen Ebene gebracht. Teilweise kann ich mich dem auch anschließen, sind solche Bücher doch unglaublich wichtig und müssen unbedingt erzählt werden. Gleichzeitig hat jedoch Basma Abdel Aziz auch einige Chancen liegen gelassen und ist schlicht zu nett in ihrer Ausführung. Gut, sie drückt den Finger in die Wunde und zeigt bravurös Missstände von Diktaturen auf. Der totalitäre Staat wird gefühlt aus dem Bauch heraus regiert – dementsprechend unsinnig wirken die Gesetze und Vorschriften.
Wir dürfen uns auch als Leser der demokratischen Welt dabei nicht zurücklehnen, da wir von vielen dieser Vorgänge auch nicht weit weg sind.
Doch zurück: In „Das Tor“ erzählt die Autorin die Erlebnisse einiger Protagonisten, die dringend eine Bescheinigung benötigen und somit vor dem Tor verharren. Dies alles wirkt interessant, doch zu trocken und freundlich dargelegt. Wenn ich mir vor Augen führe, wie viele Menschen es in der brütenden Hitze vor einem seit Wochen verschlossenen Tor sein müssen, dann kann ich mir schlichtweg nicht vorstellen, dass dies unter Wahrung der öffentlichen Ordnung geschieht. Menschen gingen schon für weit weniger aufeinander los, so schade das auch ist.
Alles in allem ist „Das Tor“ eine sehr interessante Dystopie, deren Inhalt mehr und mehr in Richtung Realität driftet. Somit eine absolut gelungene Idee, die jedoch viel zu nett dargelegt worden ist. Hier hätte die Autorin noch erheblich aggressiver werden können, oder einen stringenteren Weg einschlagen müssen, damit der Plot einen Drive bekommt, der den Leser an die Seiten haftet. Durch die gleichmäßige und fast monotone Darbietung der eigentlich dramatischen Probleme verliert man den Drang, hier das notwendige Extra heraus holen zu wollen. Somit leider ein lediglich ganz netter, interessanter Plot, der unglaublich viel Potenzial für erheblich mehr gehabt hätte.
Jürgen Seibold/01.06.2020