Nicola Bardola: Mercury in München

©2021 by Nicola Bardola
©2021 by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-27352–8
ca. 432 Seiten

COVER:

„Ich haben einen Ort gefunden, der sich München  nennt, in dem ich mich unauffällig bewegen kann. Das ist für mich die reinste Entspannung.“
Freddie Mercury

Farrokh Bulsara, besser bekannt als Freddie Mercury, wurde als Komponist und Leadsänger der Rockband Queen zu einem der berühmtesten Frontmänner der Musikgeschichte, dessen Leben auch dreißig Jahre nach seinem viel zu frühen Tod die Menschen fasziniert.

Das Buch Mercury in München legt den Fokus auf die außerordentlichen Jahre in der Isarmetropole von 1979 bis 1985, die für Freddie Freiheit und Lebenslust bedeuten. Nirgendwo sonst kann der geniale Popstar so sehr er selbst sein.
Ohne von den Medien und Verehrer*innen belästigt zu werden, lebt Freddie in München seine Sexualität aus und lässt sich gleichzeitig zu seinem einzigen Soloalbum Mr. Bad Guy inspirieren. In den legendären Musicland Studios in Bogenhausen entstehen neben diesem Album auch mehrere Bandklassiker.

In München lernt er Barbara Valentin kennen. Dieser wichtigen Beziehung wird im Buch nicht weniger Aufmerksamkeit geschenkt als Freddies Münchner Amour fou mit Winnie Kirchberger. Auch das atmosphärisch bedeutende Dreieck München-Montreaux-London wird beleuchtet.

Der Autor Nicola Bardola hat viele Archive durchstöbert und eine ganze Reihe Zeitzeug*innen für das Buch interviewt.
Entstanden ist ein umfassendes Porträt von Mercurys Münchner Jahren, in vielerlei Hinsicht wohl die besten in seinem Leben.

REZENSION:

Schon mal vorneweg: Ich bin zwar ein sehr großer Musikfan, jedoch trafen meine persönlichen Vorlieben eher selten Bands, die sich im Genre Queens befanden. Dementsprechend kannte ich Queen lediglich oberflächlich – insbesondere durch die typischen 80er-Jahre-Songs, die damals im Radio rauf- und runtergespielt worden sind.
Auch wenn ich heute mit einer etwas älter gewordenen Sichtweise verstehen kann, warum Bohemian Rhapsody für sich steht, war es mir damals nicht nur nicht bewusst, nein, ich konnte das Lied auch nicht ausstehen.
Nichts desto trotz sah ich dieses Buch und ich dachte mir, der Bezug auf München könnte ganz interessant sein und das Leben Mercurys etwas anders darstellen, als es übliche, breit angelegte Biografien üblicherweise vornehmen.
Exakt dies war auch der Fall, denn Nicola Bardola geht sehr umfangreich und detailliert auf die Jahre in München ein. Es ist erstaunlich, welches Sog diese Stadt damals hatte und insbesondere, wie offen sie scheinbar für freie Entfaltung auf allen Ebenen stand.
Das Buch ist eine tiefgehende Hommage an diesen sagenhaften Leadsänger und Komponisten, darüber hinaus auch ein Zeugnis über die heutzutage etwas verschlafen wirkende Hauptstadt Bayerns mit ihren verruchten und gleichzeitig spannenden Vierteln, wie man sie heute wohl nur noch schwer zu finden in der Lage ist.
In München konnte sich Freddie unbeschwert auslassen und musste sich nicht dauernd vor allen möglichen Fans, Journalisten und anderen Personenkreisen der aggressiven Art verstecken. Hier konnte er problemlos mit einigen wenigen Leuten zum Chinesischen Turm gehen, zu Fuß in die Bar gehen, mit Freunden und Freundinnen ohne darauf folgende Pressemeldungen die Nächte genießen.
Hier gab es Liebe, Drogen, Alkohol, Freundschaften und ein legendär werdendes Studio, in dem einige der bekanntesten Lieder dieser Band entstanden sind.
Für mich war es absolut neu zu erfahren, dass die Schwulen- und Lesbenszene in München so präsent war – damals war man wohl seiner Zeit voraus, wobei ich mich frage, was geschehen ist, dass man sich da heute so schwer damit tut, dies einfach akzeptieren zu können.
In Bardolas Buch kommen sehr viele Zeitzeugen zu Wort, dabei gibt es nur wenig negatives zu lesen, was für die Präsenz Freddie Mercurys spricht. Bardola hat ein sehr intensives Werk entwickelt, welches nicht nur die Zeit Freddies in München seinem Leser nahebringt, sondern auch den Menschen Freddie Mercury selbst. Darüber hinaus befinden sich im Buch nicht nur dazugehörige Bilder mit Freddie, sondern auch detaillierte Angaben über alle relevanten Örtlichkeiten. Am Anfang des Buches ein kleiner Stadtplan mit Detailansicht und Nennung der wichtigsten Örtlichkeiten, Dadurch lässt sich das Buch auch als Hilfe verwenden, um wahrlich in die Fußstapfen Mercury zu treten – sicherlich sehr interessant, auch wenn es die ein oder andere Bar nicht mehr gibt.
Alles in allem ein Buch, dass auch mich als Nicht-Queen-Fan überzeugen konnte – ich bin mir sicher, dass Queen-Fans hier viel Neues offenbart wird und sie auch den ein oder anderen Platz persönlich besuchen werden. Für Fans ein absolutes Muss, für Interessierte gleichwertig lohnenswert, da es eine Epoche darstellt und nebenbei die Persönlichkeit eines der wichtigsten Frontmänner des Rockbusiness zu zeigen versucht.
hysterika.de / JMSeibold / 14.11.2021

Christian Montag: Du gehörst uns! – Die psychologischen Strategien von Facebook, TikTok, Snapchat & Co – und wie wir uns vor der großen Manipulation schützen

©2021 by Christian Montag und Karl Blessing Verlag, München
ISBN 978-3-89667-706-8
ca. 415 Seiten

COVER:

Die großen Internetunternehmen tun alles, damit wir als Nutzende im Netz versinken. Wir unterschätzen regelmäßig unsere Verweildauer auf den Online-Plattformen und hinterlassen eine Unzahl digitaler Fußabdrücke, die die Tech-Firmen reich machen.

Online-Plattformen wie auch Computerspiele haben jedes natürliche Ende abgeschafft, umgekehrt wird unser Lebensalltag durch die digitalen Dauerunterbrechungen zunehmend fragmentiert.

Als Psychologe erörtert Christian Montag die Frage, welche Persönlichkeitseigenschaften mit problematischem oder suchtähnlichem Nutzungsverhalten einhergehen. Aus wissenschaftlicher Perspektive diskutiert er neueste Entwicklungen wie „Internet der Dinge“ oder den Einsatz von digitalen Plattformen und Künstlicher Intelligenz im Gesundheitswesen. Machen uns Digital Phenotyping, elektronische Patientenakte und Künstliche Intelligenz zu gläsernen Patienten?

Detailliert geht er aber auch auf aktuell besonders dringliche Themen wie Filterblasen und Fake News ein, die eng mit dem Daten-Geschäftsmodell der Tech-Unternehmen verknüpft sind. Seine Vorschläge, wie wir digital unsere Selbstständigkeit wahren können, sind ebenso neu wie praktikabel.

REZENSION:

Prof. Dr. Christian Montags Schwerpunkte seiner Forschungstätigkeiten liegen bei den biologischen Grundlagen der Persönlichkeit sowie beim Feld der Psychoinformatik. Sein neuestes Werk „Du gehörst uns!“ befasst sich hauptsächlich mit den Auswirkungen der sozialen Medien und dem Versuch, den Leser eine Hilfe an die Hand zu geben, wie er sich diesen Strategien entziehen kann.
Die psychologischen Werkzeuge der Internetunternehmen sind sehr lesefreundlich dargelegt und offenbaren deutlich, dass es nicht darum geht, uns auf sinnvolle Art zu informieren oder zu unterhalten – nein, es geht lediglich um Aufenthaltsdauer und Daten.
Christian Montag bringt es mit einem Statement auf simpelste Weise auf den Punkt: Es gibt nur zwei Branchen, die ihren Kunden User (Nutzer) nennen, der Drogenhandel und die Social Media-Unternehmen.
Ich denke, damit ist bereits alles gesagt, leider scheint dies nur partiell bekannt zu sein, da die Nutzungszeiten steigen und die Verstärkung der Fake News und anderer oberflächlichen Meinungen dies nur widerspiegeln. Es ist jedesmal spannend zu sehen, wie Personen diese Medien für sich nutzen. Meiner Meinung nach kann man sie gezielt nutzen und dafür sorgen, dass sie einen weiter bringen. Dazu muss man jedoch den Schwenk schaffen und selbst für Inhalte sorgen oder sinnvoll Wissen aus den Tiefen des Webs anhand von sinnvollen Artikeln, Büchern, Berichten, etc. saugen. Aus diesem Grund lässt sich die Nutzungszeit nicht pauschal als Negativ betrachten – dies erkennt man auch deutlich im vorliegenden Buch, da dem Autor diese Schwierigkeit natürlich ebenfalls bewusst ist. Nichts desto trotz ist die Masse der User nichts weiter als Empfänger, die sich schlicht berieseln lassen und dabei nicht merken, dass sie rundum ausgenutzt werden. Die Strategien sind vielfältig und trotzdem recht einfach zu durchschauen, wenn man sich einfach mal darüber ein wenig Gedanken macht.
Eine Reduzierung der Zeiten, ein Abschalten von Meldungen um mehr Selbstbestimmung zu bekommen und der Weg in sinnvolle Achtsamkeitsregeln kann dafür behilflich sein. Hinzu kommt die klare Aussage, dass man NIE(!) Nachrichten über Social-Media-Plattformen konsumieren sollte. Dem kann ich mich anschließen, da hier die Gefahr zu groß ist, das man unbewusst gelenkt wird und man sich nicht durch den Empfang von mehreren echten Nachrichtenkanälen selbst eine eigene, dafür nachhaltige Meinung bilden kann. Schade, dass die Masse der Menschheit so leicht beeinflussbar scheint – das Buch von Christian Montag deckt einiges auf, schafft jedoch auch nur partiell gezielte Lösungen darzubieten. Dies ist aber mit Sicherheit nicht der vordergründige Ansatz, da ein Leser dieses Buches sicher bereits offen für eine Veränderung ist und eher die Mechanismen kennen lernen möchte. Dies wird in diesem Buch auch sehr gut vermittelt. Wie man jedoch den Rest der menschlichen Herde vom unsinnigen und zeitfressenden Berieseln abhalten kann ist die Frage; jedoch: Kann man das noch?
Davon abgesehen lohnt sich jedenfalls „Du gehörst uns!“, um persönlich ein wenig in dieses Thema der Psychologie eintauchen zu können und darüber hinaus ein Verständnis für die Vorgehensweise und die Ziele dieser Unternehmen entwickeln zu können.
Professor Dr. Montag versucht dies auf nicht zu theoretische Art und Weise, was auch – bis auf einige wenige Kapitel – herausragend gelungen ist.
„Du gehörst uns!“ war für mich persönlich der Versuch, aufgrund eines Buches ein wenig in die Psychologie dieser Welt eintauchen zu können. Da ich keinen psychologischen Studiumsbackground inne habe, erhoffte ich mir eine gut konsumierbare Darlegung, die ihren Leser nicht mit Details konfrontiert, mit denen nur Psychologen etwas anfangen können. Dies ist Christian Montag perfekt gelungen und ich bin froh, mich diesem Buch gewidmet zu haben. By the way sind nun einige Hinweistöne mehr als bereits vorher abgeschaltet…
Selbstbestimmt handeln ist das Ziel!
hysterika.de / JMSeibold / 14.11.2021

Kim Stanley Robinson: Das Ministerium für die Zukunft

Originaltitel: The Ministry For The Future
Aus dem Amerikanischen von Paul Bär
Deutsche Ausgabe 10/2021
©2020 by Kim Stanley Robinson
©2021 dieser Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-32170-0
ca. 717 Seiten

COVER:

Indien, fünf Jahre in der Zukunft. Eine Hitzewelle lässt die Temperaturen auf weit über 50° C steigen. Der junge Arzt Frank May versucht alles, um die Menschen in seinem Stadtviertel zu retten, doch vergeblich: Binnen einer Woche sterben Millionen.
Zürich, wenige Jahre später. Mary Murphy leitet eine UN-Behörde, die als das Ministerium für die Zukunft bekannt ist. Sie soll den Klimawandel aufhalten, doch ihr Ministerium kann nur Empfehlungen aussprechen, die von Industrie und Politik geflissentlich ignoriert werden. Eines Abends trifft Mary auf Frank, der ihr vorwirft, ihre Organisation könne auf legalem Wege nicht das tun, was wirklich nötig wäre. Doch rechtfertigt eine Katastrophe, die ohnehin nicht mehr aufzuhalten ist, den Einsatz von Gewalt?

REZENSION:

Kim Stanley Robinson ist in meiner persönlichen Lesewelt ein sehr durchwachsener Autor. Einige Werke liebe ich, andere Werke können mich beinahe gar nicht beeindrucken oder gar überzeugen. Nichts desto trotz versuche ich mich immer wieder an diesem ideenreichen und hochwertigen Autor, somit auch an diesem neuesten Werk.
„Das Ministerium für die Zukunft“ ist im Gegensatz zu anderen Werken Robinsons kein Science-Fiction-Werk der fernen Zukunft, sondern beinahe Gegenwart, da wir uns hierin lediglich einige Jahre in der Zukunft befinden und die Welt sich wie aktuell durch beinahe jeden Wissenschaftler vorhergesagt darstellt.
Somit ein kleiner Schritt in die Zukunft des Klimawandels und wie sollte es anders sein: Wir steigen sogleich mit einem dramatischen Temperaturanstieg in Indien ein. Bei Temperaturen um die 50° C ist klar, dass dies Millionen von Opfern kostet und man stellt sich bereits beim Lesen die Frage, ob wir dem noch entgehen können.
Der Einstieg konnte somit bereits absolut überzeugen und ich freute mich auf einen durchweg spannenden Plot im Fahrwasser des vorangeschrittenen Klimawandels. Dies auch in der Hoffnung, noch mehr über die jeweiligen Abhängigkeiten und auch die auftretenden Risiken beziehungsweise Gefahren zu lesen.
Robinson legt zwar einen wahrlich tiefgründigen und bedeutenden Roman vor – gleichzeitig ließ die Überzeugung jedoch nach, da sein Plot nach und nach eher wie ein Bericht zu klingen scheint und die handelnden Personen – wenn sie denn auftreten – nur als Beiwerk fungieren und nur oberflächlich gezeichnet sind.
Ja, die im Buch enthaltenen Informationen sind interessant und offenbaren die Dramatik des Klimawandels – Leugner beziehungsweise Zweifler werden jedoch eher mit einem spannenden und nervenaufreibenden Plot zu fangen und zu überzeugen sein, als mit einem tiefgründigen darbieten der Daten, Entwicklungen und politischen Missstände; natürlich nur, wenn diese Leute überhaupt mit dem geschriebenen Wort zu fangen sind…
Der Ansatz von Robinson ist nachvollziehbar, notwendig und die Darbietung nicht nur glaubhaft, sondern fundiert vorgelegt. „Das Ministerium für die Zukunft“ wirkt dadurch jedoch leider wie ein Sachbuch über den Klimawandel denn wir ein hochkarätiger Roman, wodurch er mich in seiner Überzeugungsarbeit verloren hat. Man kann wissenschaftliche und hochkarätig wichtige Themen auch dementsprechend transportieren: Entweder sogleich als Fachbuch ohne handelnde Personen oder als anspruchsvollen Roman, jedoch dann natürlich in seiner kompletten Ausarbeitung, was eine voranschreitende und im besten Falle spannende Storyline bedingt. Schätzings „Der Schwarm“ konnte dies ganz gut beweisen und sorgte trotz seiner Darbietung als Thriller für viele ökologische Erkenntnisse und Aha-Effekte in der Leserschaft. Ein ähnliche Vorgehensweise hätte diesem vorliegenden Buch sicher ganz gut getan. Schade, da ich mich wirklich extrem auf einen Robinson mit einbezogenem Klimawandel in der erzählerischen Qualität wie bei „New York 2140“ gefreut habe.
hysterika.de / JMSeibold / 07.11.2021

Jonathan Carroll: Das Land des Lachens

Originaltitel: Land of Laughs
Aus dem Amerikanischen von Rudolf Hermstein
Überarbeitete Neuausgabe 10/2021
©1980 by Jonathan Carroll
©2021 dieser Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-32104-5
ca. 366 Seiten

COVER:

„Mein Traum war es, eine Biografie von Marshall France zu schreiben, dem wunderbaren und sehr mysteriösen Autor der schönsten Kinderbücher der Welt. Bücher wie Das Land des Lachens und Der Sternenteich, die mir im Laufe meines dreißigjährigen Lebens immer wieder geholfen hatten, nicht den Verstand zu verlieren …“

Nach vier Jahren als Englischlehrer an einer Privatschule in Neuengland erfüllt sich Thomas Abbey diesen Traum und macht sich gemeinsam mit seiner Freundin Saxony – eine ebenso glühende Marshall-France-Verehrerin wie er selbst – auf den Weg in die kleine Stadt Galen in Missouri, wo France bis zu seinem frühen Tod ein zurückgezogenes Leben geführt hat.

In Galen angekommen, werden Thomas und Saxony von den Bewohnern ausgesprochen herzlich aufgenommen. Vor allem Anna, die schöne Tochter von Marshall France, scheint Gefallen an Thomas zu finden, und so erlaubt sie ihm nicht nur die Biografie ihres Vaters zu schreiben, sondern gewährt ihm auch Zugang zu dessen persönlichsten Aufzeichnungen.
Thomas wird immer tiefer in die Welt und die Geschichten Marshall Frances hineingezogen, sodass er lange nicht bemerkt, dass es in Galen nicht mit rechten Dingen zugeht. Und als er dem Geheimnis schließlich auf die Spur kommt, ist es bereits zu spät …

REZENSION:

Der Englischlehrer Thomas Abbey ist der Sohn eines berühmten Schauspielers. Dieser Umstand führt dazu, dass er regelmäßig als nichts weiter wahrgenommen wird, da jeder nur nach seiner Beziehung oder Erinnerungen zu seinem bereits verstorbenen Vater fragt. Thomas fühlt sich dadurch regelmäßig in den Hintergrund gedrängt und dementsprechend schlecht sieht es mit seinem Selbstbewusstsein aus.
Durch ein Buch des Schriftstellers Marshall France, welches er als Kind schlicht nicht mehr losgelassen hatte, versuchte er dieser Realität zu entfliehen und in die Welt der Literatur abzutauchen. Im Zuge dessen wurde er zu einem glühenden Verehrer des Schriftstellers France und begegnet dabei der ebenfalls recht kuriosen Saxony, die er beim Kauf einer seltenen France-Ausgabe in einem Buchantiquariat kennen lernt.
Beide machen sich auf den Weg nach Galen, um eine Biografie über ihren literarischen Meister zu schreiben. Galen ist eine kleines Städtchen in Missouri und dort lebt unter anderem auch Anna, die hübsche Tochter des verstorbenen Autors Marshall France.
Thomas und Saxony leben sich recht schnell dort ein und werden in die frühere Lebensumgebung Frances nicht nur aufgenommen, sondern tauchen auch tief hinab in die Gedankenwelt des Autors durch eine Vielzahl an Schriftstücken, Fragmenten, Notizen, Journalen aus der Hinterlassenschaft des Autors.
Nach und nach erkennt Thomas, dass sich scheinbar erheblich mehr hinter der oberflächlichen Kleinstadtfassade verbirgt und dies alles auch mit dem Erbe Frances verknüpft zu sein scheint…
„Das Land des Lachens“ als auch der Schriftsteller Jonathan Carroll waren mir trotz meiner umfangreichen Leseleidenschaft bis dato absolut kein Begriff. Das Buch selbst ist aus dem Jahre 1980 und wohl sein erster Roman, wie es der hintere Klappentext als auch kurze Recherchen im Web offenbaren. Selten recherchiere ich nach Autoren, doch in diesem Falle war es mir wichtig, da ich nach Beenden dieses Werkes nicht glauben konnte, dass dieser Künstler an mir Vorüberging. Wie sich zeigen sollte, war mir nicht ein einziges seiner Werke ein Begriff – ich bin mir aber leider sicher, dass es wohl mehreren Personen so gehen wird.
„Das Land des Lachens“ sollte jedoch in einer ähnlichen Riege stehen, wie andere Klassiker der Weltliteratur und darüber hinaus auch noch Pflichtlektüre in den Schulen werden.
Meine Meinung entsteht aufgrund der Vielfältigkeit im vorliegenden Buch, dem interessanten Nicht-beachten von Genregrenzen und gleichzeitigem Verwenden von nahezu jedem Genre, sei es Liebesroman, Fantastik, Mystik und ein Touch Thriller. Jonathan Carroll bedient dies alles und noch viel mehr. Seine Geschichte besitzt das Potenzial, Menschen die wahren Gründe des Lesens beizubringen. Menschen, die es gewohnt sind, in Bücher und deren Welten abzutauchen, wissen sicher, was ich damit meine. „Das Land des Lächelns“ kann es dem Rest der Welt auf eine sehr eingängige und unglaublich bildhafte Art und Weise nahebringen. Ein literarischer und phantastischer Roman, der die Freude am Lesen am Brennen hält oder eben neu zu entfachen weiß. Eine Geschichte, die geschickt Realität mit dem geschriebenen Wort vermengt und ineinander verwebt, um dann wieder mit einer weiteren Pointe für den nächsten sagenhaften Touch zu sorgen.
Ein Buch, das jeder Freund des geschriebenen Wortes gelesen haben soll – ein Buch, das aus Freundschaft zur Literatur entstanden ist – ein Buch, welches in seiner erzählerischen Kraft für sich alleine spricht…
hysterika.de / JMSeibold / 02.11.2021

R. Goscinny, A. Uderzo (Jean-Yves Ferri & Didier Conrad): Asterix und der Greif

Originaltitel: Astérix et le Griffon
Übersetzung aus dem Französischen: Klaus Jöken
Textbearbeitung: Markus Iking, Wolf Stegmaier, Karoline Westermeyer Benz
©2021 Les Éditions Albert René
© der vorliegenden Ausgabe und der deutschen Übersetzung:
©2021 Les Éditions Albert René , Verlegt von Egmont Ehapa Media GmbH
ISBN 978-3-7704-2439-9
ca. 48 Seiten

COVER:

Wir befinden uns im Jahre 50 v. Chr.
Ganz Gallien ist von den Römern besetzt …
Ganz Gallien? Nein! Ein von unbeugsamen Galliern bevölkertes Dorf hört nicht auf, dem Eindringlich Widerstand zu leisten.

REZENSION:

Es ist natürlich ein unglaublich schweres Erbe, welches Jean-Yves Ferri und Didier Conrad angenommen haben. Die Fangemeinde ist weltweit unzählbar und die Erwartungen bei jedem neuen Band ohnegleichen.
Im Nachgang an diese vorliegende Geschichte, bin ich nun erfreulicherweise der Meinung, dass die beiden nun so langsam richtig gut in die Fußstapfen getreten und diese auch mehr und mehr ordnungsgemäß und passend auszufüllen beginnen. „Asterix und der Greif“ ist ja nicht der erste Band der Post-Goscinny-Uderzo-Phase – dennoch in meinen Augen der Erste, der beweist, dass das Erbe wohl angenommen wurde und die vorherigen Bände eher die ersten Schritte auf diesem schwierigen Pfad darstellten. Somit der Weg in die Reife…
Kurzum ist „Asterix und der Greif“ der beste Band dieser neuen Generation an Geschichten über die beiden wichtigsten Gallier seit dem Jahre 50 v. Chr.
In „Asterix und der Greif“ blitzt der ursprüngliche Humor recht oft durch und es zeigen sich viele schöne neue Ideen, die eigenständig, teils sehr modern sind und sich dennoch problemlos im Asterix-Kosmos breit machen ohne störend zu wirken.
Aus Protagonistensicht ist „Asterix und der Greif“ eher ein Obelix/Idefix-Band, da diese beiden auf humorvolle Art die Hauptrollen übernehmen und den Leser gezielt durch die Story treiben.
Alles in allem ein wundervoller Comic, der durchweg überzeugen konnte, viel Freude bereitet und mir beweist, dass es sich weiterhin lohnt, diesen beiden Galliern und ihren Abenteuern treu zu bleiben.
hysterika.de / JMSeibold / 02.11.2021

Thomas Olde Heuvelt: ECHO

Originaltitel: Echo
Aus dem Niederländischen von Gabriele Haefs
Deutsche Erstausgabe 10/2021
©2019 by Thomas Olde Heuvelt
©2021 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-32098-7
ca. 717 Seiten

COVER:

Nick Grevers hat alles, was man sich vom Leben wünschen kann: Er sieht gut aus, kommt viel in der Welt herum und hat keine Geldsorgen. Seit drei Jahren ist er mit seinem Freund Sam zusammen, gemeinsam leben sie in Amsterdam. Es könnte also alles wunderbar sein, wäre da nicht Nicks Leidenschaft für alpine Hochtouren. Sam teilt Nicks Passion für die Berge ganz und gar nicht, und so ist es wieder einmal Augustin Laber, mit dem Nick in den Schweizer Alpen unterwegs ist. Eines Tages entdecken die beiden einen Gipfel, den sie nicht kennen. Auch die Einheimischen scheinen nichts darüber zu wissen, außer, dass der Berg Le Maudit heißt. Nicks und Augustins Neugierde ist geweckt, spontan beschließen sie, dem mysteriösen Gipfel zu erklimmen. Eine Tour de Force, die zu einem Trip durch die Hölle wird …

Als Sam Avery einen Anruf der Schweizer Polizei erhält, ist ihm sofort klar, dass das eingetreten ist, was er immer befürchtet hat: Nick ist in den Bergen verunglückt. Er liegt schwer verletzt im Krankenhaus, Augustin ist tot. Was ist auf dem Maudit geschehen? Warum verhält sich Nick in den darauffolgenden Wochen zusehends unheimlicher? Hat er gar etwas mit Augustins Tod zu tun? Noch während Sam versucht, Antworten auf diese Fragen zu finden, wird Nick zur tödlichen Gefahr für jeden, der ihm begegnet.

REZENSION:

Obwohl mich Heuvelts HEX nicht wirklich überzeugen konnte, entschied ich mich dazu, seinem umfangreichen neuen Werk mit dem Titel ECHO dennoch eine Chance zu geben. Vielleicht lohnt es sich gar und ich kann mich der Meinung vom De Telegraaf anschließen, die Thomas Olde Heuvelt als den neuen Stephen King titulieren.
Nun, knapp über 700 Seiten später würde ich mich dem zwar nicht anschließen – nichts desto trotz schaffte es Heuvelt auf eine sehr interessante Art und Weise mich überzeugen zu können.
Heuvelt macht es jedoch seinem Leser nicht einfach – sein Schreibstil ist eher als  ungewöhnlich zu betrachten, und er scheut auch nicht davor zurück, recht sprunghaft zu agieren. Dennoch liebt er die Details und lässt seinen Leser tief in die Geschichte eintauchen, was dazu führt, dass man selbst die Kälte der Bergwelt zu spüren scheint – gleichzeitig wird es einem aber auch ab und an ein wenig zu viel des Guten und somit wäre es für die Geschichte ganz gut gewesen, wenn sie nur etwa 500 statt 700 Seiten beansprucht hätte.
Dies ist aber bereits der einzige kleine Haken, da die Story erfrischend neu ist und eine ähnliche Gruselthematik nur schwer zu finden sein wird. ECHO wirkt als Idee herausragend und scheut sich auch nicht, dies offen zu legen.
Der Wahnsinn beginnt recht schleichend, wird jedoch im Laufe der Storyline immer intensiver und drängender. Die Spannungselemente sind hervorragend eingebaut, können unter Umständen jedoch nicht jeden Horrorfan überzeugen, da dieses Werk trotz der mystischen Begebenheiten in der Machart doch eher einem übernatürlichem Thriller entspricht. Teilweise wirkt ECHO wie ein früher Horrorroman, was ihn umso sympathischer macht, da hier bekannte Anleihen verwendet werden und trotzdem perfekt in ihre Umgebung eingebettet sind. Man nehme nur die wütenden, beziehungsweise ängstlichen Dorfbewohner, die ähnlich eines Lynchmobs vor dem Chalet erscheinen und ihr Opfer zu holen gedenken. Diese symbolischen Szenen sorgen für die Lesefreude an diesem umfangreichen Werk. Heuvelt ist dabei sehr ausschweifend, detailversessen und lässt somit nichts missen – was jedoch auch ein wenig die persönliche Fantasie nimmt und dadurch filmhaft zu wirken scheint.
Nichts desto trotz hat Thomas Olde Heuvelt mit diesem Werk ein deutliches Zeichen gesetzt und meiner Meinung nach sein vorheriges Werk deutlich übertroffen.
Ein neuer Stephen King ist er trotzdem noch nicht – er könnte aber so langsam den gleichen Weg einschlagen, wenn er weiterhin auf einem zumindest ähnlichem Niveau zu haften gedenkt.
hysterika.de / JMSeibold / 01.11.2021

Stuart Turton: Der Tod und das dunkle Meer

Originaltitel: The Devil and the Dark Water
Aus dem Englischen von Dorothee Merkel
©2020 by Stuart Turton
Für die deutsche Ausgabe
©2021 by J.G. Cotta’sche Buchhandlung Nachf. GmbH, gegr.1659, Stuttgart
ISBN 978-3-608-50491-0
ca. 608 Seiten

COVER:

Gerade noch hat Samuel Pipps im Auftrag der mächtigen Männer der Ostindien-Kompanie einen kostbaren Schatz in der Kolonie Batavia wiedergefunden.
Nun befindet er sich auf dem Weg zu seiner Hinrichtung. Sein Assistent und Freund Arent Hayes ist mit an Bord der Saardam. Ebenso der Generalgouverneur von Batavia und seine Frau Sara Wessel.
Doch kaum auf See, geschehen unerklärliche Morde. Ein Flüstern weht durch das Schiff, das alle an Bord dazu verführt, ihren dunkelsten Wünschen nachzugeben. Pipps muss seinem Freund Arent und Sara dabei helfen, einem Rätsel auf die Spur zu kommen, das weit in die Vergangenheit zurückreicht. Bevor das Schiff sinkt und sie alle in die Tiefe reißt.

REZENSION:

Jeder, der meinen Rezensionen ein wenig folgt, weiß sicherlich, dass sich darunter nur sehr wenige Kriminalromane befinden. Dies liegt hauptsächlich an dem Umstand, dass die Masse der veröffentlichten Kriminalromane üblicherweise dem gleichen Schema folgen und somit mich zumeist nicht wirklich überzeugen konnten.
Aus mir nicht nachvollziehbaren Gründen musste ich mich jedoch nach kurzem Blick auf das Cover des neuen Buches von Stuart Turton diesem unbedingt widmen. Wie gesagt: Aus nicht nachvollziehbaren Gründen, denn auch der Name Stuart Turton war mir schlicht nicht bekannt.
Nun also ein Kriminalroman auf einem Ostindienfahrer im Jahre 1634 – interessanterweise wohl ausschließlich auf besagtem Schiff.
Stuart Turton beginnt ungebremst und lässt sogleich am Kai von Batavia einen Menschen auf mysteriöse Art in Flammen aufgehen. Dies hält natürlich niemanden davon ab, die anstrengende Reise nach Amsterdam abzubrechen und somit lernen wir eine nicht gerade geringe Anzahl an Mitfahrern kennen, die nach und nach ihren jeweils persönlichen Antrieb offenbaren. Turton beschreibt das Leben und die Jagd nach dem sagenumwobenen Alten Tom sehr detailliert und lässt uns als Leser intensiv daran teilhaben. Er öffnet eine Vielzahl an verschiedenen Türen und man findet sich in einer Geschichte voll Aberglaube, Gier nach Macht, Gewalt, Sexismus und tiefem Glauben in alle Richtungen wieder.
Bereits nach einigen wenigen Seiten stellte sich mir das Buch als reinrassiger Pageturner vor, der einen nicht mehr losließ. Gleichzeitig versucht man natürlich gemeinsam mit Arent die Hintergründe zu erforschen – wie Arent glaubt man als Leser natürlich auch nicht an einen Daemonen, der sein Unwesen auf dem Schiff treibt – oder steckt doch ein wenig Magie, wenn nicht gar der echte Teufel in Gestalt des Alten Tom dahinter?
Die Gefahr auf dem Schiff steigt, die Begleitschiffe sind nicht mehr sichtbar, ein Sturm zieht auf, die Essensrationen werden knapp, der Mörder weiterhin unentdeckt. Die Situation spitzt sich zu und trotz ausufernder Leseerfahrung offenbart sich mir noch immer nicht der Weg in Richtung Lösung. Dies bleibt auch so, da Turton mit „Der Tod und das dunkle Meer“ nichts weiter als ein Meisterwerk erschaffen hat, welches sich im Fahrwasser alter Kriminalfälle befindet, die durch ihre Who-done-it-Machart auch heutzutage ab und an durch kreative Ideen erneut überzeugen können. Ich denke dabei an den recht aktuellen Film „Knives Out“, der in etwa eine angleichende Vorgehensweise darstellt und erst am Ende offenbart, wie sich die Wahrheit dar zu stellen scheint. Turton übertreibt hier sogar und sorgt dafür, dass er dem Leser beim ersten Aha-Effekt in Richtung Ende ein komplett neues Szenario offenbart – ich möchte hier natürlich nichts verraten, aber „Der Tod und das dunkle Meer“ überrascht bis zur letzten Seite.
Schlussendlich zeigt mir dieses Werk, dass wohl auch im Genre der Kriminalromane noch intelligente Überraschungen möglich sind und man als Autor nicht immer das gleiche und simple Schema des „Todesfalls und dann suchen wir den Mörder“ erstellen muss – ein Hinwenden in Richtung kreative Ideen, falsche Fährten, umfangreiche Pläne und Ziele führt zu neuen Lesern und bleibt bei diesen nachhaltig im Gedächtnis.
In meinen Augen jedenfalls ein absolutes Meisterwerk eines Autors, der angeblich mit seinem Debüt „Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle“ bereits für Furore sorgen konnte und somit wohl sein Handwerk absolut versteht.
Ich werde mir jedenfalls nicht nur diesen Namen merken, sondern mich auch schlau machen, wo ich kurzfristig sein Debüt herbekomme – denn ist es nur halb so gut wie „Der Tod und das dunkle Meer“, dann reicht es schon für eine angenehme Lesezeit.
Stuart Turton: Danke für dieses grandiose Werk!
hysterika.de / JMSeibold / 26.10.2021

Jasper DeWitt: Der Angstsammler

Originaltitel: The Patient
Aus dem Englischen von Martin Ruf
Deutsche Erstausgabe 10/2021
©2020 by Jasper DeWitt, LLC
©2021 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-42465-4
ca. 256 Seiten

COVER:

„Joseph E.M. war 1973 im Alter von sechs Jahren zum ersten Mal aufgenommen worden, und eine entsprechende Markierung verriet, dass er sich noch immer in der Obhut der Klinik befand. Die Akte war so dicht mit Staub bedeckt, dass ich mir kaum vorstellen konnte, dass jemand sie während der letzten zehn Jahre geöffnet hatte. Doch die klinischen Notizen waren noch immer vorhanden und in überraschend gutem Zustand, ebenso wie das grobkörnige Schwarz-Weiß-Foto eines blonden Jungen, der mit weit aufgerissenen Augen und wilder Miene in die Kamera starrte. Das bloße Betrachten des Bildes flößte  mir ein Gefühl der Schutzlosigkeit ein.“

Parker machte es sich zur Aufgabe herauszufinden, was hinter der mysteriösen Krankengeschichte von Joe steckt – gegen den Willen seiner Vorgesetzten. Und gegen eine innere Stimme, die ihn bereits warnt, als er das erste Mal den langen Flur zu Joes abgelegenem Zimmer hinuntergeht. Doch seine Neugierde ist stärker und er kann sich der Faszination, die von Joe ausgeht, nicht entziehen. Ist Joe wirklich so verrückt, wie alle behaupten? Oder steckt etwas ganz anderes hinter seinen Symptomen? Etwas, das so abgründig und dunkel ist, dass es sich jedem menschlichen Verständnis entzieht …

REZENSION:

In „Der Angstsammler“ erfahren wir durch seinen persönlichen Blog die Erlebnisse des jungen Psychiaters Parker, der in einer Nervenheilanstalt in Connecticut seinen Dienst antritt und dort mitbekommt, dass sich hier ein Patient seit seinem sechsten Lebensjahr befindet. Gemäß seinen Nachforschungen scheint Joe unheilbar und jeder, der sich ihm zu intensiv nähert, verliert seinen Verstand oder begeht unvorhersehbar Selbstmord.
Natürlich zieht dies Parker faszinierend an und er macht alles, um die Möglichkeit zu erhalten, selbst einen Therapieversuch an Joe zu unternehmen.
Die Vorgesetzten sind skeptisch und eher dagegen – nichts desto trotz wagen sie sich auf seine Initiative ein und geben ihm zeitweise freie Hand. In den ersten Gesprächen zeigt sich Joe sehr kooperativ und wirkt alles andere als verrückt – ist Joe somit ein Gefangener der Klinik, um die monatlichen Zahlungen der reichen Eltern zu erhalten oder spielt Joe auch mit Parkers Leben auf perfide Art und Weise?
Der mir bis dato unbekannte Jasper DeWitt (was wohl ein Pseudonym eines Journalisten ist) legt einen sehr geschickt konstruierten Thriller vor, der in Richtung Ende seinen vorgezeichneten Weg verlässt und dezent den Pfad des Horrorgenres beschreitet. Ein Werk welches seinen Leser definitiv nicht mehr loslässt – die Kapitel sehr kurz, rasant und rundherum spannend in ihrer Darbietung. Es bleibt einem nichts weiter übrig, als weiter zu lesen. Der Plot ist erfrischend anders geschrieben und zeigt sich als Beiträge in einem Blog, der von Parker verwendet wird, um seinen Lesern die persönlichen Erlebnisse nahezubringen. Bereits durch diesen Umstand merkt man natürlich, dass Parker keineswegs das Zeitliche im Laufe der Geschichte segnen wird – somit ist eine gewisse Neuentdeckung oder gar Auflösung vorgegeben.
„Der Angstsammler“ ist relativ ruhig erzählt und lebt von seinen Dialogen – insbsondere die Gespräche mit Joe sind natürlich herausragend und lassen einen tief in die Nervenheilanstalt und die Gedankenwelt der beiden Charaktere eintauchen.
„Der Angstsammler“ ist somit sehr intelligent erzählt und zeigt sich in seiner Gänze als herausragendes Beispiel, wie grandios, tiefgehend und mit einem gewissen Twist versehen auch kurze Romane funktionieren können.
Alles in allem ein perfekt erzählter Spannungsroman mit psychologischem Tiefgang und gewissen Verneigungen als auch Anleihen an früheren Werken der klassischen Psychothriller sowie einem kleinen Touch Lovecraft.
Somit ein rundherum zu empfehlendes Werk, bei dem mich allein der deutsche Titel etwas stört: Im Original heisst das Buch „The Patient“ und das wäre auch der richtige Titel für dieses Werk. „Der Patient“ impliziert höchstens das Vorhandensein von Joe und den Gedanken nach dessen Heilung. „Der Angstsammler“ greift der Geschichte leider etwas vor, was einem im Laufe der Geschichte immer bewusster wird. Meiner Meinung nach ist „Der Patient“ durchdachter, unvorhersehbarer und stimmiger – die Änderung hätte man sich schlicht sparen können.
Gleichwohl: Der Geschichte schadet es natürlich nicht…
hysterika.de / JMSeibold / 17.10.2021

Markus Heitz: Die Rückkehr der Zwerge (1)

Originalausgabe September 2021
©2021 Knaur Verlag
ISBN 978-3-426-22755-8
ca. 479 Seiten

COVER:

DIE KLEINEN WERDEN ERNEUT DIE GRÖSSTEN SEIN

Hunderte Zyklen sind im Geborgenen Land vergangen. Goimron, der als zwergischer Gemmarius in der Stadt Malleniaswacht arbeitet, ist fasziniert von den alten Zeiten seines Volkes, und so sucht er auf den Märkten immer wieder nach Aufzeichnungen und Artefakten, die ihm Hinweise auf die stolze Geschichte der Zwerge geben.

Dabei gerät Goimron überraschend an ein Buch, das handschriftlich und mit Zwergenrunen verfasst wurde. Aufgrund der Fülle von Details gibt es keinerlei Zweifel: Das Buch muss von Tungdil Goldhand selbst stammen – doch der gilt seit Hunderten von Zyklen nach einem verheerenden Beben im Grauen Gebirge als verschollen. Lebt Goldhand etwa noch?

Als Goimron sich begeistert auf die Suche nach dem legendären Zwerg macht, geraten er und seine Gefährten schon bald mitten hinein in uralte Intrigen und brutale Machtkämpfe von skrupellosen Menschen, geheimnisvollen Albae – und Drachen!

REZENSION:

Es war wohl nur eine Frage der Zeit, bis sich Markus Heitz abermals seinem erfolgreichsten Volk zuwendet und deren weiteres Leben dokumentiert.
„Die Rückkehr der Zwerge“ ist dabei nicht einfach eine schlichte Fortsetzung, sondern ein geschickt vorgenommener Neustart, der sowohl Kenner der Zwerge-Reihe als auch Neulinge problemlos für sich einnehmen kann.
Interessanterweise klappt dieser hohe Anspruch sogar und man kann ohne als auch mit Kenntnis in die Welt der neuen Figur namens Goimron eintauchen. Dieser wiederum entdeckt ein handschriftlich verfasstes Buch, welches allem Anschein nach von Tungdil Goldhand selbst verfasst wurde. Lebt Tungdil eventuell noch – spricht nicht allein die bereits vergangene Zeit dagegen? Auch Zwerge leben nicht ewig…
Markus Heitz bleibt sich in diesem ersten Band eines zweibändigen Plots erfreulich treu und offenbart eine gut durchdachte Geschichte, welche die Geschehnisse im Geborgenen Land auf eine sehr interessante Weise weiter erzählt.
Die jeweiligen Stämme wirken zerfasert, wenn nicht gar zerstritten – das Land selbst eher dem Untergang geweiht, was sich durch verschiedenste Machtströme nach und nach darzustellen beginnt.
Wie bereits in den damaligen Bänden gibt es auch hier sämtliche Ingredienzen der klassischen Fantasy-Literatur. Goimron ist mir ebenso sympathisch, wie damals der noch junge Tungdil. Gut, er wirkt etwas unentschlossen und muss noch einiges an Selbstvertrauen gewinnen, um in diese großen Fußstapfen treten zu können – nichts desto trotz befindet er sich auf dem richtigen Weg, was sich besonders durch seinen Dickschädel zeigt, der dafür sorgte, dass auch Tungdil nicht unentdeckt blieb.
Heitz lässt die Zwerge erneut in mancher Episode humorvoll auftreten – jedoch in diesem Band nicht mehr ganz so häufig wie in den allerersten Bänden über die Zwerge. Demgegenüber scheut er sich aber auch nicht davor, etwaige Szenen etwas blutrünstiger darzustellen – was dieser Geschichte sichtlich gut tut und auch Freunde der etwas härteren Machart für sich sicherlich überzeugen kann.
„Die Rückkehr der Zwerge“ ist somit eine gelungene Rückkehr in das Geborgene Land mit einer Vielzahl an neuen Charakteren, die geschickt der Story ihren eigenen Stempel aufdrücken und damit das Geborgene Land hochwertig und auf interessante Weise am Leben erhalten.
Da es sich um ein zweibändiges Werk handelt, endet es natürlich mit einem Cliffhanger – in diesem Fall jedoch nicht störend, da es sich hier endlich mal nicht um eine Wartezeit von einem Jahr bis zum nächsten Band handelt, da dieser bereits November erhältlich sein wird.
hysterika.de / JMSeibold / 17.10.2021

J.R.R. Tolkien: Natur und Wesen von Mittelerde (Hrsg. von Carl F. Hostetter)

Originaltitel: The Nature of Middle-earth. Late Writings on the Lands, Inhabitants and Metaphysics of Middle-earth
Aus dem Englischen von Helmut W. Pesch und Susanne Held
©The Tolkien Estate
Für die deutsche Ausgabe:
©2021 by J.G. Pottasche Buchhandlung Nachf. GmbH, gegr. 1659, Stuttgart
ISBN 978-3-608-96478-3
ca. 720 Seiten

COVER:

TOLKIENS VERMÄCHTNIS: BISHER KOMPLETT UNVERÖFFENTLICHT

Es gibt wohl keine andere Weltenschöpfung, die so viele Leserinnen und Leser in ihren Bann gezogen hat wie Mittelerde. In diesem Buch sind zahlreiche späte Schriften Tolkiens zugänglich gemacht, die erhellen, was es mit ihr auf sich hat: mit den verschiedenen Zeitmaßstäben, die in Mittelerde gelten, mit den Geschöpfen, Tieren und Pflanzen, bis hin zu der Frage, was Tote und Lebendige, Elben und Menschen verbindet und trennt. Und manch einzelne Geschichten aus dem „Herrn der Ringe“, dem „Silmarillion“, den „Nachrichten aus Mittelerde“ werden erst in der Begegnung mit dem tiefen Nachdenken Tolkiens über seine Welt verständlich. „Natur und Wesen von Mittelerde“ enthält ein eigenes Kapitel über die Insel Númenor und ihre Bewohner. Sie wird Schauplatz einer neuen Tolkien-Verfilmung sein.

REZENSION:

Wenn ein Buch in die Literaturgeschichte eingegangen ist, dann mit Sicherheit Tolkiens „Der Herr der Ringe“. Dieses Werk ist und bleibt zeitlos – viele Autoren eifern diesem Werk nach und dementsprechend steht es als Standardwerk der Fantasy-Literatur auf einem ganz eigenen und unerreichbaren Thron. Nur sehr wenige Werke schaffen es, ansatzweise diesen Thron erblicken zu können und wenn man das vorliegende Sachbuch betrachtet, wird einem auch klar, warum dies so ist.
Wer glaubt, der Herr der Ringe wäre ein simpler Fantasyroman ohne besonderen Hintergrund, wird geplättet sein, ob der Vielfalt an Überlegungen, Berechnungen, Verbindungen und Betrachtungen eines Schriftstellers, der scheinbar jeden einzelnen Aspekt seiner selbst erschaffenen Welt mehrmals betrachtet und auf Plausibilität überprüft hat.
Erstaunlich, wie viele Dokumente J.R.R. Tolkien auf simplem Kalender- oder Notizpapier hinterlassen hat. Erstaunlich, wie tief er selbst in seine eigene Welt einzutauchen versuchte, damit jeder einzelne Aspekt unangreifbar für sich alleine steht. Er führte Berechnungen durch, über langjährige Völkerwanderungen, damit es keine Unstimmigkeiten in der Entwicklung von Familien, Erben, Völkern gibt. Es gibt Berechnungen von Zeiten, unterschiedliche Lebensspannen der verschiedenen Völker, Abhängigkeiten voneinander und darüber hinaus neue Ideen, die nur partiell vorhanden sind.
Das vorliegende Buch nimmt all diese Themen auf und offenbart die allumfassende Gedankenwelt dieses großartigen Schriftstellers. Nichts desto trotz muss man im Auge behalten, dass es keine richtigen Geschichten sind, sondern die Darbietung einem Sachbuch entspricht, welches jegliches Dokument aus dem Erbe Tolkiens offenbart.
Dementsprechend scheint es nur geeignet für wirkliche Fans von Mittelerde, die es nicht scheuen, in Tolkiens Gedankenwelt eintauchen zu wollen.
Es sind Fragmente, Zeitskalen, Wachstumsraten, Zeiteinteilungen, Lebenszyklen der Elben, Kräfte, Reisen, Leben, Notizen aller Art und noch vieles mehr hierin aufgeführt. In meinen Augen eine rundum interessante Aufarbeitung des Vermächtnisses von J.R.R. Tolkien. Teilweise zum Querlesen, teilweise zum Eintauchen – in seiner Gänze ein Band, der aufzeigt, wie tiefgründig sich die Welt von Mittelerde entwickelt hatte.
Ich denke, ich sollte mal wieder in den Herrn der Ringe eintauchen …
hysterika.de / JMSeibold / 16.10.2021

Guillermo del Toro & Chuck Hogan: Die Schatten (Die Blackwood-Aufzeichnungen 1)

Originaltitel: The Hollow Ones
Aus dem Amerikanischen von Kristof Kurz
Deutsche Erstausgabe 03/2021
©2020 by Guillermo del Toro and Chuck Hogan
©2021 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-44112-5
ca. 415 Seiten

COVER:

Mississippi-Delta, 1962. Ausgerechnet Earl Solomon, einer der ersten schwarzen FBI-Agenten, soll im Süden einen Lynchmord aufklären – an einem Weißen. Der Tatverdächtige ist ein kleiner schwarzer Junge, der offensichtlich geistesgestört ist. Solomon will den Fall schon aufgeben, da taucht ein Engländer auf, der sich als Hugo Blackwood vorstellt und behauptet, ein böser Geist hätte von dem Kind Besitz ergriffen. Was Solomon in der kommenden Nacht erlebt, verändert sein Leben für immer.

New Jersey, 2019. FBI-Agentin Odessa Hardwicke muss ihren Partner erschießen, als dieser plötzlich ausrastet und ein Kind angreift. Im Moment seines Todes meint sie, einen Schatten zu sehen, der seinen Körper verlässt. Odessa wird suspendiert und soll den Schreibtisch eines ehemaligen Kollegen namens Earl Solomon ausräumen. Als sie ihm von den Schatten berichtet, schickt er sie zu dem einzigen Mann, der der Menschheit jetzt noch helfen kann: Hugo Blackwood …

REZENSION:

Die beiden „The Strain“-Erfinder starten mit „Die Schatten“ eine neue Reihe um den mysteriösen Hugo Blackwood und bleiben sich dabei in ihrer grundsätzlichen Machart rundherum treu: rasantes Tempo, mysteriöse Begebenheiten und ein sich entwickelndes Ermittlerduo, welches bereits durch die kuriose Zusammenkunft für sich sprechen konnte.
Die Story beginnt sehr stark und lässt uns als Leser ungebremst an der mysteriösen Entwicklung teilhaben: Die FBI-Agentin Odessa Hartwicke wird mit ihrem Partner zu einem Einsatz gerufen, bei dem gerade ein Familienvater dabei ist, seine gesamte Familie auszulöschen. Er tötet eine Person nach der anderen und versucht sich schlussendlich seiner jüngsten Tochter zu widmen, als die Agenten ihm Einhalt zu bieten versuchten. Nun dreht sich jedoch plötzlich der Eröffnungsplot, denn auf einen Schlag ist Odessa damit konfrontiert, dass plötzlich ihr Partner Walt auf das Kind loszugehen scheint und sie ihn nur durch einen Schuss aufhalten kann.
Hier beginnt die Welt der Schatten und der Name Blackwood taucht in ihrer Recherche immer öfter auf.
Del Toro und Hogan bleiben sich – wie bereits erwähnt – sehr treu und man bekommt fast das Gefühl, sich hier in einem Seitenplot zu „The Strain“ zu befinden. Natürlich ist dem nicht so, dennoch überzeugen sie mit einer absolut rasanten und durchweg unterhaltsamen Geschichte, gefüttert mit einem immer mysteriöser werdendem Setting. Darüber hinaus offenbaren die Autoren durch Sprünge in die Vergangenheit durchweg die Hintergründe, legen diese nicht nur dar, sondern nehmen diese in unsere Zeit geschickt und nun verstärkt durch deren Nachhall mit, um sie in ihrem übergreifenden Aufbau zu verstärken.
„Die Schatten“ bleiben dabei trotzdem eher eine leichte Unterhaltung und bieten dem Genre zwar sehr interessante Ermittler, jedoch nicht wirklich viel Neues. Dennoch macht dieses Buch unglaublich viel Spaß und sorgt für eine rundum gelungene Unterhaltung mit mysteriösen Gegnern und einem sehr interessanten Hugo Blackwood, dessen Ambitionen und Hintergründe sicher in weiteren Bänden noch vertieft werden.
Ein wunderbarer Start einer hoffentlich schnell voranschreitenden Reihe – aktuell scheint hier noch nicht wirklich was vorzuliegen? Pure Unterhaltung für einen spannenden und gemütlichen Leseabend zum persönlichen Abschalten und Abtauchen.
Würde mich darüber hinaus nicht wundern, wenn hier nicht auch – wie bei „The Strain“ – eine dementsprechende Film-Serie entsteht.
hysterika.de / JMSeibold / 16.10.2021

John Marrs: The Watchers – Wissen kann tödlich sein

Originaltitel: The Minders
Aus dem Englischen übersetzt von Felix Mayer
Deutsche Erstausgabe 09/2021
©2020 by John Marrs
©2021 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-32137-3
ca. 542 Seiten

COVER:

„Vor Kurzem hat das Kollektiv die IT-Systeme einzelner Staaten gehackt. Die Technologien, mit denen wir uns schützen, entwickeln sich nicht so schnell, wie diejenigen, mit denen wir angegriffen werden. Und aus diesem Grund plädiere ich für einen neuen Ansatz, um unsere Daten offline zu sichern.“
Edward Karczewski, Leiter Operative Abwicklung

Auf den ersten Blick haben Restaurantbesitzerin Flick, Dauersingle Charlie, Ingenieurin Sinead und der alleinerziehende Vater Bruno nichts gemeinsam – außer, dass sie alle in einer tiefen Lebenskrise stecken: Flick muss einen tragischen Verlust verkraften, Charlie ist einsam, nachdem alle seine Freunde Familien gegründet haben, Sinead wird von ihrem Ehemann drangsaliert und Bruno wurde von seiner Frau betrogen. Sie alle klicken eines schönen Abends auf einen Link, der sie zu einem schwierigen Rätsel führt. Wer das Rätsel löst, der bekommt die Chance auf ein neues Leben, so verspricht es die Social-Media-Anzeige. Keiner der vier ahnt, dass dieser Link sie direkt in ein geheimes Regierungsprogramm katapultiert. Ausgestattet mit einer neuen Identität, beginnen sie fernab von ihren Heimatstädten ein völlig neues Leben im Wohlstand – das einzige, das sie dafür tun müssen, ist, die Staatsgeheimnisse Großbritanniens mit ihrem Leben zu schützen. Doch einer von ihnen ist ein Verräter, und schon bald beginnt eine mörderische Jagd auf die Wächter …

REZENSION:

John Marrs legt mit „The Watchers“ einen weiteren Near-Future-Thriller vor, der sich nicht nur mit seinen beiden Vorgängern messen, sondern sich auch in deren Fahrwasser befindet. „The Watchers“ ist somit das dritte Werk von Marrs, welches zwar komplett eigenständig funktioniert, jedoch nahezu nahtlos an die Vorgänger anschließt. Insbesondere durch einige kleine Spoiler innerhalb dieses Buches wäre es vorteilhaft, wenn man sich zuerst mit „The One“ und „The Passengers“ befasst, da einige Informationen darin in „The Watchers“ als Basis angenommen werden und eben auch ein wenig erweitert bzw. gespoilert werden.
Darüber hinaus muss ich ganz ehrlich sagen, dass der Genuss der beiden genannten Bücher auch essentieller Art ist, da diese beiden Werke in ihrer Machart auf einem erheblich höherem Spannungslevel spielen als der neueste Wurf John Marrs’.
Die grundsätzliche Idee ist abermals als sehr interessant zu betrachten: 5 absolut unbekannte und nicht verlinkte Personen werden auf Basis eines Rätsels ausgesucht und in ein anderes Leben transferiert, um sich unbeachtet um die Staatsgeheimnisse Großbritanniens zu kümmern. Zu kümmern heißt hier nichts weiter, als dass man diese Daten implantiert bekommt und sich diese auch zeitweise mit den eigenen Gedanken zu vermischen scheinen. Hintergrund dieser Idee ist der Umstand, dass die technischen Errungenschaften der Hacker schneller voranschreiten als die Abwehrmechanismen des Staates. Aus diesem Grund versucht man die Speicherung der Daten außerhalb der digitalen Welt – somit „offline“.
John Marrs bisherige Werke legten den Maßstab außerordentlich hoch – dementsprechend gespannt war ich auf dieses Werk, in der Hoffnung, Marrs legt hier noch einen drauf.
„The Watchers“ kann diesen Wunsch leider nicht erfüllen – viel zu viel Zeit lässt sich der Autor und darüber hinaus besteht nahezu keine Chance, sich mit den fünf Personen in irgendeiner Art zu identifizieren, um deren Gedankenwelt aufzusaugen.
Im Gegensatz zu seinen grandiosen Vorgängern in diesem Near-Future-Setting bleibt er erstaunlich blass und unnötig langatmig. Darüber hinaus ist einem innerhalb kürzester Zeit klar, wie sich die Story entwickeln wird – John Marrs bestätigt dies durch einen fehlenden Überraschungseffekt, der eventuell noch für eine kleine Steigerung meiner Meinung hätte sorgen können.
Warum er bereits nach einigen Seiten einen harten Spoiler zu „The One“ und „The Passenger“ offenbart, entzieht sich meiner Kenntnis – sicher gibt es doch Leser, die eventuell durch „The Watchers“ auf diesen Autor aufmerksam werden.
Alles in allem zeigt sich „The Watchers“ als seelenloser Actionfilm ohne besonderen Tiefgang. Die Darsteller bleiben oberflächlich und der schnelle Kapitelcut sorgt zusätzlich dafür, dass sich keiner der Beteiligten tiefer entfalten kann. Das Potenzial wäre vorhanden gewesen, da jeder der Fünf mit seinen eigenen Dämonen zu kämpfen hatte – nur zeigt dies der Autor allenfalls beifällig.
Die Grundidee und das Setting ist interessant, die Storyline zu dünn und zu leicht nachvollziehbar. Nach wie vor lassen sich die beiden genannten Werke uneingeschränkt empfehlen, „The Watchers“ schafft es jedoch nicht, auch nur annähernd an deren Qualität heran zu kommen.
hysterika.de / JMSeibold / 16.10.2021

Luisa Neubauer & Bernd Ulrich: Noch haben wir die Wahl

©2021 by J.G. Pottasche Buchhandlung Nachf. GmbH, gegr. 1659, Stuttgart
ISBN 978-3-608-50520-7
ca. 237 Seiten

COVER:

DEINE NORMALITÄT IST MEINE KRISE – WIR MÜSSEN REDEN!

2021 ist ein Jahr der Zäsur. Mit der Bundestagswahl endet nach 16 Jahren die Ära Merkel, und in einer historischen Entscheidung stärkt das Bundesverfassungsgericht die Freiheitsrechte der jüngeren Generation. Die Ökologie steht nun endlich im Zentrum aller Zukunftsfragen: Wirtschaft, Verkehr, Ernährung, aber auch Wissenschaft, Journalismus und Politik – elementare Bereiche der Gesellschaft müssen neu gedacht werden. Große Umbrüche stehen bevor. Und es hängt viel davon ab, ob wir gemeinsame Lösungen finden. Wieviel Ehrlichkeit verträgt der Konflikt zwischen den Generationen? Wir müssen dringend miteinander reden!

Aktivistin und Vize-Chefredakteur, Studentin und Familienvater: Spannend, offen und klug diskutieren Luisa Neubauer und Bernd Ulrich die Schicksalsfragen unserer Tage. Denn noch haben wir die Wahl.

REZENSION:

Mit „Noch haben wir die Wahl“ legt der Tropen-Verlag ein sehr interessantes Gespräch dar, welches von Vertretern zweier Generationen geführt wird und dementsprechend verschiedene Erfahrungen als auch Wünsche offenbart. Thema ist der Klimawandel, wie in der Vergangenheit damit umgegangen worden ist und wie wir gemeinsam den richtigen Weg einschlagen könnten.
Der Titel ist doppeldeutig zu betrachten, da dieses Buch rechtzeitig vor der Bundestagswahl veröffentlicht worden ist und somit auch den Blick in diese Richtung geht.
Die Diskussion der beiden vermeintlichen Kontrahenten ist sehr auf gegenseitige Augenhöhe bedacht, scheut sich aber auch nicht davor, den anderen ab und an etwas herausfordern zu wollen. Beide argumentieren auf einem sehr intelligenten Niveau mit ausreichend Hintergrundinformationen. Trotz der unterschiedlichen Lebenserfahrungen begegnen sie dem selben Problem und versuchen sich diesem auf ihre jeweils eigene Art anzunehmen.
Eine allumfassende Lösung bieten beide in sich selbst natürlich ebenfalls nicht – es zeigt sich aber deutlich, dass nun die Zeit des Redens vorbei sein sollte und jeder für sich einfach mal anfängt und nicht auf Basis des „Whataboutismus“ mit dem Finger regelmäßig woanders hin zeigt. Natürlich gibt es Einschränkungen – gleichzeitig stellt sich aber die Frage, ob das denn wirklich Einschränkungen oder nur leibgewonnene Gewohnheiten sind, deren Entfernen nicht wirklich weh tun würde.
Viele Meinungen zeigen in andere Länder und argumentieren mit dem angeblich geringen Anteil Deutschlands am weltweiten Ausstoß – dass jedoch eine nicht gerade geringe Zahl an Ländern bereits erheblich weiter ist als unser angeblich so Fortgeschrittenes wird allzu oft verdrängt. Hinzu kommt der simple Umstand, dass der Erste auch der Innovative sein wird, was die dafür notwendige Wirtschaft sprunghaft nach vorne bringen oder doch zumindest auf der richtigen Bahn befindlich aufstellen könnte.
Wenn hier noch lange nichts geschieht, werden wir nicht nur rechts überholt, sondern schlicht übersehen…
„Noch haben wir die Wahl“ zeigt nicht nur unterschiedliche Sichtweisen – nein, es offenbart auch eine gelungene Debatte auf Augenhöhe. Diese Art der Diskussion scheint immer mehr verloren zu gehen und in Richtung Hatespeech abzudriften – schade, da sich eine gemeinsame Themenbefassung als erheblich ergiebiger darstellen kann. Das vorliegende Buch zeigt dies jedenfalls sehr deutlich.
hysterika.de / JMSeibold / 16.10.2021

Rita Falk: Rehragout-Rendezvous

Originalausgabe 2021
©2021 dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München
ISBN 978-3-423-26273-6
ca. 301 Seiten

COVER:

„Ich kenn den Steckenbiller Lenz jetzt seit siebenundvierzig Jahren“, keift mir die Mooshammer Liesl daher. „Seit siebenundvierzig Jahren verbringt der Lenz jedes Weihnachtsfest daheim. Und seit siebenundvierzig Jahren …“
„Ja, versteh schon“, muss ich sie hier unterbrechen. „Aber nochmals, Liesl: Der Steckenbiller Lenz, der ist erwachsen. Es gibt keine Vermisstenanzeige. Und ohne Vermisstenanzeige keine Ermittlungen.“

Zefix! Daheim hockt der Leopold und jammert, weil seine Familie in Thailand festsitzt wegen so einem depperten Virus. Im Rathaus herrscht Zickenkrieg, seit der Bürgermeister sich die Hax’n gebrochen hat, weil die Susi, die macht jetzt einen auf Möchtegern-Bürgermeisterin. Die Oma tritt in den Kochstreik, und der Steckenbiller Lenz bleibt ums Verrecken verschwunden. Als dann auf dem Steckenbiller-Acker ein Goldzahn auftaucht, heuert der hyperaktive Rudi den pensionierten Leichenspürhund Wilhelm an. Und vorbei ist’s mit der Ruhe für den Franz. Denn der Goldzahn war nur der Anfang …

REZENSION:

Rita Falks Erfolgsserie geht nun bereits in die elfte Runde. Zwischendurch stellte ich mir die Frage, ob sich das Thema nicht nach und nach selbst auflösen wird. Insbesondere durch den ein oder anderen Hänger in manchem Vorgängerband stellte sich mir diese Frage. Interessanterweise konnte Rita Falk jedoch immer wieder zur rechten Zeit die Kurve bekommen und dem Thema etwas Neues abgewinnen.
Nun also ein Buch ohne erkennbaren Mordfall – dafür im Gegenzug ein sehr intensives Eintauchen in die direkte Umgebung des Eberhofers: Oma streikt und kommt ihren Pflichten nicht mehr nach, die Susi macht das Gegenteil und kommt mehr Pflichten nach, als sie wohl sollte – immerhin nimmt sie ohne große Nachfrage das Amt des Bürgermeisters als Stellvertreterin ein, da der Meister selbst sich seinen Hax’n gebrochen hat und somit bis auf Weiteres ausfällt.
Dabei entstehen neue Erkenntnisse über die jeweiligen Persönlichkeiten der Mitbürger von Franz. Oma chillt ihr Leben, Essen gibt es halt dann für die verwöhnte Truppe nicht. Susi lässt die Managerin heraushängen und kleidet sich auch dementsprechend adäquat ein.
Nur der Franz bleibt der Franz und steht beinahe kopfschüttelnd und fast hilflos daneben.
Hinzu schleicht sich nach und nach ein Fall ein, der hauptsächlich durch den Rudi in den Vordergrund gedrängt wird.
Prinzipiell beinahe wie gehabt, dennoch abermals interessant und zum Schmunzeln anregend.
Grundsätzlich hätten der Geschichte noch einige Schenkelklopfer gut getan – alles in allem scheint es der Story aber auch ganz gut zu tun, hier mehr auf die Persönlichkeiten Wert zu legen.
Rehragout-Rendezvous lässt sich salopp lesen, macht erneut viel Freude und sorgt für witzige Provinzunterhaltung, an der ich mich einfach nicht satt lesen kann. Die gesamte Reihe um den Eberhofer Franz ist bei mir der einzige Blick in eine komplett andere Leserichtung und auch dieser Band sorgte schlussendlich dafür, dass ich ebenfalls hoffe, noch sehr lange und sehr viel über die Bewohner Niederkaltenkirchens lesen zu können.
hysterika.de / JMSeibold / 11.10.2021

Richard Chizmar: Gwendys Zauberfeder

Originaltitel:Gwendy’s Magic Feather
Aus dem Englischen von Sven-Eric Wehmeyer
©2019 by Richard Chizmar
© 2021 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-27295–8
ca. 271 Seiten

COVER:

DAS BÖSE KOMMT ZURÜCK NACH CASTLE ROCK

Vor vielen Jahren bekam Gwendy von einem mysteriösen Mann einen verfluchten Wunschkasten. Damals konnte sie das unheilvolle Ding wieder loswerden, aber plötzlich tritt es wieder in ihr Leben. Hat das Wiederauftauchen mit den grässlichen Geschehnissen zu tun, die Castle Rock derzeit heimsuchen?

REZENSION:

Nach der doch recht großartigen Geschichte namens „Gwendys Wunschkasten“, die in Zusammenarbeit von Stephen King und oben genanntem Richard Chizmar entstanden ist, liegt nun ein Fortsetzungsroman vor, der noch einmal den Blick auf die nun erwachsen gewordenen Gwendy richtet.
Gwendy selbst arbeitet nach ihren schriftstellerischen Erfolgen mittlerweile als Kongressabgeordnete und steht dementsprechend in der Öffentlichkeit. Eines Tages befindet sich auf ihrem Schreibtisch eine alte Silbermünze – Kenner des ersten Bandes wissen sogleich Bescheid. Der Wunschkasten ist nicht weit und somit wird Gwendy abermals genötigt, die große Herausforderung anzunehmen, die der Wunschkasten seinem aktuellen Besitzer auferlegt.
Im Gegensatz zum ersten Buch hat sich hier Stephen King zurück gezogen und das Zepter zu 100% an Richard Chizmar übergeben. Chizmar selbst führt die Story passend und eingängig fort. Nichts desto trotz kann er den Charme der ersten Geschichte leider nicht mehr erreichen – er bleibt dafür ein wenig zu oberflächlich und lässt auch mögliche Spannungselemente eher unbeachtet liegen.
Das Buch lässt sich für Kenner der Geschichte mit der jungen Gwendy dennoch problemlos genießen, da die Story zwar brav, dennoch ganz gut durchdacht ist. Darüber hinaus gibt es für Fans des Großmeisters eine Vielzahl an Reminiszenzen, die in einer Häufigkeit auftauchen, wie sich wohl King selbst nie getraut hätte. Castle Rock lebt weiter und es macht einem treuen Fan schlicht immer wieder eine Freude, wenn man sich dort aufhalten darf – auch wenn es gerade mal etwa 270 Seiten sind.
Leser, denen Gwendys Wunschkasten nichts sagt, sollten meiner Meinung nach erst einmal die Finger von diesem Wohlfühlroman lassen – zu viel Wissen würden fehlen, um hier die weitere Episode in Gwendys Leben ausreichend akzeptieren zu können.
Alles in allem funktioniert auch dieses Werk ausreichend gut – kommt jedoch nur ansatzweise an die gemeinsame Zusammenarbeit heran. Chizmar hätte hier ruhig etwas mehr Druck aufbauen können – die Grundidee und das Setting hätten es allemal hergegeben. Dennoch eine angenehme Fortsetzung eines kleinen aber feinen Romans der beiden Herren.
hysterika.de / JMSeibold / 16.09.2021